Er erreicht jede Woche zwischen 700.000 und 900.000 Zuschauer, und ist fast so alt wie der „Tatort”: Der ZDF-Fernseh-Gottesdienst wird seit 1979 regelmäßig ausgestrahlt, zunächst alle 14 Tage, seit 1986 sogar jede Woche, immer sonntags um 9.30h Uhr.
Jeweils im wöchentlichen Wechsel werden katholische und evangelische Gottesdienste gehalten, in seltenen Fällen auch die orthodoxer Gemeinden, Freikirchen oder ökumenischer Gottesdienste. Ein- bis zweimal pro Jahr werden die Predigten aus dem Ausland übertragen, zum zweiten Mal in der Geschichte des TV-Formats von der Deutschsprachigen evangelischen Gemeinde der Balearen auf Mallorca. 2003 gab es schon einmal eine Übertragung, damals aus der weißen Strandkirche an der Playa de Palma.
Am 19. April ab 9.30 Uhr wird der Gottesdienst mit dem Pfarrersehepaar Martje Mechels und Holmfried Braun nun live aus der Kirche La Porciúncula in Arenal in hunderttausende deutschsprachige Haushalte übertragen. Die Einschaltquote schwankt je nach Anlass, Termin oder Konkurrenzprogramm. Doch obwohl die Tendenz leicht fallend ist, erreicht kein deutschsprachiger Pfarrer mehr Gläubige als an diesen Sonntagen im ZDF.
„Der erste Kontakt mit dem Sender kam im vergangenen Sommer zustande”, erzählt Martje Mechels, und nach ersten Planungen und Vorgesprächen wurde sie zusammen mit ihrem Mann dann im Herbst nach Berlin eingeladen, um an einem speziellen TV-Training teilzunehmen. „Wir waren drei Tage in Berlin und wurden von einem Team von Redakteuren und unserem Kollegen Christof Enders begleitet und gecoacht”, erzählt die Pfarrerin weiter. Pfarrer Enders sei als verantwortlicher Pfarrer der EKD für die ZDF-Fernsehgottesdienste für zahlreiche Aspekte zuständig – unter anderem auch für den Auftritt der Protagonisten vor der Kamera.
„Es war super spannend zu lernen, wie wir uns vor der Kamera bewegen müssen, wie schnell oder langsam wir sprechen müssen, um eine bestimmte Zeit einzuhalten, wie wir unsere Hände bewegen, und sogar, wie wir uns im Talar so bewegen, dass es vor der Kamera gut rüberkommt”, erzählt Holmfried Braun.
Auf die Sekunde genau müsse der Ablauf am Ende stehen, dafür seien noch einige Proben und Abstimmungen des Programmes mit den Verantwortlichen notwendig. Der gesamte Ablauf des Gottesdienstes inklusive Predigt müsse wegen der streng begrenzten Zeit genau mit der Redaktion abgestimmt sein – inhaltlich haben die Pfarrer aber nach eigener Aussage völlig freie Hand.
Der Zauber der ,Kristallkirche’
„Wir bereiten einen besonderen Gottesdienst vor, der unter dem Motto ,Schatzsuche auf Mallorca’ steht”, sagt Martje Mechels. Mehr will sie über das Programm noch nicht verraten. Sehr froh seien sie darüber, zu diesem Ereignis Gast in der Kirche La Porciúncula sein zu dürfen. „Für uns ist die ,Kristallkirche’, wie sie wegen ihrer beeindruckenden Glasfenster auch genannt wird, nach der Kathedrale die zweitschönste Kirche auf Mallorca. Dass die Franziskaner uns diesen Ort zur Verfügung stellen, ist wunderbar.”
Nicht nur optisch sei diese Location perfekt, sondern auch aus logistischen Gründen. Für das Übertragungswochenende reist das ZDF-Team mit zahlreichen großen Lastwagen an, die auf dem Gelände des Franziskaner-Klosters problemlos mehrere Tage parken können.
Ansprechpartner der Gastgeber vor Ort ist der Franziskaner Padre Jordi, der auch ein bisschen stolz ist, „seine” Kirche einem so großen Publikum zu öffnen. Bau und Geschichte des Gebäudes werden nach Aussage der deutschen Pfarrer in einem Eingangstrailer des Fernsehgottesdienstes eine besondere Rolle spielen, so dass nicht nur die Deutschsprachige Evangelische Gemeinde am 19. April viele Menschen erreicht, sondern auch Mallorca und das emblematische Gotteshaus viel Aufmerksamkeit erhalten werden.
Architekt Josep Ferragut schuf innovativen Kirchenbau
Schon seit 1914 ist das Gelände des heutigen Klosters im Besitz des Franziskanerordens. Verantwortlich für den Bau der Kirche von 1964 bis 1968 war der mallorquinische Architekt Josep Ferragut, der unter anderem auch das emblematische „Gesa-Gebäude” in Palma entworfen hat, das heute unter Denkmalschutz steht. Mit der ovalen Konstruktion der Franziskanerkirche schuf Ferragut damals einen innovativen Kirchenbau. Die Struktur aus Stahlbeton und Eisenrahmen präsentiert rundherum 39 farbige Glasfenster. Auf insgesamt 600 Quadratmetern gestaltete der Künstler Juan Bautista Castro verschiedene Szenen aus dem Leben Christi und anderer Heiliger sowie Franziskaner-Motive. Bei Sonnenschein erstrahlt das Innere der Kirche in einem bunten Lichtermeer.
Bereits im Januar reist nach Aussage der deutschen Pfarrer ein Team von sieben Technikern und Beleuchtern zusammen mit Pfarrer Christof Enders zur technischen Vorbesichtigung an, um die Licht-und Tonverhältnisse in der Kirche zu testen, den Stromanschluss zu prüfen und den redaktionellen Teil des Gottesdienstes sowie den genauen Zeitplan zu besprechen. Für Pfarrer Enders wird es der zweite von insgesamt vier Besuchen auf der Insel sein, bevor am 19. April der TV-Gottesdienst startet.
Wer das einmalige Ereignis selbst vor Ort miterleben will, kann sich ab Anfang März über die Webseite der Kirchengemeinde www.kirche-balearen.net dafür anmelden. „Wir rechnen mit vielen Besucherinnen und Besuchern, so dass wir Einlass zu diesem Gottesdienst nur nach Anmeldung gewähren können”, erklärt Pfarrer Holmfried Braun. Ob sie schon nervös seien vor diesem besonderen Gottesdienst? „Ein bisschen”, geben beide lachend zu, „aber die Freude über dieses Ereignis überwiegt.”