Vor Kurzem beschäftigte ein Fall die Presse auf Mallorca, in dem sich ein mallorquinisches Ehepaar über einen schwedischen Immobilieninvestoren in dem Palmesaner Trendviertel Santa Catalina beschwerte. Der Mann soll mehrere Wohnungen in der Nachbarschaft der Einheimischen aufgekauft und als illegale Ferienvermietungen genutzt haben sowie nicht genehmigte Bauarbeiten in dem Haus durchgeführt haben, in dem die Mallorquiner wohnen. Der Fall ereignet sich in einer Gegend von Palma, in der beispielhaft Tradition und Moderne aufeinandertreffen. MM hat dem Wandel des Viertels nachgespürt.
„Wir müssen bedenken, dass die Gegend um Santa Catalina aufgrund ihre zentralen Lage zwischen Porto Pí und dem Zentrum von Palma ein belebter Ort war”, erklärt der Archäologe Raúl Guardiola Navarro des Historiker-Kollektivs Cultura Ufana. „Ausgehend vom 14. Jahrhundert wuchs Santa Catalina mit der Stärkung seiner Industrie und entwickelte sich zu einem der wichtigsten Industrieviertel Palmas.”
Zahlreiche Fabriken gab es früher
Insbesondere ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, mit dem Beginn der Industrialisierung auf Mallorca, hatten zahlreiche Unternehmen ihren Sitz in dieser Gegend: Darunter eine Seilfabrik, eine Gasfabrik, eine Mehrzweckfabrik, ein Glashersteller sowie die erste Getreidemühle Mallorcas. „Die Mühlen, die wir heute sehen, sind nur ein kleiner Ausschnitt aller Mühlen, die einst in dieser Gegend standen”, sagt Archäologe Guardiola. „Mühlen in dieser Gegend sind bereits auf Karten aus dem 17. Jahrhundert verzeichnet.”
Die Immobilienmaklerin Carina Nilsson kennt den Häuser- und Wohnungsmarkt in Santa Catalina seit rund 13 Jahren. „Das Viertel ist immer noch attraktiv”, so die Schwedin. „Du hast die Markthalle, all die Weinlokale und Restaurants.” Nach der Corona-Pandemie sei das Viertel wieder aufgeblüht, so Nilsson. „Es vibriert immer noch.” Der Schwedin ist eine Eigenschaft an Santa Catalina aufgefallen: „Hier herrscht eine andere Geschwindigkeit. Wenn man den Torrent überquert, kommt man fast in eine andere Welt.” In den Augen der Immobilienmaklerin hat sich das Viertel in den vergangenen 13 Jahren zu einer Lifestyle-Gegend entwickelt. „Das Publikum in Santa Catalina besteht aus Schweden, mittlerweile auch aus Deutschen und natürlich aus Mallorquinern.” Nilssons Geschäftspartner Marc Cabrera wünscht sich, dass „das Gefühl in diesem Viertel bestehen bleibt mit seinen charakteristischen und charmanten Häusern. Das ist sehr wichtig!”
Der Österreicher Thomas Grasberger betreibt seit 2018 die Bäckerei „Thomas’ Bakeshop” schräg gegenüber der Markthalle. „In dieser Zeit sind einige Cafés und Restaurants gekommen und wieder gegangen”, hat der Österreicher beobachtet. „Insgesamt hat das Santa-Catalina-Viertel aber seinen Geist behalten. Im Wesentlichen hat sich in den vergangenen acht Jahren nicht viel verändert.” Grasberger sieht die Markthalle als Dreh- und Angelpunkt von Santa Catalina. „Solange sich die nicht ändert, wird sich im Viertel auch nichts ändern”, so der Wiener. Gleichzeitig erkennt er, dass „sich die Geduld der Einheimischen verringert hat”.
Pep Amengual ist einer, der in Santa Catalina in Palma de Mallorca geboren wurde. Das war im Jahr 1954. Amengual führte in dritter Generation die Bäckerei Ca Sa Camena, ebenfalls schräg gegenüber der Markthalle. „Das Viertel ist – im Vergleich zur Zeit meiner Kindheit – nicht wiederzuerkennen”, so Amengual. „Als ich geboren wurde, waren die Straßen nicht asphaltiert. Es gab keine Autos. Es gab viele Fabriken, reichlich Schreinerwerkstätten und viele kleine Geschäfte. Das Leben war sehr ruhig. Abends und nachts saßen die Leute mit einem Stuhl auf dem Bürgersteig und unterhielten sich mit den Nachbarn. Das ist heute undenkbar!”
Wenn Amengual das Barrio heute mit einem Wort beschreiben würde, wäre dieses „exzessiv”. Auch die Markthalle habe sich sehr verändert: „Früher war sie nach oben hin offen. Ich ging zum Frühstück regelmäßig in eine dortige Bar und traf Fischer, Handwerker und die Leute, die auf dem Markt ihre Waren verkauften. Heute ist es unmöglich, zur Bar zu kommen, aufgrund der Menschenmengen, die hier essen und trinken.”
Ein Viertel mit eigenem Charakter
Auch die deutsch-spanische Künstlerin Tatiana Sarasa mit ihrem Atelier Studio79 gegenüber der Pfarrkirche der Unbefleckten Empfängnis und des Heiligen Magín, die vor 15 Jahren nach Santa Catalina kam, erinnert sich noch an ältere Frauen, die auf Stühlen nachmittags vor ihren Häusern saßen. „Santa Catalina hatte früher seinen eigenen Charakter”, so Sarasa. „Ältere Menschen, die einst der Arbeit wegen ins Viertel zogen und noch immer hier leben, koexistieren heute mit der Nachtszene von Santa Catalina – ein Zusammenleben, das sich über Jahre hinweg ergeben hatte. Der Unterschied zu damals ist ziemlich krass, seitdem hier mit Immobilien spekuliert wird.” Auf der anderen Seite bekennt Sarasa, dass das Viertel heute „gepflegter” aussieht, aber auch „steriler und künstlicher”.
Im eingangs geschilderten Fall meldete sich übrigens der schwedische Investor bei der MM-Schwesterzeitung Ultima Hora und gab an, dass zwei Inspektoren des Inselrates in seinen Räumlichkeiten festgestellt hätten, dass seine Tätigkeiten „vollständig” den Vorschriften entsprächen. Darüber hinaus legte er ordnungsgemäße Genehmigungen für die durchgeführten Bauarbeiten vor. Die Zukunft von Santa Catalina bleibt also spannend.