(Anmerkung des Autors: diese Einführung können Sie sich vorlesen lassen. Klicken Sie dazu bitte HIER!) - Das fünfte Abokonzert führt uns in eher stille Klangräume, abseits vordergründiger Virtuosität, ohne Knallbonbons. spiritus rector ist der finnische Dirigent Pietari Inkinen, der Geiger Frank Peter Zimmermann, nicht zum ersten Mal Gast bei den Sinfonikern, interpretiert das Violinkonzert von Frank Martin.
Pietari Inkinen (1980) zählt zu den profiliertesten Vertretern seiner Generation. An der Sibelius-Akademie in Helsinki ausgebildet und als Geiger bei Zakhar Bron in Köln geschult, verbindet er technische Präzision mit klangbewusster Klarheit. Internationale Aufmerksamkeit erlangte er als künstlerischer Leiter des New Zealand Symphony Orchestra (2008–2016) sowie als Chefdirigent der Prager Symphoniker, der Ludwigsburger Schlossfestspiele und des Japan Philharmonic Orchestra. Seit 2022 ist er Musikdirektor des KBS Symphony Orchestra in Seoul. Mit analytischer Klarheit, farbsensiblem Klangdenken und natürlicher Autorität gilt Inkinen heute als einer der vielseitigsten und international gefragtesten Dirigenten seiner Generation. - Frank Peter Zimmermann zählt seit Jahrzehnten zu den führenden Geigern unserer Zeit. Sein klar fokussierter Ton, seine strukturelle Präzision und seine kompromisslose Werktreue machen ihn zu einem idealen Interpreten für das Violinkonzert von Frank Martin – ein Werk, das weniger auf äußerliche Virtuosität als auf innere Spannung und klangliche Transparenz setzt. Zimmermanns internationale Karriere führte ihn zu allen bedeutenden Orchestern und Dirigenten; zugleich prägt ihn eine besondere Affinität zu Werken des 20. Jahrhunderts. Gerade Martins introvertierte, modal gefärbte Klangsprache findet in seinem Spiel eine seltene Balance aus Intensität und Klarheit.
Maurice Ravels Ma mère l’Oye (1911/12), mit dem der Abend beginnt, entfaltet in der Orchesterfassung eine der feinsten Klangwelten des frühen 20. Jahrhunderts. Aus der ursprünglich schlicht gehaltenen Klavierfassung entwickelt Ravel ein farbenreiches Märchenpanorama, das weniger auf Effekte setzt als auf die Kunst des Andeutens. Jede Episode – von der schwebenden Pavane des Dornröschens bis zum funkelnden Tanz der Pagoden – erhält durch die präzise Instrumentation eine eigene, atmosphärisch dichte Farbe. Ravel nutzt das Orchester nicht zur Steigerung, sondern zur Verfeinerung: Celesta, Harfe, gedämpfte Streicher und delikate Holzbläser schaffen eine Welt, die zugleich kindlich und hochartifiziell wirkt. Besonders im abschließenden Jardin féerique öffnet sich der Klangraum zu einem leuchtenden Crescendo, das nicht triumphiert, sondern erblüht. Ma mère l’Oye ist damit weniger ein Märchen für Kinder als eine poetische Erinnerung an Kindheit – gefiltert durch Ravels unvergleichliche Meisterschaft der Klangfarben. Frank Martins Violinkonzert (1950–51) gehört zu jenen Werken, die sich dem schnellen Zugriff entziehen. Der Schweizer Komponist entwirft darin kein virtuoses Schaustück, sondern ein Konzert von stiller Intensität. Die Violine erscheint weniger als triumphierende Solistin denn als suchende Stimme, die sich tastend durch eine schwebende, modal gefärbte Harmonik bewegt. Im eröffnenden Allegro tranquillo entsteht eine Atmosphäre von geheimnisvoller Leichtigkeit – ein fernes Echo der kurz zuvor entstandenen Ariel Songs. Der langsame Satz bildet das emotionale Zentrum: ein weit ausgreifendes, beinahe meditatives Andante, das eher lauscht als spricht. Das abschließende Presto löst die Spannung nicht in Brillanz auf, sondern in einen asketischen, rhythmisch pulsierenden Tanz, der sich immer wieder selbst zurücknimmt. Martins Konzert ist ein Werk der inneren Bewegung: introvertiert, klar konturiert und von einer leisen, Schönheit.
Béla Bartóks Konzert für Orchester (1943) entstand im amerikanischen Exil, kurz nachdem der schwer erkrankte Komponist vom Dirigenten Sergej Kussewitzky den Auftrag für ein neues Orchesterwerk erhalten hatte. Die Uraufführung durch das Boston Symphony Orchestra im Dezember 1944 wurde ein durchschlagender Erfolg. Der Titel „Konzert„ verweist auf die besondere Anlage des Werks: Bartók behandelt die Orchestergruppen solistisch und virtuos, sodass das Ensemble selbst zum Protagonisten wird. Die fünfsätzige Form folgt einer symmetrischen Dramaturgie: Zwei schnelle Rahmensätze umschließen scherzoartige Mittelsätze und eine zentrale, von Bartóks „Nachtmusik„ geprägte Elegie. Das berühmte Giuoco delle coppie lässt Holzbläserpaare in charakteristischen Intervallen auftreten, während das Intermezzo interrotto mit ironischen Zitaten spielt. Trotz seiner Entstehung in einer Zeit persönlicher und politischer Dunkelheit endet das Werk in einer kraftvollen, lebensbejahenden Geste – ein spätes, leuchtendes Bekenntnis Bartóks zur orchestralen Tradition. - Karten gibt’s auf der Webseite des Auditoriums.