(Anmerkung des Autors: Sie können sich diese Kritik vorlesen lassen. Klicken Sie dazu bitte HIER.) Atemberaubende Virtuosität und ein emotionales Vollbad bot das sechste Abonnementkonzert gestern Abend im ausverkauften Auditorium. Die Erwartungen waren hochgespannt: zum einen war man neugierig auf das Gastorchester, das Orquestra Philharmonica de Málaga unter seinem Chefdirigenten José Maria Moreno, zum anderen sah man mit einer gewissen Vorfreude dem weltbekannten Virtuosen Aleksei Volodin entgegen. Die Hoffnungen wurden nicht enttäuscht, was Volodin angeht sogar noch übertroffen. Das Orchester überzeugte mit voluminösem Spiel und präziser Artikulation. Der Abend geriet zum Triumph.
Das dritte Klavierkonzert von Sergeij Rachmaninoff ist ein physischer Kraftakt sondergleichen. Der Pianist hat kaum Pausen und muss das Monument, das Rachmaninoff da geschaffen hat, Stein für Stein buchstäblich im Schweiße seines Angesichts erklimmen. Im Durchschnitt verbrennt er dabei etwa 750 Kilokalorien. Diesen Wert hat ein Experiment mit der Pianistin Juja Wang in der New Yorker Carnegie Hall ergeben. Er erklärt sich mit der extrem hohen Notendichte, großen Spannweiten, kraftvollen Akkordpaketen, an Raserei grenzender Virtuosität und der gigantischen mentalen Anspannung. Die Bewältigung der physischen Tour de force ist jedoch nur die Voraussetzung für eine packende Interpretation. Wenn nicht ein stilsicherer Instinkt und emotionale Hingabe dazu kommen, erschöpft sich die Darbietung in bloßer Kraftmeierei, die kaum jemanden berührt. Davon konnte bei Volodin keine Rede sein: mit hohem emotionalem Engagement ließ er nicht nur die Läufe blitzen und die Akkordkaskaden donnern, sondern riss das Publikum in einen wahren Gefühlsstrudel hinein und drang tief in die Herzen der atemlos lauschenden Zuhörer ein. Moreno begleitete mit seinem recht jungen Orchester auf Augenhöhe und wurde zum kongenialen Partner.
Mit Tschaikowskys „Pathétique« trat das Orchester aus seiner Begleitfunktion und wurde selbst zum Solisten. Moreno schöpfte die ganze Klangfarben-Palette der dichten Partitur aus und breitete den ungeheuren emotionalen Kosmos vor einem sichtlich ergriffenen Publikum aus. Der erste Satz geriet zu einem Wechselbad der Gefühle, Hoffnung und Depression lösten einander ab. Die lichten Momente im Allegro con grazia wurden von den auch diesem Satz innewohnenden Schatten konterkariert. Der Triumphmarsch, der eigentlich keiner ist, wurde in seiner anfänglichen Siegessicherheit gedämpft, auch in ihn hat Tschaikowsky die Selbstzweifel, die ihn ein Leben lang quälten mit hineinkomponiert. Das Finale schließlich, Tschaikowskys Abschied vom Leben, erschloss die ganze Tragik eines Künstlerlebens und verlosch auf eine ungemein berührende Art und Weise in tiefer Resignation. Moreno erzwang durch seine Gestik nach dem letzten Ton einige Momente der Stille, ehe der mehr als verdiente jubelnde Beifall losbrach. (Ein solches Innehalten hat Gustav Mahler übrigens nach dem Ende seiner neunten Sinfonie ausdrücklich gefordert, auch sie endet nicht, sondern erlischt und führt in die Stille.) – Vom ergreifenden Erlebnis dieses Abends müssen die Abonnenten nun eine Weile zehren, das nächste Konzert findet erst am 19. März statt. Dann ist Pablo Mielgo wieder aus Miami zurück, wo er gerade an der Florida Grand Opera die „Fledermaus« dirigiert. Auf dem Programm stehen das erste Klavierkonzert von Tschaikowsky und Beethovens fünfte Sinfonie.