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Da tut sich was, in Sachen Wein

Neue Kennzeichnung und neue Rebsorten für Tropfen aus der anerkannten Anbauregion DOP Binissalem

Binissalem ist nicht nur ein Dorf in der 
Inselmitte, sondern es ist traditionell das Weindorf auf Mallorca schlechthin. Und es ist zugleich Namensgeber der zentralen Anbauregion DOP Binissalem, die insgesamt fünf Gemeinden umfasst. Jetzt dürfen auch diese Dorfnamen unter bestimmten Bedingungen auf dem Flaschenetikett erscheinen. 
 | Foto: Patricia Lozano

| Binissalem, Mallorca |

Sie waren Pioniere. Eine Reihe von Winzern rund um Binissalem im Herzen Mallorcas hatte schon Ende der 1980er Jahren erkannt: Unser Wein braucht eine geschützte Herkunftsbezeichnung. Als Qualitätsmerkmal! Um seine Einzigartigkeit, seinen unverwechselbaren, mallorquinischen Charakter herauszustellen! Also schlossen sie sich – zunächst provisorisch – zur Denominación de Origen Protegida (DOP) Binissalem zusammen. Es dauerte bis 1991, dann gab das Landwirtschaftsministerium der Balearen schließlich grünes Licht. Die Winzer aus den fünf Gemeinden Santa Maria del Camí, Consell, Sencelles, Binissalem und Santa Eugènia konnten fortan hochoffiziell die Ursprungsangabe „DOP Binissalem” auf die Etiketten ihrer Weine drucken.

Die auferlegten Regeln waren streng. Hauptsächlich einheimische Rebsorten sollten in die Flaschen kommen. Allen voran inseltypische Rebsorten wie die rote Mantonegro oder die weiße Prensal Blanc. Mallorca im Glas eben. Unter den wachsamen Augen des zuständigen Consejo Regulador, dem Kontrollrat, unterwarfen sich die Winzer Inspektionen auf den Weinfeldern und beim Kellereiprozess. Die Erntemengen der Trauben pro Hektar waren ebenso vorgeschrieben wie der Mindestalkoholgehalt oder der Mindestanteil einheimischer Rebsorten in den Cuvées.

Doch die Zeiten ändern sich. Und die DOP Binissalem mit ihr. Sie passte ihre Vorschriften an. Denn die Herausforderungen im Weinsektor sind enorm, der Wandel unübersehbar. So wurde das Rebsorten-Portfolio nach und nach erweitert. Auch internationale Rebsorten wie Chardonnay, Cabernet Sauvignon oder Merlot kamen in die Fässer.

Das sind die Neuen: Giró negre, Esperó de Gall und Fogoneu

Jetzt wurden wieder drei weitere Rebsorten zugelassen, die die Winzer in der DOP Binissalem anbauen dürfen. Sie heißen Giró negre, Esperó de Gall und Fogoneu. Alle drei sind autochthone Mallorca-Sorten, deren Existenz bereits seit dem 19. Jahrhundert schriftlich dokumentiert ist. Gut möglich, dass sie aber auch schon deutlich länger auf der Insel existieren. Auf jeden Fall, so stellte kürzlich das balearische Mi
nisterium für Landwirtschaft, Fischerei und Umwelt fest, sind „alle drei Rebsorten historisch gesehen tief verwurzelt in der Region rund um Binissalem”. Allerdings waren sie lange Zeit in Vergessenheit geraten, wurden erst nach und nach wieder-entdeckt und schließlich rekultiviert.

Spannend für Liebhaber eines guten Mallorca-Tropfens: Diese Rebsorten beweisen Stärke. So haben Untersuchungen gezeigt, dass sie in Cuvées besonders die Fruchtaromen und die natürliche Säure im Wein hervorheben können. Gerade letzteres ist in Zeiten des Klimawandels für einen ausbalancierten Wein ein relevanter Faktor. Die Neuen haben damit vielleicht sogar eine Schlüsselrolle in Zeiten des Klimawandels. Denn mit höheren Temperaturen steigt der Fruchtzucker in den Trauben, die natürlichen Säuren bauen sich schneller ab. Die Folge sind alkoholreichere und säureärmere, und damit weniger frische Weine.

„Solche alten Rebsorten wiederzuentdecken und zu rekultivieren, bietet eine große Chance”, sagt denn auch Weinhändlerin Dagmar Henner-Wiegard von den Bodegas Sa Vinya in Llucmajor. Sie ist eine ausgewiesene Kennerin der Weinszene, hat seit langem Binissalem-Weine in ihrem Portfolio. „Durch den Klimawandel gibt es im Moment arge Probleme mit verschiedenen Rebsorten. Es kann durchaus sein, dass alte Rebsorten die Schwierigkeiten, die aufgetaucht sind, kompensieren können.” Zumal alte Sorten seit Jahrhunderten sehr gut an das mediterrane Klima angepasst sind, auch wenn es sich nun wandelt. „Außerdem geht der Trend von stark in Barrique ausgebauten, kräftigen Tropfen hin zu leichteren, frischeren, fruchtbetonten Weinen, auch bei den Herren”, hat Dagmar Henner-Wiegard in ihrem Weingeschäft festgestellt. „Da treffen natürlich Rebsorten, die genau diese Aspekte verstärken, den Nerv der Zeit.”

Die „kleinere 
geografische Einheit”

Neu in der DOP Binissalem ist zudem, dass fortan auf den Etiketten der Weine der Hinweis auf eine „unidad geográfica menor” stehen darf, also der Hinweis auf eine „kleinere geografische Einheit”. Das bedeutet, dass auf dem Label zusätzlich auch der Name der DOP-Gemeinden Consell, Santa Maria del Camí, Sencelles, Santa Eugènia und natürlich Binissalem erscheinen kann. „Die exakte Angabe der Herkunftsgemeinde der Trauben bietet eine noch größere Transparenz für den Verbraucher”, unterstreicht Joan Llabrés, Generaldirektor für Agrar- und Lebensmittelqualität sowie lokale Produkte im balearischen Landwirtschaftsministerium. „Sie hilft, dass das Produkt noch stärker mit seiner Herkunft identifiziert werden kann. Das entspricht den Erwartungen eines immer anspruchsvolleren und informierteren Konsumenten.”

Reife Trauben an den Weinreben prägen im Herbst das Bild der Anbaugemeinde Binissalem. Foto: pl

Allerdings dürfen laut Verordnung nur dann Flaschen mit dem Dorfnamen gekennzeichnet werden, wenn mindestens 85 Prozent der Trauben aus besagter Gemeinde stammen und in einem Weingut eben dieser Gemeinde gekeltert sind.

Die Neuerungen kommen nicht von ungefähr. Sie gehen allesamt auf Anträge des 
Kontrollrates der DOP zurück. Josep Lluís Roses, Präsident der DOP Binissalem und Chef der Bodegas José Luis Ferrer (gegründet 1931), ist sich bewusst: „Der Weinmarkt ist total in Bewegung. Waren es früher zehn Bodegas auf Mallorca, sind es heute 100.” Das bedeutet auch: Der Konkurrenzkampf auf der Insel wird in Sachen Wein immer größer.

Denn längst sind ja auch andere Herkunftsbezeichnungen wie die DO Pla i Llevant, Vi de la Terra Mallorca, Vi de la Terra Illes Balears und weitere entstanden, zum Teil mit weitaus großzügigeren Regulierungen bei der Weinproduktion. Ohnehin waren so manchem Mitglied in der DOP Binissalem die vom Kontrollrat auferlegten Einschränkungen bald zu eng. Sie fühlten sich zu stark geknebelt, in ihrer unternehmerischen Freiheit eingeengt, stiegen aus und verzichteten dann eben auf dieses Herkunftssiegel. Sie begnügten sich stattdessen etwa mit der Kennzeichnung Vi de la Terra Mallorca (Landwein Mallorca).

Was zusätzlich zu einer Neupositionierung im Weinsektor führt und um Absatzmärkte fürchten lässt: Der Weinkonsum sinkt seit Jahren. Weltweit. Kontinuierlich. Das liegt zum einen an einem geschärften Bewusstsein der Verbraucher, was den Alkoholkonsum angeht. Zum anderen hat Wein einen ernstzunehmenden Konkurrenten bekommen: alkoholfreies Bier. Denn die kühlen Blonden ohne Prozente verzeichnen seit Jahren Zuwachsraten. „Gerade Spanien liegt beim Pro-Kopf-Verbrauch von alkoholfreiem Bier europaweit an der Spitze”, sagt Roses. Dennoch: Die Inselweine halten sich noch tapfer. Und der Tourismus trägt gewiss dazu bei, dass „85 Prozent des mallorquinischen Weins auf Mallorca verkauft werden”, so Tòfol Reus von der DO Pla i Llevant.

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