Er war fast so etwas wie ein König auf Mallorca – ohne sich selbst so zu nennen – und er kannte seine deutschen "Kollegen" nahezu alle persönlich. Das waren etwa der Mietwagenkönig Hasso Schützendorf, der Wurstkönig Horst Abel, der damalige Immobilienkönig Matthias Kühn und der Schlagerkönig der Insel, Jürgen Drews. Als Wolfram Seifert sich dann im Jahre 2009 nach knapp drei Jahrzehnten als Direktor des Mallorca Magazins in den Ruhestand verabschiedete, würdigten die Medien in Deutschland ihn als den "Zeitungskönig von Mallorca".
Jetzt ist Wolfram Seifert in der Nacht zum Samstag im Alter von 79 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit in der Clínica Rotger in Palma verstorben. Für nicht wenige Menschen kommt das unerwartet. Denn noch in jüngster Zeit war der weißhaarige Grandseigneur in der Öffentlichkeit zugegen gewesen, etwa im Oktober beim Empfang des Deutschen Konsulats zum Tag der Deutschen Einheit in der Diskothek Joy Club des Universal Hotels, oder bei der Abschiedsfeier des bayerischen Mallorca-Gastwirts und Urgesteins Werner Wiedemann.
Auch sonst wurde man Wolfram Seifert immer wieder einmal ansichtig, etwa in dem einen anderen oder anderen Restaurant in Palma, wo er in Begleitung seiner Frau Petra und Bekannten wie dem Gastronomenehepaar Himbert dinierte, oder bei Vernissagen und Festen, zu denen das mit ihm befreundete Immobilien-Unternehmerehepaar Lutz und Edith Minkner regelmäßig lud. Unter den langjährig ansässigen Vertretern dieser deutschen Community gab es niemanden, der den MM-Direktor nicht kannte und nicht das Gespräch mit ihm suchte.
Wie kaum ein anderer hat Wolfram Seifert die deutsche Gemeinschaft auf Mallorca in den vergangenen Jahrzehnten geprägt. Er machte das Mallorca Magazin, sein liebstes Kind, zu dem führenden deutschsprachigen Medium auf der Insel und im westlichen Mittelmeerraum.
Unter der Regie Seiferts wurde die Wochenzeitung seit 1981 zum unverzichtbaren Begleiter der deutschsprachigen Inselbewohner, zur Lebenshilfe in einer ihnen noch weitgehend fremden Welt. Alte Inselkenner erinnern sich: Es gab damals noch kein Internet, kein Google, kein Instagram, kaum Radio, und ein deutsches Fernsehprogramm auf Mallorca schon gar nicht. Wenn hier urlaubende Teutonen auf der sogenannten "Putzfraueninsel", überwinternde Kälteflüchtlinge von nördlich der Alpen oder in den Süden ausgewanderte Rentner und Ruheständler aus Alemania Infos über ihre Feriendestination oder die neue Wahlheimat benötigten, dann war das Mallorca Magazin, und damit Wolfram Seifert, lange Jahre ihre einzige Quelle in deutscher Sprache.
Aus der Frühgeschichte des Mallorca Magazins
Wie war es überhaupt dazu gekommen? Der Diplompolitologe Seifert war von 1968 bis 1980 politischer Redakteur und Chef vom Dienst in der Zentralredaktion der Tageszeitung Die Welt in Hamburg und Bonn gewesen. Es war dann 1981 gewesen, als Seifert vom spanischen Verleger Pedro Serra das Angebot erhielt, die Chefredaktion des bereits 1971 von dem Medienunternehmer gegründeten Mallorca Magazins zu übernehmen. Davor schon hatte der Mallorca-Zweitwohnsitzler Seifert ein Zeit lang das Programm des deutschsprachigen Senders Radio Aleman, geleitet, einem Vorgänger des heutigen Inselradios.
Ganz spanisch-traditionell wurde die Zusammenarbeit zwischen Pedro Serra und Wolfram Seifert mit einem einzigen Handschlag besiegelt. Einen schriftlichen Vertrag soll es zwischen den beiden Vollblut-Journalisten nie gegeben haben.
Das Mallorca Magazin hatte sich in jenen Jahren nach dem Ölschock in einer schwierigen Phase befunden. Die bisherigen Führungskräfte hatten das Blatt in einer ehemaligen Kutscher-Garage und Autowerkstatt im Hinterhof einer Sackgasse in Palmas Altstadt produziert. Einer jener Chefredakteure war zudem nach nur sechs Monaten im Dienst über Nacht verstorben. "Wir wussten nicht recht, wie es weitergehen sollte, da kam Wolfram Seifert wie ein Adler rettend uns durch die Lüfte zugeflogen", würde Pedro Serra sich 28 Jahre später bei der Verabschiedung seines "Director" rückblickend erinnern.
Auch für Wolfram Seifert kam die Bekanntschaft mit dem spanischen Verleger einem Geschenk des Himmels gleich. In einem Interview im Jahre 2009 verriet Seifert: "Ich hatte ein Haus hier und liebte die Insel. Als Pedro Serra mir die Partnerschaft anbot, reizte mich die Herausforderung. Die Auflage von MM lag bei 1000 Exemplaren, alle Artikel waren langweilig - Übersetzungen aus spanischen Zeitungen. Ich war eine Ein-Mann-Redaktion."
Aus diesen winzigen Anfängen schmiedete Seifert das Mallorca Magazin zu einem Flaggschiff der deutschsprachigen Auslandszeitungen weltweit. Parallel zum deutschen Touristen- und Residentenboom auf der Insel stieg die Auflage von 1000 auf bis zu 40.000 Exemplare wöchentlich, der Umfang der Ausgaben wuchs von zwölf auf bis zu 160 Seiten. Das war ein unglaublicher wirtschaftlicher Erfolg, den Seifert und Serra, (letzterer hatte 1974 zusätzlich die 1893 gegründete spanische Tageszeitung Ultima Hora erworben), sich gemeinsam erarbeiteten.
Einmal in einem Interview nach den besten Zeiten auf der Insel befragt, antwortete Seifert unumwunden: "Was das Geldverdienen betrifft: die Neunziger. Da hatten wir 50 Seiten Immobilienanzeigen pro Woche." Die Insel sei damals immer edler und die Klientel immer spannender geworden. "Plötzlich kamen nicht nur Schauspieler, sondern auch Politiker auf die Insel. Kohl und Gorbatschow, Bruno Kreisky oder Jassir Arafat waren zu internationalen Konferenzen hier zu Gast." Später besuchte auch Bundespräsident Johannes Rau Mallorca, Bundeskanzler Gerhard Schröder verbrachte seine Urlaube mit Frau und Tochter in der Inselmitte und war schon zuvor als niedersächsischer Ministerpräsident bei Seifert auf dessen Dachterrasse hoch über dem Strand von Cala Major zu Gast gewesen.
Das waren unternehmerische und gesellschaftliche Aufschwünge in schier schwindelerregende Höhen. Natürlich war Wolfram Seifert längst keine Ein-Mann-Redaktion mehr, sein Redaktionsteam war zwischenzeitlich auf 14 Personen angewachsen. Hinzu kamen ein Dutzend freier Mitarbeiter. Natürlich war damals auch der "wild-romantische" Hinterhof, wie eine Ex-Redakteurin es einmal ausgedrückt hatte, längst viel zu klein geworden.
Im Jahre 2003 war die MM-Redaktion in das neuerrichtete (und vom spanischen König Juan Carlos eingeweihte) Druckereigebäude der Mediengruppe Serra im Gewerbegebiet Son Valentí vor die Tore Palmas umgezogen. Hier standen ganz neue Herausforderungen an, die zunehmende Digitalisierung und die verstärkte Nutzung des Internets (MM hatte sein Portal bereits im Jahre 2000 in Betrieb genommen) stellten ganz neue Anforderungen an den Verlag und dessen Mitarbeiter.
Als Chef war Wolfram Seifert aufgrund seiner jahrelangen und reichhaltigen Erfahrung eine Mallorca-Koryphäe und ein Mentor, der für seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stets ein offenes Ohr hatte (und zwar nur eines, denn auf dem anderem hörte er fast nichts). Er wusste die Kollegen für die Insel zu interessieren ("Fahren Sie mal in den Norden, Sie müssen die ganze Insel kennenlernen!") und er förderte junge Talente durch Rückendeckung und Ratschläge, wie man sie höchstens von einem guten Vater erhalten würde. Einer Kollegin, die wegen eines Notfalls Hals über Kopf nach Deutschland fliegen musste, steckte er nach einem Griff in seine Hosentasche große Geldscheine zu, um ihr den damals noch aufwendigen Gang zur Bank zu ersparen. Einer anderen Kollegin, die für eine Reportage auf der Suche nach einem Fotomotiv war, das einen typischen Macho zeigen sollte, empfahl er freimütig: "Fotografieren Sie doch einfach mich!"
So kam Wolfram Seifert zum Journalismus
Kaum jemand weiß, wie Wolfram Seifert zum Journalismus kam. Wer ihn danach fragte, erfuhr, wie aufgebracht der einstige Politologiestudent 1967 in West-Berlin im Jahr der Studentenunruhen gewesen war. Das einschneidende Erlebnis für den jungen Mann: Als die aus der Druckerei der Springer-Presse rollenden Lastwagen mit den neuen Exemplaren der Bild-Zeitung von Demonstranten in Brand gesteckt wurden. Und dass der Mob den Fahrer an der Flucht aus dem Laster hindern wollte. "Ich habe die Leute von dem Mann weggerissen. Dann bin ich am nächsten Tag zum Springer-Verlag gegangen und habe mich dort beworben."
Man hatte im Redaktionsalltag gut lachen, wenn Wolfram Seifert hin und wieder als Urlaubsvertreter seines damaligen Chefredakteurs Bernd Jogalla die MM-Redaktion wie in alten Zeiten selbst leitete. Denn der Herr Direktor oder "Chef", wie er auch genannt wurde, zeichnete sich durch einen kollegial-jovialen und mitunter pikanten Humor aus, sodass es regelrecht Spaß und Freude bereitete, für ihn und mit ihm zu arbeiten. Und er beeindruckte seine junge Mannschaft ungemein, wenn er in stressigen Phasen, in größter Seelenruhe und wie aus dem Nichts, ganze Artikel und Berichte in die Tasten seines Terminals kloppte und damit auf den Rechnern die damals noch grüne Leuchtschrift auf dem schwarzen Hintergrund des Bildschirms geradezu aufglühen ließ.
Im Jahre 2009 überraschte dann Wolfram Seifert sein gesamtes Team damit, dass er sich in den Ruhestand verabschieden werde, um künftig als "Privatier" sein Leben auf Mallorca zu genießen, Golf zu spielen und ein Online-Portal für diese Sportart zu gründen. Für seine Mannschaft war sein Weggang emotional schmerzhaft, auch wenn die Arbeitsbedingungen innerhalb der Mediengruppe unverändert beibehalten wurden. Dies war ebenfalls eine Abmachung, auf die sich der "Chef" mit seinen Partnern im Verlag geeinigt hatte.
Ganz indes riss der Kontakt zwischen Seifert und MM nie ab, schließlich war das Magazin "sein Blatt", das er regelmäßig weiter las und kommentierte. So waren Seifert und seine Frau Petra Ehrengäste, als das Mallorca Magazin 2021 sein 50-jähriges Bestehen im Es-Bauland-Museum beging oder im Oktober 2023 das neugestaltete Design im Beachclub von Illetes im Rahmen einer Feier präsentierte. Noch bis vor kurzem kommentierte Wolfram Seifert immer wieder einmal einzelne Ausgaben oder Artikel, auch wenn die meisten Kolleginnen und Kollegen, die – mit Ausnahme von ein, zwei Veteranen – nach ihm gekommen waren, ihn gar nicht mehr persönlich kannten. Am 5. Juni dieses Jahres hatte er per SMS die Redaktion wissen lassen: "Alles zusammen: Toll. Ihr seid alle richtig gut."
Den ernstgemeinten Ratschlag aus der Redaktion an seine Adresse, Wolfram Seifert möge sich die Zeit nehmen und seine Inselmemoiren schreiben, konnte oder wollte er zum allgemeinen Bedauern des MM-Teams, soweit bekannt, nicht mehr nachkommen. Mit seinem Tod büßt Mallorca einen wahren Freund ein, jemanden, der die Insel einfach liebte und der über sein Leben hier einmal sagte: "Schön war es immer!".
Mallorca verliert durch Seiferts Tod darüber hinaus einen beherzten Mitmenschen, einen weisen Beobachter und einen stringenten gesellschaftspolitischen Kommentator sowie ganz besonders einen außergewöhnlich wichtigen Zeitzeugen für das deutsch-mallorquinische Zusammenleben der vergangenen viereinhalb Jahrzehnte. Das Mallorca Magazin trauert und wird seinem früheren Direktor ein ehrendes Gedenken bewahren. Adiós, Herr Seifert, und hasta siempre!
(Details über eine Trauerfeier und/oder eine Beisetzung sind noch nicht bekannt. Sie werden gegebenenfalls an dieser Stelle nachträglich veröffentlicht.)