Die GeigerinNina Heidenreich gehört wie ihr Ehemann Pablo Mielgo zu den profiliertesten Musikerpersönlichkeiten auf Mallorca. In ihrer Doppelfunktion als Konzertveranstalterin und gleichzeitig Mitwirkende prägt sie mit ihren Kammerkonzerten in der Bodega Macia Batle seit Jahren die Klassikszene auf der Insel. Nun erweitert sie das Konzertangebot um weitere Veranstaltungen im Rahmen des Festivals von Cap Rocat. Aus diesem Anlass habe ich mich mit ihr zum Interview getroffen. Im ersten Teil geht es um ihren ziemlich außergewöhnlichen Werdegang und ihr Profil als Geigerin. Sie spricht über ihre Vorbilder und erzählt, wie sie nach Mallorca kam.
Martin H. Müller: Frau Heidenreich, schön, dass Sie sich Zeit nehmen für dieses Interview. Erzählen Sie unseren Lesern zunächst doch einmal, wie Sie zu dem geworden sind, was Sie heute sind, nämlich eine erfolgreiche Violonistin und gleichzeitig Konzertmanagerin!
Nina Heidenreich: Mein Werdegang ist vielleicht ein wenig ungewöhnlich. Ich bin in Deutschland geboren und schon ziemlich früh von zu Hause weggegangen. Mit 14 hatte ich die Chance, in Wien in die Klasse eines russischen Professors aufgenommen zu werden; der hatte damals nur sechs Studenten, und diese Gelegenheit musste ich einfach nutzen. Ich bin also aus Regensburg weggegangen und habe alles auf eine Karte gesetzt, das Geigenspiel. In dieser sehr russisch geprägten Schule bin ich großgeworden, bin dann nach Portugal gegangen, wo ich noch während des Studiums meinen ersten Job bekommen habe, als Konzertmeisterin in Lissabon. Dann wollte ich noch etwas Exotischeres ausprobieren und ging nach Qatar, wo ich neun Jahre im dortigen Philharmonic Orchestra, das übrigens immer noch besteht, gespielt habe.
MHM: Und dann kam Mallorca. Bevor wir dazu kommen, wüsste ich gerne noch, welche Vorbilder Sie möglicherweise geprägt haben.
NH: Solche Vorbilder gibt es lustigerweise tatsächlich. Wenn ich heute ein neues Werk lerne, was recht oft vorkommt, schaue ich immer erstmal, ob Janine Jansen das aufgenommen hat. Sie ist wirklich ein Riesenvorbild für mich, einfach großartig, wie sie spielt. Ich versuche, einiges davon in meinen Interpretationen zu kopieren; ich will nicht sagen übernehmen, denn eine eins-zu-eins-Kopie soll’s ja nicht werden…
(Anmerkung: Janine Jansen, geboren 1978 in Soest, ist eine international renommierte Geigerin, gefeiert für ihre kammermusikalischen Interpretationen und ihre Zusammenarbeit mit den großen Orchestern der Welt. Bei Spotify gibt’s ein Best of-Album.)
MHM: Ich konfrontiere Sie jetzt mal mit ein paar großen Namen aus der Welt des Violinspiels mit der Bitte um ein kurzes Statement. Isaac Stern…
NH: …großartig. Er war während meines Studiums immer ein Vorbild. Meine Lehrer haben immer gesagt „schau mal, ob du da was übernehmen kannst!«
MHM: Jascha Heifetz…
NH: … ja, natürlich! Eine absolute Legende, ein Guru! DER Guru überhaupt für mich.
MHM: Frank Peter Zimmermann, der ja auch schon auf Mallorca war…
NH: Genau, er war sogar schon zweimal hier, und ich durfte ihn kennenlernen. Ein wunderbarer Mann, und bei aller Klasse ein bescheidener Künstler. Eine große Inspiration!
MHM: David Oistrach!
NH: Auch ein Guru. Ohne ihn geht gar nichts, an ihm kommt man nicht vorbei.
Daniel Hope!
NH: Der war auch schon hier, ich kenne ihn persönlich. Ganz anders als die vorhin genannten, ein toller Geiger.
MHM: Achtung, Provokation: André Rieu!
NH: (lacht) Oh Gott, bitte nicht! Aber im Ernst: alle Achtung dafür, dass er den Wienern gezeigt hat, wie man Strauss vermarktet. Ich habe früher auch viel Johann Strauss gespielt, damit habe ich mein Studium finanziert. Aber dass ein Belgier den Wienern zeigt, wie Strauss geht, das hat schon was. Er macht eine tolle Show. Aber als Geiger ist er eher nicht mein Fall…
MHM: Einen Pianisten hätte ich an dieser Stelle nach Richard Clayderman gefragt. Kann man sagen, dass Rieu der Claydermann der Geige ist?
NH: Absolut! Aber André Rieu ist ein hochintelligenter Mann, seinen Erfolg und wie er den Wienern gezeigt hat, wie man ihren Landsmann Strauss hochpusht muss man anerkennen.
MHM: So, jetzt aber zu der ganz entscheidenden Frage, die meine Leser vermutlich vorrangig interessiert: Wie kam’s, dass Sie sich auf Mallorca etablierten?
NH: Ich bin damals einfach meinem Mann gefolgt, als er künstlerischer Leiter des Balearenorchesters wurde. Wir hatten jahrelang eine long distance-Beziehung geführt, ständiges Pendeln zwischen Qatar und Palma, das war einfach kein Dauerzustand. Und Mallorca hat es mir auch leicht gemacht, alles hinter mir zu lassen und hierher zu ziehen. Wenn Pablo irgendwo anders ein Dirigat bekommen hätte, wäre ich wahrscheinlich nicht so schnell nachgekommen, aber Mallorca, das war etwas Anderes… (Fortsetzung folgt.)