Was ist das denn? Es sieht aus wie ein roter Ferrari auf drei Rädern. Soll das ein Auto sein? Es gibt Anschnallgurte, aber keinen Airbag. Ist es also ein Motorrad? Nein. Allein das Cockpit mit Lenkrad, Display und Schaltknüppel spricht dagegen. Auch ein Helm muss in Europa nicht getragen werden. Durch die drei Räder also ein Trike? Ganz klares Jein. Das dritte Rad ist hier nicht wie bei den klassischen Dreirädern vorne, sondern hinten installiert. „Aber es fühlt sich eher wie Gokart fahren an”, sagt Mario Schmidt, der das Gefährt für MM ausprobiert – und er sorgt damit für maximale Verwirrung.
Gio Sulek, Tourguide bei Formula Tours Mallorca in Peguera, lacht. „Es ist ein Slingshot, auf Deutsch ‚Steinschleuder’, wegen der Y-förmigen Karosserie. Genauer gesagt, ein hybrides Fahrzeug der Klasse L5e, das die europäischen Sicherheitsstandards für Motorräder erfüllt, nicht jedoch die eines Pkw.”
Wie schön, dass man nicht nur davorstehen und rätseln muss, sondern die „Zwille” auch fahren darf. „Vorausgesetzt, man hat einen Pkw-Führerschein”, ergänzt Sulek und erklärt den Ablauf der rund vierstündigen Tour, die man bei ihm für rund 150 Euro buchen kann. Geplant sind Stopps am Mirador de les Malgrats in Santa Ponça, am Militärmuseum in Palma und an einem Aussichtspunkt in Estellencs. Bei der Rückfahrt geht es über Port d’Andratx und Camp de Mar zurück an die Geschäftsstelle.
Schmidt steigt in die stylische Schleuder der US-Marke Polaris. Angetrieben wird der Slingshot über das einzelne Hinterrad. Geschaltet wird manuell. Die Sitzposition ist extrem tief. „Bis zum Asphalt sind es höchstens 15 Zentimeter”, erklärt der Fahrer der Reporterin. Es ist bereits seine zweite Fahrt mit einem Slingshot. Er dreht den Schlüssel unter dem Lenkrad, drückt den roten Startknopf, der Motor heult auf wie bei einem Rennwagen. Dann geht es gemächlich an Calviàs Küstenstraßen entlang. Mit höchstens 40 km/h, was einem jedoch rasend schnell vorkommt. „Der harte Straßenkontakt und die direkte Lenkung erinnern an Gokarts”, sagt Schmidt. Fehlendes Dach und fehlende Türen verstärken das Erlebnis. Leicht zu fahren seien die Roadster, nur die Breite sei auf engen Straßen schwer einzuschätzen. „Die Reifen liegen sehr weit auseinander.”
Erster Halt ist der Mirador de les Malgrats. Von dort fällt der Blick auf die kleine vorgelagerte Felseninsel. Weiter geht es kurz über die MA-1 Richtung Palma. Das Gaspedal lässt sich nicht ganz durchtreten, trotz 175 PS können die erlaubten 120 km/h also nicht überschritten werden.
Gegen 11 Uhr braust das MM-Mobil über die Landstraßen nach Esporles. Die Blicke der Einwohner im Dorf sind neugierig, aber nicht nur wohlwollend. Grundsätzlich gibt es auf Mallorca immer wieder Beschwerden über Lärm und Umweltbelastung durch Raser im Gebirge. Die rund 800 Kilo schwere Vierzylinder-Maschine verbraucht im Spaßmodus bis zu elf Liter auf 100 Kilometer.
Sulek erzählt in den Pausen, wie sein Chef Antonio López das Unternehmen 2017 mit seiner Frau gründete. „Mit gerade mal drei Autos. Heute haben wir 16.” Darunter auch das „Batmobil” getaufte Exemplar, schwarz, tief und kaum zu übersehen. An diesem Tag darf der Teilnehmer Franz Weißflog aus Ostdeutschland es benutzen. Und er cruist damit filmreif über die Insel. Am Aussichtspunkt Ricardo Roca in Estellencs berichtet Weißflog, dass er am Vortag bereits mit einer geliehenen Ducati unterwegs war. Das sei viel schneller gewesen. „Aber in einer Gruppe fahren manche lieber langsamer, darauf muss man eben Rücksicht nehmen.”
Auf der Panoramastraße MA-10 Richtung Banyalbufar geht es vorbei an malerischen Terrassen und ihrem historischen Bewässerungssystem. Meerblick inklusive. Die Straße wird enger, kurviger, mehr als Tempo 60 ist nicht drin. Wer dennoch Gummi gibt, kann theoretisch in 5,7 Sekunden auf 100 beschleunigen. „Kurven machen mit einem Slingshot am meisten Spaß, man kann sie viel schneller nehmen als mit dem Auto”, sagt Schmidt. Der breite Hinterreifen sorge für gute Traktion. „Hier rutscht nichts weg. Außer man will es – und gibt gut Gas. Ansonsten fährt man sicher wie auf Schienen.”