Betritt man den international nicht allzu bekannten Kulturkomplex s’Escorxador nördlich des Innenstadtrings von Palma, so fällt einem ohne Zeitverzug auf, dass man sich seitens der Kommune hier nicht über Gebühr hineinhängt, um das Ganze zum Strahlen zu bringen. Zwar kommen die kleinen Bars und Cafés wie die „Casita del Reloj”, das „Piscolabis” (Flaschenbier: 1,90 Euro) oder die „Vermutería Sartorio” mit für Mallorca erträglichen Preise und einem leicht trutschigen Interieur durchaus einladend daher, doch es stechen Graffiti ins Auge, Taubenkot häuft sich fast allerorten, einige Mauern drohen umzustürzen und müssen abgestützt werden. Hinzu kommen abblätternder Putz, wenig gepflegte Gartenanlagen und ramponiert-schmutzige Toiletten.
Die Gemeinde ist sich des bedenklichen Zustands des Komplexes bewusst: Stadtentwicklungsdezernent Óscar Fidalgo (konservative PP-Partei) kündigte vor einigen Wochen an, 1,8 Millionen Euro für Maler-, Schreiner- und Kanalisationsarbeiten bereitzustellen. „Gravierende strukturelle Mängel weisen die Gebäude nicht auf”, so der Lokalpolitiker. Hinzu kommen 42.000 Euro, mit denen das Gesundheitszentrum optimiert werden soll. Elf Monate sollen sämtliche Arbeiten wohl dauern und im kommenden Jahr beginnen. Wobei konservative Lokalpolitiker darauf hinweisen, dass der sozialistische Bürgermeister José Hila, der Vorgänger des aktuellen Stadtoberhaupts Jaime Martínez, jahrelang so gut wie gar kein Geld in die Wartung von s’Escorxador habe fließen lassen.
Ungeachtet – oder je nach Haltung – gerade wegen der morbiden Verkommenheit fühlt man sich in dem ehemaligen Schlachthof mitnichten unwohl. Das mag daran liegen, dass die Menschen, die hierhin kommen, zumeist normale Bürger aus dem properen Viertel sind, Familien mit Kindern inklusive. Abstoßende Randgestalten verirren sich hier eher nicht hin, zumal das Areal bewacht und nachts abgeschlossen wird. Auch „Schickimickis” findet man nicht in dem auf der Blanquerna-Fußgängerzone nach einem 25-minütigen Fußmarsch vom Zentrum aus erreichbaren Komplex. Dieser war 1905 vom mallorquinischen Star-Architekten Gaspar Bennazar (1869-1933) auf dem Reißbrett entworfen und 1909 eröffnet worden, befand sich damals weit draußen vor der Stadt und wurde bis zum Jahr 1982 genutzt. „Ich bin hier immer gern”, sagt Einwohnerin Juana Ortíz Domínguez, die regelmäßig einen Nähkurs im integrierten „Casal del Barri” (dem Bürgerzentrum) besucht. „Das alles ist zum Glück nicht so wuselig-touristisch”, freut sie sich während der Anwesenheit des MM-Emissärs. Auch Anwohner Alberto Sans ist zufrieden: „Hier fühle ich mich wohl.”
Es fehlt der aufheiternde Pep
Der Patina-Charme des mit etlichen augenfälligen Jugendstil-Ornamenten versehenen S’Escorxador-Komplexes ist sicherlich auch eine Folge der Tatsache, dass der als Highend-Gastrozentrum konzipierte „Mercado de San Juan” seit geschlagenen sechs Jahren brachliegt. Die Pandemie machte dem bis dahin einige Jahre florierenden kulinarischen Wow-Ort, der neben spanischen Hipstern sogar Nord- oder Mitteleuropäer angezogen hatte, im Jahr 2020 den Garaus. Heute ist der Staub in den Küchen, wie der MM-Emissär mit Blicken durch die milchigen Scheiben feststellen konnte, fingerdick.
Seit Corona fristet der Ex-Schlachthof, der mit Filmen auf Griechisch, Slowakisch oder anderen weniger gebräuchlichen Sprachen im Ciutat-Kino sogar ein intelektuelles Publikum bedient, eine Art Mauerblümchendasein. Zumal die angrenzende Plaça Paris und die ersten 400 Meter der Blanquerna-Fußgängerzone ebenfalls keine architektonisch-städtebaulichen Juwelen darstellen. Zwar zieht nicht nur das Bürgerzentrum, sondern auch die Llompart-Bibliothek Menschen in größerer Zahl an, hinzu kommen ein gern aufgesuchter Eroski-Supermarkt und ein Gesundheitszentrum.
Doch irgendwie fehlt ein gewisser geschmackvoller, aufheiternder Pep, der ein zwar nicht liebedienerisch vor zu vielen Touristen buckelndes, sondern ein angenehmeres Umfeld schafft.