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Konzertkritik: Zwischen Grand Opera und sakraler Wucht

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(Anmerkung des Autors: diese Kritik können Sie sich auch vorlesen lassen. Klicken Sie dazu bitte HIER.) - Mit Verdis Requiem knüpfte Pablo Mielgo gestern Abend im Auditorium an die Aufführung von Brahms‘ „Ein deutsches Requiem« vor drei Jahren an. (Meine Kritik vom März 2023 können Sie unter diesem Link noch einmal lesen.) – Beide Werke setzen sich auf sehr unterschiedliche, fast gegensätzliche Art und Weise mit der Liturgie auseinander: Brahms, indem er sie ignorierte und statt der lateinischen Messetexte Bibelpassagen aus der Luther-Übersetzung verwendete; Verdi hingegen vertonte sie mit fast opernhafter Grandezza.

So lag gestern Abend dieser typische Verdi‑Geruch in der Luft, nicht Parfüm, nicht Staub, sondern jene Mischung aus theatralischer Elektrizität und menschlicher Unmittelbarkeit, die seine Musik wie ein unsichtbarer Bühnenvorhang begleitet. Kaum hob das Orchester an, verwandelte sich der Raum in einen Resonanzkörper für existenzielle Gesten. Verdi komponierte nicht für die Ewigkeit, sondern für den Moment, in dem ein Herz schneller schlägt. Was bei Brahms nach innen strebt, richtet sich bei Verdi unmissverständlich nach außen. Seine musikalischen Mittel sind Werkzeuge des Affekts, präzise geschliffen wie chirurgische Instrumente. Diese Direktheit ist kein Mangel an Tiefe, sondern eine andere Form von Wahrheit: Verdi glaubt an die Kraft des dramatischen Augenblicks. Wo Brahms tröstet, konfrontiert Verdi. Wo Brahms reflektiert, insistiert Verdi. Und genau das machte die Aufführung gestern so eindringlich. Besonders deutlich wurde dies im Chor (Einstudierung Nuria Cunillera), der bei Verdi nie bloß Klangkörper ist, sondern handelnde Masse. Gestern wirkte er wie eine Menschheit, die sich ihrer eigenen Sterblichkeit bewusst wird. Die Stimmen formten keine abstrakte Harmonie, sondern ein vibrierendes Kollektiv, das sich gegen das Unvermeidliche stemmt. Jeder Einsatz war ein Schritt nach vorn, jede Generalpause ein Atemholen vor dem nächsten Schlag. - Das Orchester unter Pablo Mielgo zeigte, wie Verdi Klangfarben als dramaturgische Signale nutzt. Die Blechbläser rissen den Raum auf, die Streicher spannten ihn wieder zusammen, und die Holzbläser zeichneten jene flüchtigen Momente von Menschlichkeit, die Verdi immer wieder in seine Partituren streut. Nichts war dekorativ; alles war Handlung. So entstand gestern ein Abend, der weniger Konzert als Ritual war, ein Ritual der dramatischen Überwältigung. Verdi schreibt Musik, die den Raum verändert, und das Auditorium wurde für eineinhalb Stunden zu einem Ort, an dem die großen Fragen nicht beantwortet, sondern ausgestellt werden. Mit einer Wucht, die man nicht nur hörte, sondern physisch erlebte.

Die vier Solisten prägten den Abend mit sehr unterschiedlichen, aber komplementären Verdi‑Profilen. Mira Alkhovik brachte einen Sopran ein, der in seiner silbrigen Klarheit und kontrollierten Innigkeit ideal in die fragile Welt des Libera me passte; ihre Linien wirkten wie aus einem einzigen Atemzug geformt und trugen jene Mischung aus Verletzlichkeit und Entschlossenheit, die Verdi der Sopranpartie eingeschrieben hatte. Silvia Tro Santafé ließ im Liber scriptus die ganze Wärme und Erdung ihres Mezzosoprans aufscheinen; sie gestaltete die Partie mit jener noblen, ruhigen Autorität, die ihre Verdi‑Interpretationen seit Jahren auszeichnet und dem Werk eine menschliche Gravitas verlieh. Antoni Lliteres sang das Ingemisco mit jener leuchtenden, geschmeidigen Linie, die seinen lyrischen Tenor auszeichnet. Er verband Eleganz mit einer unaufdringlichen Intensität, die Verdis melodische Bögen nicht überhöhte, sondern organisch atmen ließ. Simón Orfila schließlich setzte im Tuba mirum und Confutatis markante Akzente: Sein Bass besaß die nötige Tiefe und dramatische Wucht, ohne an Flexibilität zu verlieren, und gab den apokalyptischen Momenten des Requiems eine eindrucksvolle Erdung. Enthusiastischer Applaus und standing ovations zeigten, wie sehr die Aufführung beim Publikum angekommen und ihm unter die Haut gegangen war.

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