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Abschied ohne Friedhof: Eine neue Idee auf Mallorca

Was eine Deutsche auf der Insel nach einem schweren Verlust verändert hat

Sandra Schwenn (r.) mit Nadine Riebau in Mexiko am Día de los Muertos | Foto: privat

| Palma, Mallorca |

Auch auf Mallorca kann der Tod eines geliebten Menschen oder Tieres das Leben grundlegend verändern. Diese Erfahrung machte auch Sandra Schwenn, als ihr Pferd starb. Der Verlust riss eine alte Wunde wieder auf. Die Trauer um ihren Großvater, der für sie wie ein Vater gewesen war, hatte sie nie wirklich verarbeitet. "Das Pferd war mein Seelenverwandter, mein Opa mein Halt", sagt Schwenn. Die Traurigkeit kehrte mit voller Wucht zurück.

Sie begann, sich intensiv mit Leben und Tod auseinanderzusetzen. Der Gedanke, dass mit dem Tod alles vorbei sein könnte, erschien ihr sinnlos. "Ich habe mein Leben lange auf materielle Dinge ausgerichtet", sagt die heute 57-Jährige. Bis zu ihrem 38. Lebensjahr arbeitete sie als Model und lebte unter anderem in Rom und London. Nach dem Ende ihrer Modelkarriere studierte sie in London Interieurdesign und gestaltete Wohnräume für Kunden. Doch nicht jede Vorstellung konnte sie mittragen. "Manche Wünsche taten mir fast körperlich weh", sagt sie mit einem Augenzwinkern. Spätestens bei der Anfrage nach einem schwarz-weiß gepunkteten Toilettendeckel mit Strass sei ihr klar geworden, dass sie nicht gegen ihren eigenen Anspruch arbeiten könne.

Der Umzug nach Mallorca war erst der Anfang

2014 zog sie mit Mann und Sohn aus London in den Norden Mallorcas, nach Artà. Der Umzug geschah vor allem ihrem damaligen Ehemann zuliebe. "Ich war gern in England. Allein wäre ich nie nach Mallorca gegangen", sagt sie offen. Die Insel erschien ihr damals zu traditionell. Mit den Jahren änderte sich das. "Das erste Jahr im neuen Zuhause war nicht leicht für mich. Ich habe mich einfach nicht einleben können", gesteht sie. Heute fühlt sie sich jedoch mit der Insel eng verbunden.

2018 gründete die Hamburgerin die Eventagentur Loove und organisierte Hochzeiten. Doch auch hier stellte sich ein Gefühl der Oberflächlichkeit ein. Der Tod ihres Pferdes wurde schließlich zum Wendepunkt. Schwenn begann zu recherchieren, wie andere Kulturen mit dem Tod umgehen. Besonders Mexiko blieb ihr im Gedächtnis. "Dort endet mit dem Tod nicht alles. Er gehört zum Leben", sagt sie. Trauer habe ihren Platz, doch ebenso das Erinnern und Feiern.

Zentral ist dabei der "Día de los Muertos", der Tag der Toten. An diesem Feiertag wird der Verstorbenen gedacht, mit Musik, Tanz, Essen und Blumen. Schon in alten mexikanischen Traditionen galt es als respektlos, ausschließlich zu trauern. "Da wusste ich, dass ich in Europa auch einen anderen Abschied ermöglichen möchte", sagt Schwenn. Keine stille Beerdigung, sondern eine Zeremonie, die das Leben würdigt.

Was sie in Mexiko fand

Gemeinsam mit ihrer Freundin und freien Mitarbeiterin für Zeremonien und Rituale Nadine Riebau reiste sie nach Mexiko, um den Feiertag vor Ort zu erleben. Die Eindrücke waren prägend. "Es fühlte sich an, als käme ich nach Hause", erinnert sie sich. Während des Aufenthalts begegnete sie einem Mann, der sie ohne sie jemals zuvor gesehen zu haben auf ihr Vorhaben ansprach. Er stellte sich als Schamane vor und beschäftigte sich intensiv mit dem Thema Tod. Für Schwenn war diese Begegnung eine Bestätigung ihres Weges.

Am Día de los Muertos sind in Mexiko viele Friedhöfe festlich geschmückt.

Ende Oktober kehren nach mexikanischem Glauben die Toten für kurze Zeit zu den Lebenden zurück. Am 2. November, nach dem katholischen Allerseelentag, verabschieden sie sich wieder. Auf den Friedhöfen wird bis Mitternacht gefeiert. Schwenn erlebte geschmückte Gräber, Musik, Tanz und gemeinsames Essen. "Die Stimmung war warm und voller Leben", sagt sie.

Die Kugel enthält ein inneres Gefäß mit der Asche, das beigesetzt wird. Die äußere Hülle bleibt als Erinnerungsstück bei den Hinterbliebenen.

Zurück auf Mallorca entwickelte sie ihr neues Projekt weiter. Die Hochzeitsagentur Loove wird sie weiterhin führen. Ab 2026 kommt ein zweiter Geschäftsbereich hinzu: "Beyond Loove".

Ein neues Ritual für den letzten Abschied

Schwenn organisiert individuelle Abschiedszeremonien, die sich an den Wünschen der Hinterbliebenen orientieren. Teil des Konzepts ist eine handbemalte Kugel, die eine zweite Kugel aus organischem Material enthält. Diese wird in Erde oder Wasser beigesetzt und zersetzt sich dort. Die äußere Kugel bleibt als Erinnerungsstück. In Spanien ist dieses Modell durch die fehlende Friedhofspflicht leichter umsetzbar.

Die Kugelform steht für Unendlichkeit. Für Schwenn ist der Tod kein Ende, sondern ein Übergang. Die Nachfrage nach alternativen Bestattungssformen wächst. Bereits jetzt melden sich Menschen, die ihr eigenes Ableben oder das eines Angehörigen anders gestalten möchten. Auch erste Kontakte zu Bestattungsinstituten bestehen. "Ich wünsche mir, dass diese Form des Abschieds in Europa mehr Raum bekommt", sagt Schwenn.

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