Steht die Ausgrabungsstätte Son Fornés vor den Toren von Montuïri auf Mallorca dieses Jahr vor einer Sensation? Eine Gruppe Archäologen, die seit 20 Jahren dort forscht, ist überzeugt, vor einer bedeutenden Entdeckung zu stehen: Guium oder Tucis. Beide Städte wurden von den römischen Kolonisatoren Mallorcas gegründet. Doch von beiden fehlt bisher jede Spur.
Nun glaubt die Forschungsgruppe Arqueología Social Mediterránea der Autonomen Universität Barcelona, kurz vor der Lösung des Rätsels zu stehen. Dafür sprechen die Strukturen in Son Fornés, die im vergangenen Jahr sichtbar wurden. Sie folgen einem perfekt geplanten städtebaulichen Konzept.
"Es würde uns nicht überraschen, wenn wir in der kommenden Grabungssaison beim Ausgraben des Zentrums auf eine der von Plinius dem Älteren erwähnten Städte stoßen, die nie lokalisiert wurden", zitierte vergangenen Sommer die MM-Schwesterzeitung Ultima Hora die Archäologin Beatriu Palomar. Die Mitarbeiterin der Forschungsgruppe lehnte sich noch weiter aus dem Fenster: "Wir würden sogar auf Tucis wetten."
Die beiden Unbekannten der römischen Städte Mallorca
Doch was macht diese beiden Städte so bedeutend? Tucis und Guium sind die beiden großen Unbekannten unter den römischen Städten Mallorcas. Beide Städte entstanden im Zuge der Romanisierung der Balearen nach der Eroberung durch Quintus Caecilius Metellus im Jahr 123 vor Christus. Im Rahmen der Landaufteilung und Zenturierung wurden verschiedene vorrömische Siedlungen in das römische System eingegliedert und zu sogenannten Civitates Stipendiariae, steuerpflichtigen Gemeinden mit Verwaltungsstruktur und politischer Organisation. So wurden aus prähistorischen Siedlungen römische Städte.
Die Suche nach Tucis und Guium beschäftigt Historiker und Archäologen seit Jahrzehnten. Mal wurden sie in Sineu und Manacor, mal in Ses Salines und Petra vermutet, stets ohne archäologische Beweise. Der antike Autor Plinius der Ältere erwähnte beide Städte zwar in seinen Schriften. Er nannte jedoch weder Details zu Gründungsdatum noch zu Lage oder Entfernung zueinander. Das Fehlen physischer Belege ließ manche Experten an ihrer Existenz zweifeln.
Was macht nun das Forscherteam der Barcelona-Uni so sicher, Tucis gefunden zu haben? Bei Arbeiten zur Freilegung, Konsolidierung und Restaurierung kamen römische Strukturen von unerwarteter Dimension zum Vorschein. Die freigelegte Fläche von 5000 Quadratmetern entspricht der Gesamtfläche des Museums Es Baluard in Palma. Besonders aufschlussreich sind die gefundenen Tegulae, die römischen Dachziegel. Sie mussten gekauft werden und weisen auf Gebäude von hohem Rang hin. Zusammen mit Amphoren und Tafelgeschirr belegen sie die Bedeutung der Siedlung in der römischen Kaiserzeit.
"Nach dem, was wir gesehen haben, und angesichts der Menge an Material an der Oberfläche bin ich sehr überzeugt, dass wir einen äußerst bedeutenden Ort aus römischer Zeit vor uns haben", meint auch Cristina Rihuete, Forscherin und Direktorin des Archäologischen Museums von Son Fornés.
Seit 50 Jahren wird geforscht
Son Fornés ist einzigartig auf den Balearen. Seit 1975 wird in der Ausgrabungsstätte geforscht. Sie bewahrt die Kulturgeschichte von 2000 Jahren: von der prätalayotischen Kultur (1500 bis 1000 vor Christus) über die talayotische Kultur (1000 bis 550 vor Christus) und die postalayotische Zeit (550 vor Christus bis 123 vor Christus) bis zur römischen Kultur (bis ins erste Jahrhundert nach Christus). Kein anderer Fundplatz auf Mallorca umspannt einen so langen Zeitraum.
Diese zeitliche Ausdehnung ermöglicht es, gesellschaftliche Veränderungen über Jahrtausende hinweg nachzuvollziehen. In den ältesten Schichten zeigt sich eine gemeinschaftliche Gesellschaft ohne Privateigentum. Die Menschen versammelten sich um die Talayots, die runden Steintürme, um Entscheidungen zu treffen. Mit den phönizischen und punischen Kolonisationen entstanden Wertsysteme und Kaufkraft. Erste Eliten bildeten sich heraus, erkennbar daran, dass manche Häuser größer wurden als andere. So entdeckten die Forscher Reste gewaltiger Villen aus punischer und römischer Zeit.
Auch andere Entwicklungen geben die Funde preis, etwa den Übergang von der Gemeinschaft zur Sklaverei oder den sozialen Abstieg durch die Konflikte zwischen Römern und Puniern. Ebenso der Bau von Mauern zum Schutz der Bevölkerung: Der Wandel veränderte Lebensstil und Denkweise der Einwohner. „Wir enthüllen die Seiten von Büchern, die niemand geschrieben hat”, so der Archäologe Vicente Llull. Ob diese Seiten bald auch das Kapitel über Tucis offenbaren werden, entscheidet sich vielleicht schon in der kommenden Ausgrabungssaison.