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Wo Mallorca noch so richtig authentisch ist: Dieses Inseldorf hat sich seinen Retro-Charme bewahrt

Wer glaubt, Campos lieber links liegen lassen zu können, macht einen Fehler. Im Zentrum kann man Mallorca-Authentizität wie anno dunnemals quasi inhalieren, wie MM bei einem Rundgang erlebte

In der Bar Ca’n Sinto kann man sich fühlen wie früher auf der Insel, als noch rein gar nichts durchgentrifiziert war | Foto: Ingo Thor

| Campos, Mallorca |

Es ist ein Ziehen im Bauch, das man spürt, wenn man sich im Auto von den weitgehend durchgentrifizierten "Deutschen-Dörfern" Santanyí oder Llucmajor kommend Campos nähert, sofern man mit dem Ort nicht sonderlich vertraut ist. Auf der Jaume-II-Durchgangsstraße und den anderslautenden Verlängerungs- "Carrers", wo momentan so ziemlich alles umgebaut wird, wirbelt vor allem im Sommer gehörig Staub auf, das 12.000-Seelen-Dorf wirkt von hier aus gesehen eher abweisend. Man ist irgendwie froh, wenn man durch ist.

Doch der Schein trügt. Bewegt man sich auf der Es-Trenc-Straße in Richtung Zentrum, so fällt auf, dass sich der Anfang des 14. Jahrhunderts gegründete Ort in einem properen Zustand befindet – auf erheblich aufgeräumterer Ebene als etwa die morbid wirkenden, von einer gewissen Patina überzogenen Dörfer Felanitx oder Sa Pobla. Im Umkreis der Plaça Major von Campos wurde 
städtebaulich einiges gemacht, die Pflastersteine wirken vielerorts fast wie geleckt, die meisten der Marésstein-Gebäude sind bestens in Schuss.

"Früher sind wir immer an Campos vorbei gefahren", sagt der Deutsche Karsten Meyer beim MM-Rundgang. Er trinkt einen café con leche auf der Terrasse der Bar Sa Plaça. "Hier fühlt man sich um viele Jahre zurückversetzt."

Es fällt auf, dass es in dem Ort nur ganz wenige schicke Spots gibt. Kunstgalerien fehlen fast völlig, Restaurants und Bars wie das Sa Plaça, das Sinto oder die Cafetería Granja ses Voltes wirken retrohaft mallorquinisch, also alles andere als aufdringlich. Richtig hässlich wirkt hier fast nichts, die gesichtslosen Zweckbauten von Supermärkten wie Mercadona oder Müller befinden sich wie fast überall woanders auf Mallorca außerhalb vom Ortskern.

Das eher Wohlhabende – Bürgerhäuser mit schönen Balkons, ja sogar Jugendstil-Bauten – vermählt sich in Campos mit einer konservativ-gediegen wirkenden Bodenhaftung. Schicke Matcha-Tee-Cafés, die wie woanders auf Englisch fast grell um Touristen werben, finden sich hier ebenso wenig wie sonstige aufgetakelte, abzockerhaft wirkende Lokale. Die Campos-Authentizität, die in sich ruht, bemerkt man im übrigen auch in dem elf Kilometer entfernten, zur Gemeinde gehörenden Bade- und Sommerfrischeort Sa Ràpita, wo bürgerliche Strandhäuser mit schattigen Veranden neben- und hintereinander in Steinwurfweite vom Meer stehen. Und auch Märkte und der alljährlich stattfindende Wettbewerb zur Wahl der schönsten Milchkuh strotzen fast vor Erdverbundenheit.

Von den Bauarbeiten und groß angelegten Bepflanzungsaktionen an der Jaume-II-Straße, für die immerhin 1,3 Millionen Euro ausgegeben werden sollen, bemerkt man im Zentrum nichts. Rund um das Rathaus halten sich vor allem Einheimische auf, auf Touristenmassen übt Campos wie in den vergangenen Jahrzehnten keine große Anziehungskraft aus.

Was den platt in der topfebenen Landschaft befindlichen Ort inzwischen auf der durch und durch massifizierten Insel auf jeden Fall sympathischer macht. Campos ist etwas für Mallorca-Erfahrene, die schon ziemlich alles mehrfach gesehen haben und neugierig auf gewisse Details wie etwa Vintage-Balkons, verwitterte Fensterläden oder wohlgeformte Türgriffe sind. Von all dem bietet Campos mehr als genug, und das fast in jeder Straße des Dorfkerns.

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