Uwe Bahn sitzt auf der spektakulären Dachterrasse des Boutique-Hotels Ca Sa Galesa mit Blick über die Altstadt von Palma nicht einen Moment still. Das kann er auch gar nicht. Nicht im Kopf, nicht im Leben, schon gar nicht in seiner Karriere. Wer versucht, ihn in eine Schublade zu sortieren, wird schnell merken: Die gibt es schlicht und einfach nicht. „Ich bin, glaube ich, Erfinder“, sagt der Deutsche. Und meint das nicht im pathetischen Silicon-Valley-Sinn, sondern ganz praktisch: „Erfinder für Formate. Für Medien und für Events.“
Das klingt zunächst nach einer sauberen Berufsbezeichnung, ist aber eher ein Zustand. Einer, der sich über Jahrzehnte entwickelt hat – aus einer Mischung aus Neugier, Instinkt und einer fast schon sturen Weigerung, Arbeit als Arbeit zu akzeptieren. „Ich habe es noch nie als Arbeit empfunden. Noch nicht einen einzigen Tag”, sagt Bahn. Dann macht er eine Pause, die fast wie ein Schulterzucken klingt: „Work-Life-Balance ist für mich absoluter Quatsch.“
Geboren in Lauenburg an der Elbe, ausgebildet für den sicheren Weg ins Lehramt, entscheidet er sich früh für das Gegenteil von sicher. Statt Klassenzimmer: Mikrofon. Statt Stundenplan: Sendung. Der Einstieg ist so einfach wie größenwahnsinnig. Er ruft in Bierlaune eines Tages spontan bei NDR 2 an und sagt: „Ich bin genauso verhaltensauffällig wie ihr. Ich passe zu euch.“ Ein Satz wie ein Blind Date – entweder es wird peinlich, oder es passt sofort. Bei Bahn passt es.
Irre Radiokarriere
Was folgt, ist eine Radiokarriere, die sich anfühlt wie ein Senderlauf durch die eigenen Interessen: Comedy, Fußball, Reisen, Menschen und schließlich die erste Morning-Show des Senders. Der Olymp des Radios, wie er sagt – allerdings einer mit eingebautem Jetlag. „Wenn du vier Jahre jeden Morgen vor der ersten Amsel aufstehen musst, dann reicht es auch irgendwann.“ Der Wecker wird zur dramaturgischen Nebenfigur, die irgendwann nervt statt nützlich zu sein.
Also der nächste Richtungswechsel, so selbstverständlich wie ein Songwechsel nach drei Minuten. Fußball. Bundesliga. Und dann – fast beiläufig – eine Einladung auf Idee einer Zufallsbekanntschaft, die alles verschiebt. Die erste Kreuzfahrt. „Ich dachte, das ist doch was für Leute, die es schon im Kreuz haben.“ Ein Satz, der klingt wie ein Vorurteil, das nur darauf wartet, widerlegt zu werden.
Denn auf See entdeckt Bahn ein Prinzip, das ihn sofort packt: „Dein Hotel reist mit.“ Es ist die perfekte Verdichtung seiner beiden großen Konstanten – Musik und Reisen. Oder, anders gesagt: der Moment, in dem sich zwei Lebenslinien plötzlich kreuzen und beschließen, gemeinsam weiterzulaufen. Florida, New Orleans, Belize – „alles in zwei Wochen“. Bahn sagt das nicht wie ein Reiseveranstalter, sondern wie jemand, der gerade eine Abkürzung durchs Leben gefunden hat.
Aus dieser Abkürzung wird ein System. 2004 beginnt er mit der Planung eines Buches, von dem er selbst noch nicht weiß, dass es einmal ein Standardwerk wird. Seit 2006 erscheint der Kreuzfahrt-Guide jährlich – ein dickes Kompendium, das weniger wie ein Buch wirkt als wie eine Landkarte für Sehnsüchte. „Wenn so viele Schiffe kommen, wollen die Leute auch was drüber lesen“, sagt er trocken.
"Ich bin die Nachtigall"
Doch Bahn wäre nicht Bahn, wenn er es beim Beschreiben belassen würde. Er will Dinge nicht nur erklären, sondern verändern. Der nächste Impuls kommt, wie so oft, durch eine Begegnung. Udo Lindenberg meldet sich. Hat seine Bücher gelesen, kennt ihn aus dem Radio, hat eine Idee. „Du bist mein Bootsmann“, sagt Lindenberg. „Ich bin die Nachtigall.“
Was folgt, ist kein klassisches Projektgespräch, sondern eher ein kreatives Pingpong auf hohem Niveau. Die Idee: eine Kreuzfahrt mit Konzert. Heute ein etabliertes Format, damals ein Risiko mit Ansage. Bahn denkt größer, widerspricht, verschiebt Maßstäbe wie andere Leute ihre Liegestühle. Als Lindenberg zunächst auf ein kleineres Schiff setzt, sagt Bahn schlicht: „Dann bin ich draußen.“ Es ist dieser Moment, in dem man versteht, warum seine Ideen funktionieren: weil er sie ernst nimmt. Und sich selbst gleich mit.
2010 läuft der erste Rockliner aus – und ist in vier Tagen ausverkauft. „Das war der Megaflash.“ Man kann sich diesen Moment vorstellen wie das erste Mal, wenn ein Song nicht nur gehört, sondern mitgesungen wird – nur dass hier ein ganzes Schiff zum Chor wird.
Was danach folgt, ist weniger Karriere als ein gut orchestrierter Dominoeffekt. Kooperationen mit Peter Maffay, Produktionen mit dem Wacken-Team, Formate wie Full Metal Cruise oder Songs and Sail. Kreuzfahrten werden zu Bühnen, Schiffe zu fahrenden Festivals, und Bahn steht irgendwo dazwischen – selten im Scheinwerferlicht, fast immer an der Stelle, an der Ideen entstehen.
Auch in diesem Jahr geht es ab Palma an Bord wieder richtig ab: So steht auf seinem 80er-Cruise an Deck plötzlich die Popgeschichte der Fönwelle wieder auf Deck – mit Künstlern wie Nick Kershaw, Samantha Fox oder Camouflage. Dann wirkt das Schiff weniger wie ein Transportmittel als wie ein Mixtape, das einfach nicht aufhören will zu laufen. Drei Tage, fünf Tage, egal: Für die Gäste ist es eine Reise zurück in ein Jahrzehnt, in dem Refrains noch größer waren als Zweifel – und für Bahn ein weiteres Beispiel dafür, wie sich Nostalgie in ein funktionierendes Format übersetzen lässt.
„Ich bin eher der Konzeptionelle“, sagt er. „Content, Shows, Formate.“ Es ist ein Satz, der unspektakulär klingt und doch alles erklärt. Bahn ist keiner, der den Applaus braucht – er sorgt lieber dafür, dass er überhaupt erst entsteht.
Und während draußen auf dem Meer immer neue Projekte entstehen, hat er Mitte der 90er ganz nebenbei etwas aufgebaut, das bis heute auf der Insel wirkt: ein deutschsprachiges Radioprojekt auf Mallorca. 1996 geht das Inselradio 95,8 an den Start. Bahn nennt sich selbst „die Hebamme“ – ein Bild, das so treffend ist, dass es fast schon zu gut klingt. „Ich hab’s aus der Taufe gehoben, aber Daniel Vulic hat das Kind großgezogen. Perfekt großgezogen“, ergänzt er.
Es ist vielleicht diese Fähigkeit zur Selbstrelativierung, die ihn unterscheidet von vielen anderen, die ähnlich viel erreicht haben. Bahn erzählt seine Geschichte nie als Heldenepos, sondern eher wie eine Reihe glücklicher Fügungen, bei denen er zufällig immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort war – und dann eben etwas daraus gemacht hat.
Heute hat er eine Wohnung in Palma, mitten in der Stadt. Ein fester Punkt in einem Leben, das ansonsten eher aus Bewegung besteht. Und doch wirkt selbst dieser Ort bei ihm weniger wie ein Ankommen als wie ein weiterer Zwischenstopp. Mallorca ist für Bahn kein Sehnsuchtsziel, sondern eine Art logistisches Zentrum seiner Ideen – ein Ort, an dem Dinge starten, sich verbinden, weiterziehen.
Seine Sicht auf die Kreuzfahrt ist dabei so klar wie unaufgeregt. „Ich sehe die Kreuzfahrt unglaublich positiv. Sie hat mir die Welt gezeigt.“ Orte, die er sonst nie gesehen hätte. Beirut. Karibikinseln. Städte, die nur einen halben Tag dauern und trotzdem hängen bleiben. Gleichzeitig sieht er auch die Kehrseite, den Overtourism. „Ich sehe das ja bei mir hier vor der Haustür.“ Zu viele Schiffe, zu viele Menschen, zu wenig Raum. „Ein Schiff ist okay. Aber nicht mehrere gleichzeitig.“
Es ist keine moralische Kritik, eher die Perspektive eines Praktikers, der weiß, dass selbst die beste Idee irgendwann an ihre Grenzen stößt, wenn man sie überdehnt.
Und dann, fast leise, kommt noch ein weiteres Kapitel hinzu. Musik. Nicht als Moderator, nicht als Begleiter, sondern als Schöpfer. John Tonic and the Brainkillers – ein Name wie ein Drink, der ein bisschen zu gut schmeckt, um harmlos zu sein. „Ich spiele seit 35 oder 40 Jahren Gitarre. Immer nur für mich.“
Bis Nashville kommt. Diese Stadt trifft ihn wie ein sauber gespielter Akkord. „Das hat mich total geflasht.“ Also schreibt er Songs, produziert Alben, nutzt neue Technologien, experimentiert mit KI. Herausgekommen sind vorerst jede Menge Spotify-Follower. Es sollen noch mehr werden. „Songs bleiben“, sagt er. „Eine Radiosendung verschwindet in der Ewigkeit.“
Es ist ein Satz, der wie ein Perspektivwechsel klingt – weg vom flüchtigen Moment, hin zu etwas, das bleibt. Vielleicht ist das das Geheimnis von Uwe Bahn: dass er nie stehen bleibt und deswegen Spuren hinterlässt. Dass er Dinge erfindet, die weiterlaufen, auch wenn er schon beim nächsten Gedanken ist.
Oder, um es weniger poetisch zu sagen: jemand, der aus zwei Leidenschaften ein Leben gebaut hat – ohne dafür nur einen einzigen Tag zu arbeiten.