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Konzertkritik: Neujahrskonzert 2026: nicht nur Walzerseligkeit

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Anmerkung des Autors: diese Kritik können Sie sich auch vorlesen lassen; klicken Sie dazu bitte HIER ! - Im restlos ausverkauften Kongressspalast begrüßten Pablo Mielgo, die Sopranistin Sandra Ferrández und der stimmgewaltige Bariton Javier Franco zusammen mit dem Sinfonieorchester der Balearen das neue Jahr. Sie taten dies in bester Wiener Tradition, Donauwalzer und Redetzky-Marsch als Zugaben inbegriffen. Das gängige Strauss-Repertoire wurde um Zarzuela-Highlights erweitert.

Den Anfang machte die Ouvertüre zu Mozarts „Cosí fan tutte« Und gleich im zweiten Stück des Abends hatte das Gesangsduo seinen ersten großen Auftritt: mit „La ci darem la mano« aus Dom Giovanni überzeugte Javier Franco als geschmeidig-sonorer Bariton, ebenso Sandra Ferrández als kantaabel-graziöse Zerlina. Der sich anschließende Kaiserwalzer betonte in Mielgos Lesart das tänzerische Element und ließ ein wenig die melancholischen Momente vermissen, die in Straussens Werk die Ambivalenz des Kaiserreichs und auch die biografischer Zerrissenheit des Komponisten wiederspiegeln. Mit einer Arie aus Giordanos „Andrea Chernier« wehte ein Hauch von Grande Opera durch den Saal.

Die „Fledermaus«-Ouvertüre war ein Mittelding zwischen Bruno Walters sinfonisch-elegischem Duktus in seiner legendären Aufnahme von 1956 und Carlos Kleibers komödiantischem drive. Franz Lehárs „Lustige Witwe« war durch das hinreißend schön gesungene Duett „Lippen schweigen« vertreten.

Nach der Pause kamen dann vor allem Komponisten aus dem spanischen Sprachraum zu Wort, unterbrochen von zwei Strauss-Polkas, der „Neuen Pizziccato-Polka« und der bekannten „Tritsch-Tratsch-Polka«, von Pablo Mielgo und seinem Orchester neckisch-pikant dargeboten. Die beiden Zarzuela-Komponisten Ruperto Chapí und Gonzalo Roig entführten das Publikum in zwei Welten, wie sie unterschiedlicher kaum sein können: Die Zarzuelas von Chapí und Roig tragen denselben Namen, öffnen aber völlig unterschiedliche Klangräume. Chapí schreibt aus Madrid, Roig aus Havanna, ihre musikalischen Texturen verraten die Herkunft mit jedem Takt.

Chapí: klare Konturen, präzise Verzahnung von Melodie und Rhythmus. Die Streicher geschmeidig-linear, die Holzbläser und das Schlagwerk mit spanischen Tanzrhythmen. Transparente, fast klassizistische Oberfläche, rhythmische Pointierung, melodische Direktheit – urbane Energie in orchestraler Klarheit. Roig: weiche, geschichtete Texturen. Synkopierte Begleitfiguren, afro‑kubanische Rhythmen, Habanera, Danzón, Guajira. Ein warmes, flexibles Gewebe, dichter Klang, vokale Expressivität. Die Musik wirkt improvisiert, sinnlich, pulsierend. Beide sind der großen Oper näher als der spanischen Operette, als die die Zarzuela ja gemeinhin gilt. Javier Franco wurde dabei fast zu einer Art Helden-Bariton, Sandra Ferrández erreichte ein veristisches Espressivo à la Verdi. Der warme, voluminöse, romantische Klang des Orchesters wurde leider durch die trockene Raumakustik regelrecht „entzaubert«. Der Palau de Congresos ist eben in erster Linie eher ein Kongresszentrum als ein Konzertsaal. Als solcher eignet er sich vielleicht für Musik, die ein analytisches Hören verlangt. Große Sinfonik und opulenter Opern-Soundbleiben hingegen durch den minimalen Nachhall auf der Strecke. Der Abend wäre im Auditorium besser aufgehoben gewesen.

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