Maria Massanet Vidal ließ dann doch der jungen Mutter den Vortritt. Die junge Frau mit einem Baby im Arm und einem Kleinkind an der Hand hetzte noch vor der 57-Jährigen in den Luftschutzkeller. In jenem Moment, am Nachmittag des 20. August 1936, schlug die Bombe auf der Plaça Camp d’en Serralta in Palmas gleichnamigen Arbeiterviertel ein, direkt neben dem heutigen Gastronomiebezirk Santa Catalina gelegen. Ein Metallstück des explodierenden Sprengkörpers traf Maria Massanet an Brust und Bein. Die Verletzte wurde von anderen in den Keller der Sockenfabrik am Platz getragen. In dem Chaos dort fand sie ihr Ehemann Enrique Vives, liegend auf Produktionsmaterial. Sie starb in seinen Armen.
Ein knappes Jahr später, am 31. Mai 1937, rannten in der Altstadt an der Plaça Pes de Sa Palla die drei Geschwister Muñoz Martí um ihr Leben. Dabei blieb die kleine Merceditas (7) zurück, sie war in ihren Schlappen offenbar nicht so schnell. Ihre große Schwester Antonia (23) kehrte um und griff nach ihrer Hand, als die Bombe das dichtbevölkerte Wohnquartier traf. Auch die 21-jährige Schwester Magdalena kam dort ums Leben.
Wenige Tage zuvor war es ausgerechnet ein Schuh gewesen, der zumindest ein Leben rettete. Arnau Terrasa Martí kämpfte noch mit dem Schnürsenkel, als am 24. Mai 1937 die Alarmsirenen heulten und seine Familie voller Panik die Wohnung verlassen und zum Schutzbunker rennen wollte. „Lauft schon einmal vor, ich komme gleich nach”, sagte der Mann seiner Frau María Lloret Ferrer (36) samt den beiden Töchtern María (7) und Josefa (1). In jenem Moment verwandelte die aus dem Himmel niedergehende Bombe das Treppenhaus in einen Trümmerhaufen. Die Leichen der Frau und der beiden Mädchen lagen später, nachdem sie von Helfern aus dem Schutt geborgen worden waren, unter einem Leintuch auf dem Pflaster der Calle Velázquez, schon damals und wie heute eine belebte Geschäftsstraße in Palmas Zentrum, bevor sie zum Friedhof abtransportiert wurden.
Fast 100 Menschen starben im Bombenhagel
Die aufgezählten Bombenopfer sind nur sieben der 79 Menschen, die allein in Palma während des Spanischen Bürgerkrieges (1936-1939) ums Leben kamen. Inselweit waren es sogar 97 Menschen, die meisten von ihnen Zivilisten, davon 32 Frauen sowie 17 Kinder und Jugendliche unter 19 Jahren. Und es mussten fast 90 Jahre vergehen, bis die Opfer der Bombenangriffe namentlich erfasst und ihre Schicksale gebührend festgehalten wurden. Zum Vergleich, auf Mallorcas Schwesterinseln Ibiza und Menorca ist dies schon vor über ein bis zwei Jahrzehnten geschehen.
Dass jetzt erstmals auch die menschlichen Dramen, die sich auf Mallorca und vor allem in Palma abgespielt haben, in einem wissenschaftlich und zugleich höchst einfühlsamen Werk zusammengetragen wurden, ist dem jungen Historiker und Forscher Manuel Aguilera Povedano zu verdanken. Nach seinen Worten sind jene Menschen zu lange von den Behörden und Institutionen dem Vergessen anheimgegeben gewesen. Die offizielle Erinnerungskultur tat und tut sich schwer mit dem sensiblen Thema, insbesondere womöglich auch, weil diese Toten des Bürgerkrieges nicht auf das Konto der aufständischen Franquisten gehen, sondern auf die Verteidiger der Spanischen Republik.
All das tangiert den promovierten Historiker und Journalisten nicht. Er setzt ebenso akribisch wie ausgewogen auf alle ihm zur Verfügung stehenden militärischen Dokumente und schriftlichen Quellen beider Lager und hat darüber hinaus in jahrelanger Vorarbeit Zeitzeugen und Angehörigen der Verstorbenen nachgespürt. In Zeitungsaufrufen hatte er auf sein Anliegen aufmerksam gemacht und zahllose Gesprächspartner auffinden können, die ihm bereitwillig und erstmals öffentlich von dem Trauma und den Schmerzen berichten konnten, die innerhalb der Familien von Generation zu Generation weitergegeben wurden.
Eine erste institutionelle Anerkennung für diese Leidtragenden mag sein, dass das jetzt erschienene Werk Aguileras vergangene Woche vom Inselrat Mallorcas bereits vorab mit dem Buchpreis für die „beste Studie 2025” ausgezeichnet worden ist. (Info zum Buch „Mallorca en llamas” / Mallorca in Flammen ist derzeit nur auf Spanisch erhältlich. ISBN: 979-13-88107-03-0).
„Die Angriffe auf Palma waren unterschiedslose Terrorangriffe aus der Luft gegen die Zivilbevölkerung von urbanen Zentren”, betont Manuel Aguilera und verweist darauf, dass die Thematik angesichts von heutigen Geschehen etwa in Kiew, Odessa, Gaza, Beirut oder Teheran keineswegs an Aktualität verloren hat.
Palma de Mallorca war noch aus einem weiteren Grund eine Besonderheit
Was Palma indes herausragen lässt, ist Folgendes: Die Balearen-Metropole, die heute jedes Jahr Millionen von Menschen auf der Suche nach mediterraner Lebensart anlockt und durch die Altstadt flanieren lässt, bildete die Vorlage für all den Schrecken, der in den Kriegen weltweit erst noch kommen sollte. Palma war unter den allerersten Orten der Welt, in denen flächendeckende Bombardierungen aus der Luft auf bewohnte Stadtzentren vorgenommen wurden, um die Zivilbevölkerung zu terrorisieren und die Moral der Verteidiger zu brechen. Neben Palma zählen dazu in jenen Tagen die Städte Oviedo, Saragossa und Córdoba.
Doch selbst hier gibt es noch ein Unterscheidungsmerkmal: Die drei genannten Orte lagen dicht am Frontverlauf des Krieges und verfügten ihrerseits über militärisches Verteidigungspotenzial. Palma hingegen lag aufgrund des Meeres gewissermaßen weitab im „Hinterland” und besaß zu jenem Zeitpunkt weder eine nennenswerte Flugabwehr noch eine Luftwaffe. Die Stadt war dem Bombenterror anfangs komplett schutzlos ausgeliefert. Und auch später konnten herbeigeschaffte Kampfflugzeuge das Zentrum nicht vor dem Tod aus der Luft bewahren. Palma wurde, ohne es je zu wollen, zum Exempel für spätere menschliche Katastrophen wie Madrid, Guernika, Warschau, Rotterdam, Coventry, London, Hamburg, Dresden, Berlin, Hiroshima, Nagasaki ...