Folgen Sie uns F Y T I R

Konzertführer: "Ich glaube an die Macht der Musik" - Nina Heidenreich im Interview, Teil2

|

Im zweiten Teil (Teil 1 können Sie HIER noch einmal lesen) verriet Nina Heidenreich, wie sie es schafft, immer wieder hochkarätige Künstlerpersönlichkeiten zu ihren Konzerten auf die Insel zu locken. Außerdem sprach sie über neue Projekte und über die Caja de la musica, den neuen Konzertsaal, auf dessen Eröffnung die Musikliebhaber sehnsüchtig warten.

MHM: Frau Heidenreich, ich bin immer wieder fasziniert, was für tolle Künstler in Ihren Konzerten auftreten. Wie schaffen Sie es, solche namhaften Persönlichkeiten auf unsere kleine Insel zu locken?

NH: Nun, soviel kann ich vorab schon mal sagen: mit hohen Gagen nicht, die kann ich nicht zahlen. Nein, es ist so: das sind Freunde, die ich bei Kammerkonzerten außerhalb der Insel, die ich ja auch mache, in der Schweiz, in Österreich, kennenlerne .Das sind alles großartige Musiker. Und dann ist natürlich die Insel selbst ein Zugpferd. Und auch mein Mann lernt bei internationalen Konzerten, die er gibt, immer wieder tolle Leute kennen. Das sind dann Freundschafts-Deals, gepaart mit der Sonne Mallorcas. Die meisten Musiker bleiben noch ein paar Tage länger oder bringen sogar ihre Familien mit. Sie verbringen dann ein paar Urlaubstage in unserem Haus, das ist ein Teil der Gage.

MHM: Von einigen weiß ich, dass sie selbst ein Haus hier haben, Marcus Bosch zum Beispiel…

NH: …oder auch Leopold Hager…

MHM: …Matthias Kirscnereit fällt mir noch ein.

NH: Richtig, der war auch schon in einem meiner Konzerte…

MHM: … und würde liebend gern einmal mit dem Orchester beim Festival de Bellver auftreten, wie er mir mal gesagt hat.

NH: Ich sage zu allen, „wenn ihr sowieso mal auf der Insel seid, sagt Bescheid, vielleicht kann ich euch irgendwie einbauen. Das hat bisher dann auch immer geklappt. Und damit fahre ich gut. Denn, wie gesagt, für hohe Gagen ist unser Budget zu klein.

MHM: Mit André Rieu haben wir das Thema „U-Musik« bereits gestreift. Es ist ja eine sehr umstrittene und letztlich auch polarisierende Frage, ob es zwischen der E-Musik und der sogenannten U-Musik überhaupt große Unterschiede gibt. Wie sehen Sie das denn?

NH: Ich finde U-Musik genau so wichtig und relevant. Jedenfalls so lange sie gut gemacht ist. Ich selbst höre auch gern nichtklassische Musik, es ist ja nicht so, dass bei uns zu Hause den ganzen Tag Mozart läuft. Oft läuft allerdings auch mal gar nichts. Wir sind tagtäglich soviel von Musik umgeben, dass wir einfach auch mal Stille brauchen. Unser Haus ist ein sehr ruhiges Haus. Was ich aber definitiv gern höre, ist Jazz. Wenn U-Musik gut gemacht ist, finde ich das großartig. Wenn’s natürlich nur Klamauk ist, nur kommerziell orientiert ist, dann finde ich’s nicht so gut. Aber es begeistert die Massen. Unsere Konzerte sind nicht für die Massen gemacht. Und da wünsche ich mir, dass mehr junge Leute kommen. Das kann man erreichen, wenn man hin und wieder Crossover-Projekte anbietet oder Kinderkonzerte veranstaltet.

MHM: Wenn ich das mit Deutschland vergleiche, stelle ich fest, dass Mallorca in dieser Hinsicht besser aufgestellt ist. In deutschen Konzertsälen ist das Publikum älter, 60 plus, würde ich mal sagen.

NH: Wirklich? Ich war schon lange nicht mehr zum Zuhören in Deutschland. Aber hier kommen zunehmend jüngere Leute ins Konzert. Wir haben auch schon Kinderkonzerte veranstaltet, wir haben viel mit der Familie Bleuse und ihren 8 Kindern gemacht, die alle ein Instrument spielen. Das war sicher für viele Kinder, die zugehört haben, ein Ansporn.

(Anmerkung: Vater Bleuse war jahrelang Solocellist bei den Sinfonikern.)

MHM: Lassen Sie uns jetzt zu Ihrer Expansion in Richtung Cap Rocat kommen. Was war denn der Impuls dafür, dass Sie diesen Schritt gegangen sind?

NH: Mein Kopf ist immer in Bewegung, wir suchen ständig neue locations, über Macia Batle hinaus. Das ist unsere Basis und wird es natürlich auch in Zukunft bleiben. Aber auch an neuen locations bleiben unsere Konzerte intim, Musik und Musiker zum Anfassen sozusagen. Cap Rocat kenne ich seit langem von den großen Konzerten, aber ich weiß, dass es da auch einen wunderschönen Kammermusiksaal gibt. Maxim Vengorov, übrigens auch ein Idol von mir, hat da gespielt. Also hab ich mal vorgefühlt. Cap Rocat hat die doppelte Kapazität von Macia Batle. Und nun hat man mir das Angebot gemacht, dass wir dort spielen können. Ich bin 1000 %ig überzeugt von dem Projekt, den Cap Rocat ist eine location, die man mit nichts vergleichen kann. Ichfreu mich wahnsinnig auf die Konzerte.

MHM: Ich freue mich auch sehr, dass David Khrikuli am 25. April dort ein Recital spielt.

NH: Seine Karriere explodiert ja gerade förmlich, seit dem Chopin-Wettbewerb ist er ja in aller Munde. Er hat keinen Preis gewonnen, sich aber trotzdem die Herzen von Jury und Publikum erobert. Ich vergleiche ihn immer mit Pogorelich, der damals auch nicht gewonnen hat, weswegen Martha Argerich aus Protest die Jury verlassen hat. Er mag das zwar nicht hören, aber die parallelen sind nicht zu übersehen.

MHM: Haben Sie Lieblingskomponisten?

NH: Mein Lieblingskomponist ist immer der, an dem ich gerade Arbeite. Zur Zeit ist es Tschaikowsky, weil wir den demnächst auffühjren. Aber generell würde ich sagen Haydn, den haben wir fast ein wenig zu häufig im Programm. Seine Quartette und Trios sind einfach gigantische Meisterwerke. Brahms find ich auch großartig.

MHM: Jetzt möchte ich noch ein ganz provozierendes Stichwort ins Spiel bringen: historisch informierte Aufführungspraxis. Da dürfte für Sie als Geigerin vor allem das permanente Non-vibrato interessant sein.

NH: Das ist eine sehr interessante Frage, weil ich ja aus der russischen Schule komme. Aber nach zehn Jahren russischer Tradition wollte ich mich stilistisch weiterentwickeln. Ich habe den Lehrer gewechselt und bin von einem russischen zu einem österreichischen gegangen, zum Primgeiger des Alban Berg Quartetts. Der hat mich dann durch die ganze Leopold-Mozart-Violinschule gequält…

MHM: … die aber durchaus auch eine Anleitung zum Vibratospiel enthält!

NH: Das stimmt, aber da geht es nicht um ein Dauervibrato, sondern darum, wie man es möglichst raffiniert dosiert. Für mich war das zunächst sehr gewöhnungsbedürftig. Aber ich versuche, diese Technik in mein Spiel zu integrieren, wenn wir Haydn, Mozart oder Bach spielen.

MHM: Frau Heidenreich, eine letzte Frage, die jetzt weniger mit Ihrem Wirken zu tun hat, aber für die Klassikszene auf Mallorca von großem Interesse ist: was macht den der Bau der Caja de Musica?

NH: Sie meinen den neuen Konzertsaal? Ja, da geht’s nach langer Verzögerung weiter, ich schätze mal, in eineinhalb Jahren kann das Eröffnungskonzert stattfinden. Da freue ich mich gewaltig drauf, weil ja mein Mann sehr involviert ist, und weil das Orchester dann endlich eine Heimat hat. Ein Orchester braucht eine Heimat. Und da gibt es dann auch einen Kammermusiksaal, in dem zu spielen für mich eine große Freude sein wird. Wir können’s alle kaum erwarten, es wird ein Meilenstein für das Orchester und auch für die internationale Konzertszene sein.

MHM: Leopold Hager hat mir gesagt, er hofft dass er das noch erleben wird, und er möchte da unbedingt ein Konzert dirigieren. Er ist immerhin 90…

NH: Da bin ich mir sicher, dass er das noch erlebt! Der Berliner Flughafen hat ja auch etwas länger gedauert, oder die Elbphilharmonie. Im Vergleich damit liegen wir trotz Verzögerung noch ganz gut in der Zeit!

MHM: Eine allerletzte Frage: Künstler erwarten ja auch etwas von ihrem Publikum. Was erwarten Sie?

NH: Wir haben bei unseren Konzerten nur eine Erwartung: dass das Publikum danach einen Tick glücklicher ist als davor. Was natürlich nicht heißen soll, dass es vorher unglücklich war… Aber ich glaube 1000 %ig an die Macht der Musik, daran, dass Musik glücklich macht.

MHM: Verhaltenscodex? Stört es Sie, wenn nach jedem Satz applaudiert wird?

NH: Überhaupt nicht. Wir sind ja nicht in Wien oder London, bei uns geht es lockerer zu. Und wenn das Publikum so begeistert ist, dass es zwischen den Sätzen klatscht, ist das für mich total in ordnung!

MHM: Gibt es einen Dresscode, oder darf man auch in Jeans und T-Shirt kommen?

NH: Aber klar doch. Natürlich freuen wir uns über adrett gekleidete Konzertbesucher, aber das ist kein Muss. Hauptsache ist, dass die Leute eine freudige Erwartung mitbringen.

MHM: Frau Heidenreich, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

NH: Ich danke Ihnen.

Meistgelesen