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Der Zeugungsakt für den Weltenentdecker

Für die einen ist die Burg von Santueri eine Ruine, für andere nahezu ein Heiligtum

Ein Stich aus dem 19. Jahrhundert zeigt die Ruine der Burg von Santueri. Hier war im 15. Jahrhundert der Prinz von Viana inhaftiert. | Foto: Archiv Ultima Hora

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Eine Handvoll Forscher vertritt unbeirrbar eine These, die für die meisten anderen ihrer Zunft weltweit wie ein Affront wirkt: Christoph Kolumbus, so diese zumeist auf Mallorca ansässigen Verfechter, stammte nicht aus Genua, wie es in nahezu jedem Schulbuch heißt, sondern aus Mallorca. Doch was hat diese nunmehr gut 50 Jahre alte Theorie mit der Burg von Santueri zu tun?

Nichts, glaubt man den meisten Wissenschaftlern. Alles, schenkt man den aufrechten Heretikern Glauben: Hier, auf der Burg, könnte der Ort gewesen, an dem Christoph Kolumbus' Leben - zumindest im embrionalen Stadium - tatsächlich begann.

Eine gewagte These, die ihren Reiz hat. Auch Burgbesitzer Joaquín Vidal verschließt sich dieser "Entstehungsgeschichte" nicht: "Wer weiß, vielleicht wurde er wirklich hier gezeugt?!"

Der Sachverhalt ist folgender: Im Jahre 1459 befand sich prominenter Besuch auf der Burg: Carles, Prinz von Viana, war seines Zeichens Thronfolger der aragonesischen Krone und somit Sohn des herrschenden Königs Joan II.. Doch der Vater hatte den Sohn nicht als höfischen Botschafter zur Visite nach Mallorca entsandt, sondern als Gefangenen in der abgelegenen Festung festsetzen lassen. Der Filius hatte sich im Vorfeld mit den Widersachern seines Vater verbündet und gegen den Alten geputscht. Das Heldenstück misslang gründlich, und letztlich schonte Joan II. in väterlicher Milde beziehungsweise Berechnung das Leben des Prinzen.

Allzu streng scheint die Gefangenschaft in der Veste auf dem 423 Meter Santueri-Berg nicht gewesen zu sein, die der Viana-Prinz dort bis 1460 verleben musste. Der 38 Jahre alte Mann hatte in jener Zeit eine Liebschaft mit einer jungen Frau, Margalida Colom, vom benachbarten Bauernhof Alquería Rossa. Die Insulanerin ist für die Vertreter der mallorquinischen Kolumbus-These die Schlüsselfigur: Das schwangere Landmädchen brachte einen Sohn zur Welt, der später als Seefahrer ganz neue Welten entdecken sollte.

Seine Kindheit zumindest dürfte "Tofol Colom" den mallorquinischen Thesen zufolge im Raum Felanitx verbracht haben. Zu Ehren des örtlichen Heiligtums Sant Salvador auf dem Hausberg des Dorfes nannte er das erste von ihm in "Indien" gesichtete Eiland "San Salvador", eine weitere Insel taufte er auf den Namen seiner Mama "Isla Margalida", wie in den ältesten Seekarten festgehalten wurde.

Warum all diese Geheimniskrämerei um die wahre Herkunft des "falschen Genuesen"? Eben weil aufgrund des Dauerzoffs in der aragonesischen Königsfamilie, samt Revolten, Mord und Totschlag, es für Kolumbus tunlichst angebracht war, nach außen hin nicht als ein weiterer, wenn auch illegitimer Thronanwärter in Erscheinung zu treten. Nicht zu vergessen: Sein "Vater" starb bereits 1461 nach einer verkorksten Aussöhnung mit Joan II.. Der Verdacht, die böse Stiefmutter habe ihn vergiftet, ist bis heute nicht ausgeräumt.

Carles, Prinz von Viana, war nicht der erste Aragonese, der eine Rolle auf der Burg von Santueri spielte. Einer seiner Vorfahren, genauer: König Jaume I., war es, der die Burg eroberte. Er war 1229 auf Mallorca gelandet und hatte bis zum Jahresende das damalige Palma - Medina Mayurqa - von den islamischen Mauren erobert. Auf Santueri leisteten die Verteidiger noch bis 1231 Widerstand. Dann wurde auch ihnen der Garaus gemacht.

Später bekriegten sich Jaumes Erben auf der Insel. Wieder wurde Santueri belagert. Jaume III., der letzte Herrscher des Königreichs von Mallorca, wies seine Mannen vergeblich an, bis zum Letzten in der Burg auszuharren. Die Söldner ergaben sich 1343 Pere VI. , einem Vetter Jaumes und zugleich König von Aragón, der gekommen war, das Inselreich einzukassieren. Jaume III. verlor im Zuge dieser Entwicklungen erst Mallorca und 1449 auch noch den Kopf auf dem Schlachtfeld bei Llucmajor.

Die Burg von Santueri war in Urzeiten vermutlich ein heidnisches Heiligtum. Darauf lässt die Herkunft des Namens schließen. Als die Festung später ihre militärische Bedeutung verlor, verfiel sie zusehends und geriet in Vergessenheit. Sollte sich eines Tages die mallorquinische Kolumbus-These beweisen lassen, dürfte der Felsen erneut zu einem Heiligtum werden. Felanitx und seine Burg als Wiege des Amerika-Entdeckers: Das wäre doch was!

(aus MM 7/2014)

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