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Müll-Drama auf Mallorca: Recyclingplatz fackelt Dorfhaus von Deutschen fast ab

Vor eineinhalb Jahren baute die Gemeinde Felanitx eine Müllsammelstelle direkt an die Hauswand eines deutschen Ehepaars. Jetzt brannte der Container – und das Dach gleich mit

| Mallorca |

Es ist die Sorte Albtraum, aus der man schweißgebadet aufwacht – nur dass Christine und Axel Kentsch aus Es Carritxó in der Gemeinde Felanitx gar nicht erst geschlafen hatten. Gegen drei Uhr nachts leuchtete der Himmel über ihrem Dorfhaus auf Mallorca orange. Vor ihrer Haustür – im wörtlichen Sinn – hatte sich ein übervoller Papiercontainer entzündet. Die Müllabfuhr, die nachts regelmäßig in Zombi-Manier durchs Dorf rollt, war gerade dabei, ihn zu leeren. Jetzt brannte die Recyclingstelle lichterloh, die Flammen leckten am Dach, Rauch zog durchs Haus, in dem der schwerkranke Axel im Rollstuhl sitzt. Die Feuerwehr ließ sich Zeit. 40 Minuten dauerte es, bis die Feuerwehr eintraf – genug Zeit für das Feuer, um Dachbalken anzukokeln und das Vertrauen der Kentschs in die mallorquinischen Behörden endgültig abzufackeln. "Es war ein Albtraum", sagt Christine. "Hätten wir nicht sofort reagiert, wäre unser ganzes Haus abgebrannt – wegen eines Müllcontainers."

Was wie ein kurioses Verwaltungsversehen klingt, ist eine absurde Groteske in bester Kafka-Manier: Die Gemeinde Felanitx verlegte Anfang 2024 ihren „Punto Verde“, also die Recyclingstelle, auf ein Grundstück – zur Hälfte städtisch, zur Hälfte ländlich – genau an die Rückwand des Dorfhauses der Kentschs. Betonfundament, Zaun, Container: alles millimetergenau an der Hauswand. Vorher stand die Sammelstelle 30 Meter weiter. Niemand weiß warum – außer vielleicht die Bürgermeisterin. Und selbst die wirkt auf Nachfrage eher ratlos bis trotzig. Das Ergebnis: Müll, der über den Zaun geworfen wird, Gestank nach faulendem Obst, das rhythmische Knallen von Containerdeckeln und nächtliche Müllabfuhren, die klingen, als würde ein Presslufthammer Tango tanzen.

Was folgte, war ein Jahr des langsamen Verfalls der Lebensqualität. "Der Lärm beginnt nach Mitternacht", berichtet Christine. "Zwischen zwei und fünf Uhr morgens kommt die Müllabfuhr – zweimal pro Nacht. Dann rumpeln Containerdeckel, quietschen Pressen, piepsen Rückfahrwarner. Es ist, als stünde ein Müllfahrzeug direkt im Schlafzimmer." Besonders hart trifft das ihren Mann Axel, der seit Jahren im Rollstuhl sitzt und empfindlich auf Lärm reagiert. "Er kann oft die ganze Nacht nicht schlafen, wird nervös, gereizt – das verschlechtert seinen Gesundheitszustand massiv."

Aber der nächtliche Krach ist nur ein Teil des Problems. "Der organische Abfall beginnt nach kurzer Zeit zu stinken. Und weil viele ihren Müll einfach über den Zaun werfen, liegt regelmäßig alles voll", sagt Christine. "Wir leben im Hochsommer neben einem stinkenden Haufen Gammel, und die Fliegen feiern Party."

Recht haben, aber nichts erreichen

Schnell war für das Ehepaar klar: Hier wurde nicht nur gegen jede Vernunft, sondern auch gegen geltendes Recht gebaut. Laut mallorquinischen Bauvorschriften muss ein Mindestabstand von eineinhalb Metern zwischen Recyclinganlagen und Wohnhäusern eingehalten werden. In Es Carritxó beträgt dieser Abstand exakt null Zentimeter. Das Paar schaltete deshalb einen Anwalt ein, der zunächst eine Beschwerde bei der Gemeinde Felanitx einreichte. Doch die Antwort fiel knapp aus: Man habe den Recyclingpunkt "in Übereinstimmung mit den geltenden Vorschriften" errichtet. Punkt. Aus. Kein Gespräch, keine Erklärung, kein Kompromiss.

Also reichten die Kentschs eine Verwaltungsklage ein. Der Haken: Eine solche Klage kann sich auf den Balearen über mehrere Jahre hinziehen – bis 2026 oder länger. Und selbst im besten Fall, so der Anwalt, müsste die Gemeinde die Anlage nicht sofort zurückbauen. "Wir haben das Gefühl, dass wir gegen eine Wand reden", sagt Christine. "Eine aus Beton – wie das Fundament des Müllplatzes." Als auch juristisch keine Bewegung zu erwarten war, wandte sich das Paar an den mallorquinischen Immobilienmakler Francisco Pueyo, der bereits Erfahrung mit Verwaltungskonflikten hatte. Pueyo nahm Kontakt mit Bürgermeisterin Catalina Soler von der konservativen Volkspartei (PP) auf – ein Gespräch, das er so schnell nicht vergessen wird.

„Dann sollen die halt wegziehen“

"Ich fragte die Bürgermeisterin, warum die Müllstelle unbedingt direkt an die Hauswand gebaut wurde", berichtet Pueyo. Die Antwort: Der alte Standort habe sich auf einem als „ländlich“ deklarierten Teil des Grundstücks befunden – Müllsammelstellen dürften laut Gesetz aber nur auf „urbanem“ Boden stehen. Deshalb habe man umdisponiert. Dass man das neue Depot ohne Abstand an ein Wohnhaus setzte? Angeblich alternativlos.

Noch absurder: Soler behauptete, es habe Ende 2023 zwei Bürgerversammlungen gegeben, bei denen das Projekt vorgestellt worden sei – und niemand habe Einspruch erhoben. "Ich habe daraufhin bei mehreren alteingesessenen Mallorquinern im Ort nachgefragt", sagt Pueyo. "Niemand wusste von solchen Versammlungen. Es gab sie schlicht nicht." Einzig im Amtsblatt BOIB habe sich ein trockener Eintrag zur Standortverlegung gefunden. Öffentlichkeitsbeteiligung sieht anders aus.

In einem zweiten Gespräch wurde Soler dann deutlicher – und zynischer. Pueyo zitiert sie mit den Worten: „Wenn es den Deutschen hier nicht passt, sollen sie sich doch einen anderen Ort zum Wohnen suchen.“ Danach habe sie ihn wütend aus dem Büro komplimentiert. "Ich war sprachlos", sagt er. "Eine Bürgermeisterin, die sich offen weigert, ihre Bürger zu schützen – das ist Real-Satire."

Reaktionen? Nur aus Barcelona

Ein letzter Hoffnungsschimmer flackerte auf, als Pueyo Kontakt mit dem Mülltransportunternehmen aufnahm, das seinen Sitz in Barcelona hat. Dort zeigte man sich verständnisvoll. "Man bot uns sofort an, die Abfuhrzeiten auf den Abend zu verlegen, damit die Familie nachts schlafen kann", sagt Pueyo. Die einzige Voraussetzung: Die Gemeinde müsse zustimmen. Also rief er erneut in Felanitx an. Doch die Antwort lautete: Das gehe leider nicht – der Dienstleister bestehe auf den nächtlichen Zeiten.

"Das ist glatt gelogen", sagt Pueyo. "In Wahrheit würde eine Umstellung die Gemeinde einfach ein paar Euro mehr kosten. Man spart lieber Geld – auf Kosten der Gesundheit zweier Menschen." Für Christine und Axel Kentsch ist das Maß voll. Der Brand Anfang Juni war nicht nur ein Sicherheitsrisiko, sondern auch ein Symbol: Dafür, wie lodernde Ignoranz, administrative Trägheit und politische Arroganz ein ganzes Leben in Brand setzen können. "Was soll denn noch passieren?", fragt Christine. "Muss erst jemand sterben, damit sich hier etwas bewegt?"

Bis zum Sommer 2026, so teilte die Gemeinde auf MM-Anfrage mit, werde man „über eine mögliche Verlegung der Sammelstelle nachdenken“. Ob sie dann wirklich verlegt wird? Fraglich. Bis dahin bleibt den Kentschs nur eins: wach liegen – und hoffen, dass es diesmal nicht der Biomüll ist, der in Flammen aufgeht.

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