Mallorca, Sehnsuchtsort für Touristen und ein Refugium für viele Einheimische, ist in den vergangenen Jahren zu einem Synonym für die Verknappung von Wohnraum geworden. Die ohnehin angespannte Lage auf dem Immobilienmarkt hat sich immer weiter verschärft – mit dramatischen Folgen, die längst nicht mehr nur sozial Benachteiligte treffen. Auch die Mittelschicht sieht sich zunehmend von explodierenden Mieten und schwindendem Angebot in die Enge getrieben.
Das Problem hat sich tief in die Gesellschaft gefressen. Selbst Menschen, die einst als wirtschaftlich abgesichert galten, geraten immer häufiger in prekäre Situationen. Geschiedene, die ihr Zuhause verlassen müssen, stehen plötzlich ohne Perspektive da. Für viele bleibt nur die Option, wieder bei den Eltern einzuziehen oder eine Wohnung zu teilen. Besonders alarmierend: Manche können sich eine Trennung schlicht nicht mehr erlauben, weil sie keine Aussicht auf bezahlbaren Wohnraum haben.
Junge Menschen ohne Zukunftsperspektiven
Noch düsterer stellt sich die Situation für junge Menschen dar. Auf der Insel, wo der Quadratmeterpreis für Wohnraum zu den höchsten in Spanien gehört, bleibt der Traum vom eigenen Leben für viele ein ferner Wunsch. Laut dem Mietpreisbarometer der Stiftung "Alquiler Seguro" (Sicheres Mieten) und der Universität Rey Juan Carlos liegt die durchschnittliche Monatsmiete inzwischen bei 1604 Euro. Eine Summe, die junge Erwachsene, selbst mit geregeltem Einkommen, kaum stemmen können.
Doch auch für jene, die bereits einen Mietvertrag haben, ist die Lage angespannt. Viele Verträge laufen dieser Tage aus, da sie ihre fünfjährige Frist erreicht haben. Eigentümer nutzen dies häufig, um drastische Erhöhungen durchzusetzen – nicht selten um das Doppelte.
Keine Entspannung in Sicht
Sandra Verger, Generaldirektorin der Vereinigung der Bauunternehmer der Balearen, zeichnet ein dunkles Bild: "Das Defizit an Wohnraum auf den Balearen wird sich auch 2025 weiter vergrößern. Wir schätzen den aktuellen Mangel auf 30.000 bis 35.000 Wohneinheiten. Obwohl jährlich etwa 3000 neue Wohnungen gebaut werden, bräuchten wir mindestens 7000, um die Nachfrage zu decken."
Auch die von der Regionalregierung eingeführten Maßnahmen – etwa das Programm zur Schaffung von 7000 bezahlbaren Wohnungen – hätten bisher nicht die erhoffte Wirkung gezeigt. Zudem sei unklar, ob geplante Projekte für sozialen Wohnraum wie das Regierungsprogramm bei einer angespannten Haushaltssituation realisiert werden können.
Verger warnt außerdem vor einer Verlagerung des Drucks auf den Mietmarkt: "Da das Angebot an Kaufimmobilien gering und die Preise enorm hoch sind, weichen viele Menschen auf den Mietmarkt aus. Doch auch dort ist die Lage katastrophal, denn es gibt kaum noch verfügbare Angebote."
Die Mittelschicht gerät ins Visier
Natalia Bueno, ehemalige Präsidentin des Immobilienverbands der Balearen, sieht ebenfalls schwarz. "Mallorca hat ein sehr ernstes Problem beim Zugang zu Wohnraum, und es wird jedes Jahr schlimmer. Die wenigen Bauträger, die noch aktiv sind, konzentrieren sich auf Luxusprojekte, während die Mehrheit der Bevölkerung leer ausgeht."
Laut Bueno werde das Programm der Landesregierung zwar eine gewisse Entlastung bringen, doch der Bedarf sei so groß, dass es nur für einen Bruchteil der Nachfrage reichen werde.
Auch María Martos, Studienleiterin beim Vermietportal Fotocasa, schätzt die Situation als kritisch ein: "Die Nachfrage wächst, während die Angebotslage unverändert schlecht bleibt. Dadurch bleiben die Preise hoch." Ihrer Meinung nach könnten die angekündigten Zinssenkungen zwar kurzfristig den Kaufmarkt beleben, doch dies werde die Mietpreise weiter unter Druck setzen, da der Wettbewerb um Wohnungen weiter zunehme.
Der Faktor Insellage
Ferrán Font, Studienleiter beim Portal Pisos.com, hebt hervor, dass die Wohnungsproblematik auf den Balearen auch durch die geografische Lage verschärft wird. "Die Insellage begrenzt die Möglichkeit, neue Wohnflächen zu erschließen. Hinzu kommt die internationale Nachfrage, die den Markt zusätzlich unter Druck setzt."
Langfristige Lösungen sind nicht in Sicht. Font kritisiert die fehlende politische Einigkeit: „Es fehlt an nachhaltigen Konzepten, die unabhängig von Regierungswechseln Bestand haben.“
Ein Markt für wenige
Die Prognosen für das Jahr 2025 sind alles andere als optimistisch. Die Mietpreise werden weiter steigen, und der Traum von einem eigenen Zuhause rückt für viele Mallorquiner in immer weitere Ferne. Die Mittelschicht, einst der Anker der Gesellschaft, droht nach Meinung vieler Experten unter dem Druck des Immobilienmarktes zu zerbrechen. Mallorca, die „Insel der Glückseligen“, hat sich in den letzten Jahren zu einem Ort entwickelt, an dem bezahlbarer Wohnraum für viele zum Luxusgut geworden ist. Ob und wie der Mietwahnsinn gebremst werden kann, bleibt eine der zentralen Fragen der kommenden Jahre.