Mallorca richtet in diesen Tagen den Blick auf einen Ort, der seit Jahrzehnten als Sinnbild für Elend, Kriminalität und soziale Verwahrlosung gilt – und der sich nun im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 herausputzt. In Son Banya, der berüchtigten Barackensiedlung am Rand der Balearenhauptstadt, haben Bewohner begonnen, einen sogenannten "España"-Stand mit überlebensgroßen Silhouetten spanischer Nationalspieler zu schmücken.
Zwischen improvisierten Hütten, grellen Lichterketten und offenen Drogenverkaufsstellen ragen plötzlich die Umrisse von Pedri, Ferrán Torres, Raúl, Casillas und sogar Isco hervor – als würde der Traum vom großen Fußball für einen Moment den trostlosen Alltag überdecken. Darüber berichtete die spanische Lokalzeitung Ultima Hora.
Das Drogendorf Son Banya war nie ein Ort der Zurückhaltung. Jede Gelegenheit wird genutzt, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Zu Weihnachten standen aufblasbare Weihnachtsmänner zwischen den Verkaufsständen, zu Halloween schmückten Skelette, Kürbisse und Fledermäuse die engen Wege der Siedlung. Nun hat der Countdown zur Weltmeisterschaft begonnen – und erneut verwandelt sich das Viertel in eine bizarre Bühne zwischen Hoffnung, Geschäft und Verfall.
Stadt und die Drogenclans in Son Banya im Katz-und-Maus-Spiel
Die illegal errichteten Hütten, die von der Stadt Palma immer wieder abgerissen werden, entstehen kurze Zeit später erneut – größer, auffälliger und lauter als zuvor. Namen wie "España" oder "Las Vegas" leuchten in riesigen Buchstaben über den Dächern aus Blech und Holz. Diskretion existiert hier längst nicht mehr; Son Banya lebt von Provokation und seiner eigenen düsteren Symbolik.
Während weltweit Millionen Fans der Weltmeisterschaft entgegenfiebern, läuft auch in Son Banya der Countdown. Täglich strömen Hunderte Käufer in das Viertel, vorbei an den Fußball-Silhouetten, die wie stumme Wächter über den Geschäften stehen. Die Auswahl der Spieler wirkt mitten in dem Elendsviertel beinahe surreal: aktuelle Stars neben Legenden vergangener Generationen. Nur einer fehlt bislang auffällig – Lamine Yamal, das größte Talent der spanischen Nationalmannschaft. Vielleicht, sagen manche Bewohner mit bitterem Lächeln, werde auch er noch auftauchen. In Son Banya geschehe schließlich alles irgendwann – ganz nach dem "Tranquilo"-Motto, jener typisch spanischen Gelassenheit.