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Kunst & Kultur

"Für mich ist die Leinwand nicht weiß, sondern transparent"

Er ist Fotograf, Künstler, Unternehmer und Kreativkopf mit Hang zur Philosophie. Adrian Bedoy kommt nach Mallorca – und spricht vorher im MM-Interview über Kreativität, seine Sicht auf die Kunst und warum die Welt gar nicht so schlimm ist, wie viele denken

Adrian Bedoy auf Mallorca. | Foto: Uwe Erensmann/@uepress

| Palma, Mallorca |

Er ist Fotograf, Künstler, Unternehmer und Kreativkopf mit Hang zur Philosophie. Adrian Bedoy kommt nach Mallorca – und spricht vorher im MM-Interview über Kreativität, seine Sicht auf die Kunst und warum die Welt gar nicht so schlimm ist, wie viele denken.

Mallorca Magazin: Herr Bedoy, lassen Sie uns direkt knallhart einsteigen: Was ist Kunst für Sie
Adrian Bedoy: Kunst ist für mich nichts anderes als die Beobachtung der Welt im jetzigen Moment – und der Versuch, diese aus der Perspektive des Künstlers für andere festzuhalten.

MM: Und wie nehmen Sie die Welt aktuell wahr?
Bedoy: Ehrlich gesagt nicht so düster wie viele andere. Ich habe das Gefühl, dass etwas zurückkehrt, das wir lange vermisst haben: Agilität. Gerade in der Kunst sehe ich, dass Künstler und Sammler wieder wacher und schärfer werden. Die Weltlage zwingt viele dazu, intensiver nachzudenken. Wenn wir nur still dasitzen und die Sonne anschauen, passiert nichts. Manchmal braucht es Bewegung – manchmal sogar einen Impuls von außen.

MM: Also auch mal einen Knall?
Bedoy: Vielleicht nicht unbedingt einen Knall – aber zumindest einen Tritt in den Hintern, wie man ihn früher von den Eltern bekommen hat. Ein gutes Beispiel ist meine Arbeit: Stellen Sie sich eine Glasscheibe mit einem Stein darin vor. Das beschreibt meine Kunst ganz gut. Für mich ist die Leinwand nie weiß, sondern transparent – wie unsere Gesellschaft. Wir leben in einem Zustand von Luxus, Perfektion und kulturellem Austausch, der so hoch ist, dass wir eine Art gläserne Grenze geschaffen haben, die kaum noch sichtbar ist.

MM: Bleiben wir beim Zustand der Welt! Wann war für Sie der Moment größter Offenheit?
Bedoy: Der Fall der Berliner Mauer. Damals gab es weltweit etwa 20 physische Grenzmauern. Heute – rund 37 Jahre später – sind es 72. Das ist mehr als eine Verdreifachung. Wir glauben, offener geworden zu sein, aber in Wahrheit grenzen wir uns stärker ab und regeln alles über Vorschriften und Genehmigungen.

Adrian Bedoy (r.) mit dem Galeristen Felix Wille vom Pink Panthers Collectors Club. Foto: Uwe Erensmann/@uepress

MM: Lassen Sie uns über Sie sprechen: Wann hat Ihre Kreativität begonnen?
Bedoy: Sehr früh. Ich hatte das Glück, in einem kulturell geprägten Elternhaus aufzuwachsen. Mein Vater war ein Multitalent – Architekt, Musiker, Zeichner. Von ihm habe ich Ruhe und Sinn für Ästhetik. Meine Mutter arbeitete in der Oper. Dadurch war ich schon als Kind oft dort und habe gelernt, dass Schönheit nicht unbedingt visuell sein muss – ich habe mich zum Beispiel in eine Opernstimme verliebt, nicht in das äußere Erscheinungsbild.

MM: Wie verlief Ihr Weg in die kreative Praxis?
Bedoy: Mit 14 wusste ich, dass ich etwas Kreatives machen will. Ich habe mich in eine Zeitungsredaktion „eingeschlichen“ und behauptet, freier Mitarbeiter zu sein. Ein Redakteur fand das so dreist, dass er mich machen ließ. Dort traf ich Künstler, die eigentlich Kunst studiert hatten, aber als Fotografen arbeiteten, um Geld zu verdienen. Sie nahmen mich mit – und so begann alles.

MM: War Fotografie also Ihr Einstieg in die Kunst?
Bedoy: Ja, obwohl ich ursprünglich schreiben wollte. Ein Redakteur gab mir irgendwann eine Kamera, und ich stellte fest, dass ich mich visuell besser ausdrücken kann. Ich habe dann Journalistik und Wirtschaft studiert, um unabhängig zu bleiben. Ein wichtiger Satz, den ich dort gelernt habe, lautet: Man kann nur frei Kunst schaffen, wenn man nicht darauf angewiesen ist, damit Geld zu verdienen.

MM: Wenn Sie heute jemand fragt, was Sie von Beruf sind, was antworten Sie?
Bedoy: Mein Beruf ist meine Berufung. Ich bin ein Bildmensch. Ich habe eine Agentur für Bildsprache gegründet, die für Unternehmen arbeitet. Ähnlich wie früher am Hofe, wo Künstler das Leben der Eliten abbildeten, unterstütze ich mit meinem Team Unternehmen künstlerisch. Wenn der Tag endet, widme ich mich meiner eigenen Kunst und meiner Perspektive. Für mich selbst habe ich nie viel zum Leben gebraucht; ich war nie ein gieriger Mensch und habe mein Geld immer in mein Weiterkommen investiert.

MM: Was muss Kunst bei Ihnen auslösen?
Bedoy: Sie muss mich stoppen. Mich zum Innehalten bringen. Und im besten Fall etwas in mir auslösen – egal in welcher Form.

MM: Sie haben vorhin Berlin erwähnt. Was löst die Stadt in Ihnen aus?
Bedoy: Berlin ist ein Widerspruch – gleichzeitig schön und hässlich. Die Stadt kann Ihnen den besten oder den schlimmsten Tag bescheren. Ihre Geschichte spielt dabei eine große Rolle. Berlin war lange isoliert, politisch geprägt, unfertig. Für mich ist die Stadt wie ein Kunstwerk voller Kontraste – fast wie eine Schlagzeile, die Sie sofort packt.

MM: Und wie sehen Sie kulturelle Unterschiede, etwa zwischen Deutschland und anderen Ländern?
Bedoy: In Deutschland dominiert oft Funktionalität und Effizienz. Das sieht man in Architektur, Mode, Wirtschaft. In Ländern wie Italien steht stärker die Ästhetik im Vordergrund. Diese deutsche Funktionalität kann aber auch problematisch sein – etwa wenn sterile Glasbauten historische Landschaften zerstören.

MM: Hilft Ihnen Ihre Beobachtungsgabe, ruhiger durchs Leben zu gehen?
Bedoy: Ganz bestimmt. Wir sitzen hier, und ich habe keinen Anspruch an Sie – genauso wenig, wie Sie einen an mich haben. Jeder ist, wer er ist. Friedrich Nietzsche sagte, es gibt keine absolute Wahrheit, da wir alle unterschiedlich sozialisiert sind und unterschiedliche Zugänge zur Welt haben. Diese Haltung macht mich frei, ohne ständig Grenzen zu überschreiten oder Ansprüche an andere zu stellen. Viele Künstler verbiegen sich für den Erfolg, wollen unbedingt im MoMA hängen oder bei der Biennale dabei sein. Mich interessiert dieses künstliche Pushen nicht. Kunst muss keine erdichtete Show sein – das ist nur „Brot und Spiele“ für die Massen.

MM: Zum Abschluss: Ihr Stil. Wie würden Sie ihn anhand des Bildes, das sie in Händen halten (s. Foto) beschreiben?
Bedoy: Ich arbeite weniger dreidimensional, sondern mit Überlagerungen. Es ist ein Objekt, aber aus verschiedenen Blickwinkeln gleichzeitig. Jeder Betrachter erkennt etwas anderes: ein Netzwerk, eine Trennung oder etwas völlig Eigenes. Die Inspiration kam von einem roten Maschendrahtzaun vor dem Centre Pompidou in Málaga. Er hat mich gestört – und gleichzeitig fasziniert. Je wohlhabender eine Gesellschaft wird, desto mehr Zäune baut sie. Meine Arbeit besteht darin, diese Ebenen sichtbar zu machen und gleichzeitig aufzulösen. Am Ende geht es darum, dass jeder seine eigene Wahrheit im Bild findet.

Unter dem Titel „Zwei Perspektiven auf das Licht“ begegnen sich die Werke von Adrian Bedoy und Andy Warhol in einem spannenden künstlerischen Dialog rund um das Motiv der Sonne und die
Wahrnehmung von Licht.

Die Vernissage findet am 10. und 11. April 2026 im Pink Panthers Collectors Club in Puerto Portals statt. Die Ausstellung wird bis zum Sommer zu sehen sein

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