1976 war es so weit. In jenem Jahr flog ich erstmals nach Mallorca. Die Reise startete in Düsseldorf mit LTU in einer Lockheed L-1011 Tristar. Es gab tatsächlich noch kostenlose Verpflegung und Getränke an Bord. Man durfte sogar rauchen. An Tickets zu kommen, war dagegen nicht ganz so einfach. Mit der Lufthansa zu fliegen, war viel zu teuer. Das Ticket kostete um die 800 Mark.
Charterflüge gab es zwar bereits, aber eigentlich durfte man keine Tickets ohne eine Hotelbuchung kaufen. Da gab es dann (halblegal) einen Extra-Voucher (wie ein Scheckheft) des Reisebüros für ein Hotel, das irgendwo in der Pampa lag. Dort wohnte zwar kein Mensch, aber das „Hotel” wird wohl ständig überbucht gewesen sein. Tatsächlich wohnte ich im Haus meiner künftigen Schwiegereltern.
Die Flugpreise lagen damals bereits bei 400 Mark. Das war schon eine ganze Stange Geld für einen „armen” Studenten. Später flogen wir dann ab Nürnberg, unter anderem mit Kreutzer Reisen. Da wurden auf den Hin- oder Rückflügen unangekündigte Zwischenstopps in Linz, Ibiza oder München eingelegt, um Passagiere ein- beziehungsweise aussteigen zu lassen. Dann dauerte ein Flug eben vier statt zwei Stunden.
Seinerzeit wurden bei der Ankunft in Palma noch Fotos von den ankommenden Touristen an der Gangway gemacht, die man vor dem Rückflug kaufen konnte. Kann man sich bei den heutigen Menschenmassen nicht mehr vorstellen.
Die Rückflüge ab Palma waren so geregelt, dass man die Airline einige Stunden vor Abflug anrufen musste, um die Abflugzeit persönlich bestätigt zu bekommen. Bei belegten Anschlüssen benötigte man für dieses Verfahren manchmal zehn bis 20 Anrufe, bevor man durchkam.
Das Leben vor Ort in Cala d’Or war noch relativ einfach gestaltet. Küssen am Strand und in der Öffentlichkeit war immer noch verboten, „oben ohne” schwimmen sowieso. Das Telefonieren ging einzig von Telefonzellen aus. Die Pesetas ratterten nur so durch den Schacht. Mit etlichen Tricks und einigen Kniffen (wird nicht verraten, wie) konnte man sogar gratis telefonieren. Da wurde die Warteschlange mit staunenden Touristen vor der Telefonzelle immer länger.
Supermärkte? Die gab es noch nicht. Der Wein wurde in der Cooperativa in Felanitx in Fünf-Liter-Korbflaschen eingekauft, und in der Markthalle nicht weit entfernt, tätigte man sonntags den halben Wocheneinkauf. Ansonsten gab es Fleisch und Wurst beim Metzger. Obst, Gemüse, Milch und Butter wurde im Tante Emma Laden am Eck verkauft.
Den Kaffee brachte man aus Deutschland mit. Spanischer Kaffee war ungenießbar. Die „Bild” gab es mit zwei bis drei Tagen Verspätung am Kiosk, wo auch Zigaretten verkauft wurden. Die 20-Stück-LOLA schmeckten wie eine alte Matratze und kosteten 1,20 DM. Ein Cuba Libre bestand zu jener Zeit zu 80 Prozent aus Bacardi und einem kleinen Schuss Cola, Kosten: zirka 120 Pesetas. Für Bier, Bacardi und Osborne Veterano gab es spezielle Alkohol-Geschäfte.
Verschiedene Brotsorten? Es gab Baguette oder Baguette, und gut war’s. Ensaimadas gab es für die Kinder. Dafür kam der Fisch frisch aus dem Meer und konnte am Hafen gekauft werden. Der Hafen war damals etwa um 75 Prozent kleiner als heute. Die gesamte Umgebung rund um die Cala Esmeralda und den Hafen war mit Pinienhainen bewachsen.
Auch das Tanken war mit Risiko behaftet. In Felanitx gab es noch eine alte Pumpstation an einem Eck der Plaça Espanya. Am Sonntag war dort allerdings der Teufel los. In Cala d’Or gab es zwar auch eine Tankstelle in der Nähe des Hafens, aber man wusste nie, wann die geöffnet hatte.
Ein orangefarbener tragbarer Fernsehapparat war eine Quelle der Erleuchtung. Über zwei Antennen in V-Form konnte man lediglich TVE1 und irgendeinen katalanischen Sender aus Barcelona empfangen. Das Resultat: viel Schneegestöber auf dem Bildschirm und kein einziges Wort verstanden. Wenn man keinen Radio-Weltempfänger besaß, war man nachrichtentechnisch vom Rest der Welt abgeschnitten.
Und dann gab es noch die ewigen Stromausfälle. Ein Gewitter genügte, und die halbe Insel war ohne Strom. Das dauerte manchmal stundenlang. Für die Abend- und Nachtstunden lagen Kerzen und Streichhölzer stets griffbereit. Gut, dass mit Gas gekocht wurde. Verhungern mussten wir nicht. Dafür kribbelten beim Spülen die Finger und beim Einstieg in den Pool die Zehen. Ein drei-adriges Kabel mit Erdung war in der Hausinstallation ebenso unbekannt wie ein FI-Schutzschalter. Wir haben’s schadlos überlebt.
Ach ja, das Wort „Ballermann” konnte damals noch niemand buchstabieren. Da hießen die Strandbuden von Palma bis Arenal noch Balneario 1 bis 9. Erst viel später wurden daraus der Bierkönig, die KöPi Stuben oder der Mega-Park. Aber es war einfach schöner als heute. Und soooo romantisch ...
Über den Autor
Heinrich Stenzel hat als Exportleiter für Elektrotechnik gearbeitet und genießt mittlerweile seinen Ruhestand unter anderem in seiner Ferienimmobilie im Inselosten. In seiner Freizeit schreibt und liest er viel und widmet sich der Malerei. Stenzel hat in vielen Ländern der Welt gelebt und ist ein polyglotter Kosmopolit.