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Auf dem Boot zu Hause: So lebt eine deutsche Familie auf Mallorca ihren Traum

Wenn Jonathan nicht dem Papa beim Kurshalten hilft, kuschelt er bevorzugt mit Mama Melanie am Steuerstand. | privat

| Mallorca |

Melanie Bauers wirkt angespannt, rutscht nervös auf ihrem Stuhl hin und her, während sie von den schlimmsten Minuten ihres Lebens erzählt: „Vor jedem Sturm haben wir den Ankersitz kontrolliert. Nur dieses eine Mal nicht, Martin war krank, ich wollte ihn nicht wecken. Und dann kam der Sturm viel früher als erwartet. Das Boot schaukelte im Wind, dessen Wucht riss den Anker los und wir bewegten uns einfach zu schnell auf die anderen Boote zu”, schildert die junge Mutter den Schockmoment auf dem Katamaran.

„Unglaublich, wie das Adrenalin in dich reinfließt. Ich habe noch geschrien: ‘Das Boot bewegt sich! Auf die Felsen zu!’, dann hat sich ein Beiboot in einem der Motoren verfangen. Martin kämpfte am Steuer, ich habe die Fender rausgeholt, damit wir, falls wir das andere Boot rammen, keinen zu großen Schaden anrichten. Wir hatten einfach verdammt großes Glück!”

Rund 20 Minuten hat der Sturm angedauert, der Wind ließ nach, als sich das Segelboot fünf Meter vor den Felsen befand und 50 Zentimeter von der Nachbarsyacht entfernt. Glück gehabt. Großes Glück: „Hätte unser Sohn Jonathan nicht tief und fest in der Koje geschlafen, wäre das anders ausgegangen.”

Melanie Bauers kann einige Abenteuer erzählen, das Leben auf einem Katamaran ist eben alles andere als langweilig: „Immer geht etwas kaputt, man muss ständig improvisieren”, lacht die 33-Jährige, während sie mit ihren zarten Fingern die roten Haare hinter das linke Ohr schiebt. Sie sagt das schon wie ein alter Seebär, dabei ist die studierte Betriebswirtin erst vor einem Jahr aktiv unter die Segler gegangen. „Wir haben unsere Jobs gekündigt, die Wohnung vermietet und sind Anfang letzten Jahres aufs Boot gezogen.” Das Ziel: Segeltörns um Mallorca anbieten und ein Leben auf dem Meer genießen. Die Idee entstand 2017 bei einer Katamaran-Tour während der Flitterwochen auf Mallorca: „Wir haben uns gegenseitig angesehen und gesagt: ‘Das ist das Leben’. Und wir taten einfach alles dafür, diesen Traum zu verwirklichen.”

Der kleine Jonathan lebt mit seinen Eltern an Bord der „Jona”. Er war auch mit dabei, als sein Vater Martin Bauers den Katamaran im Juni 2020 vom spanischen Festland nach Mallorca steuerte.

Ein großer und mutiger Schritt, schließlich waren beide in der Heimat beruflich sehr gut aufgestellt, Melanie verdiente zuletzt als Unternehmensberaterin ein sechsstelliges Gehalt: „Höher, schneller, weiter, das war mein Motto. Ich wollte ganz nach oben, habe nachts und an den Wochenenden gearbeitet. Und irgendwann ging nichts mehr.” Burnout. Bauers verließ das Unternehmen, kurz darauf folgte die lange ersehnte Schwangerschaft mit Sohn Jonathan. Die neu gewonnene Zeit hat die werdende Mutter gleich wieder in den Traum vom eigenen Business investiert, hat zu rechtlichen und steuerlichen Besonderheiten recherchiert, zu Scheinen und Lizenzen. Ehemann Martin lernte segeln, sammelte Seemeilen, machte Schulungen und wurde Rettungsschwimmer. Zusammen arbeiteten sie einen ausführlichen Geschäftsplan aus und klapperten sieben Banken ab, um ein Darlehen für das Boot zu bekommen. Irgendwann sagte eine Ja und der Traum nahm langsam Form an. 2019 machten die drei dann samt Schwiegereltern wieder einen Mallorca-Urlaub. Eine Woche auf einem Katamaran, um mal zu sehen, wie das so läuft. Und es lief gut.

Wieder ein Jahr und zahlreiche Reparaturarbeiten später, im März 2020: Die „Jona”, eine 2005er Lagoon 380S2, ist endlich einsatzbereit. Sie liegt noch vor dem spanischen Festland, im Hafen von Cartagena in Murcia. Gerade will die Familie die Segel setzen und in Richtung Palma loslegen – Lockdown.

Türkiser Traum: Hier ankert die "Jona" im Südwesten von Mallorca.

„Drei Jahre haben wir auf diesen Moment hingearbeitet, uns auf alle Eventualitäten vorbereitet. Aber eine weltweite Pandemie – damit haben wir nicht gerechnet.” Corona hat die Auswanderer mit voller Breitseite erwischt, vier Monate mussten sie in Cartagena am Hafen eingesperrt auf schaukelnden elf mal sechs Metern ausharren, dann ging es endlich nach Mallorca. Eigentlich wollten die Jungunternehmer schon im Ostergeschäft mit „www.sailingjona.com” durchstarten, doch bis Mitte Juli ging gar nichts. Und auch da sorgten Maskenpflicht und Quarantäne-Regelungen für Buchungsrückgänge und Stornierungen – nach acht Wochen mussten die Bauers die Saison wieder beenden.

Als guter Seemann hat Jonathan in nahezu jedem Hafen eine Freundin, mit der er an Deck spielt.

Wie viel Optimismus kann man nach so einem Startjahr noch aufbringen? Viel, fragt man die Zittauerin: „Das wird ein gutes Jahr. Es sind weniger Charterunternehmen tätig, daher ist der Wettbewerb nicht so hart wie erwartet. Und da wir nur maximal zehn Gäste aufnehmen, sind wir für viele unserer Gäste eine der sichereren Möglichkeiten für einen Ausflug.” Nach vorne schauen, sich nicht unterkriegen lassen – was anderes bleibt der Familie auch nicht übrig. Ab Herbst muss sie den Kredit zurückzahlen, 2021 wird also zum Entscheidungsjahr: „Dieses Jahr muss funktionieren, sonst müssen wir das Boot verkaufen.” Und das möchte Melanie Bauers auf keinen Fall. Viel zu sehr genießen die drei das Leben auf dem Boot.

Nach dem Aufstehen direkt aufs Stand-up-Paddle, täglich Sonnenuntergänge in erster Meereslinie, Meeresrauschen zum Einschlafen und Aufwachen. Jeden Tag. Das alles möchte sie nicht mehr missen, auch, wenn das Bootsleben mit einem Kleinkind schon so manche Tücken bereithält: „Natürlich muss man mit Kind an Bord besonders vorsichtig sein! Aber eigentlich ist unser Leben hier überraschenderweise nicht viel anders als in einer Wohnung in der Stadt. Der einzige Unterschied ist, dass wir Jonathan nicht mit dem Auto zum Kindergarten bringen, sondern mit dem Beiboot.”

Gerne genießen die Bauers auf der „Jona” auch die Sonnenuntergänge.

(aus MM 14/2021)

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