Vor der Küste Mallorcas stößt man beim Abtauchen immer wieder auf Überraschungen. Mal sind es antike Amphoren, mal verlorene Anker, mal Turnschuhe oder kaputte Waschmaschinen. Nun also Golfbälle. Wie die Online-Ausgabe der mallorquinischen MM-Schwesterzeitung Ultima Hora berichtet, wurden mehrere weiße Kugeln nahe dem Strand von Camp de Mar in der Gemeinde Andratx entdeckt – ruhig liegend auf dem Meeresgrund, als hätten sie dort einen langfristigen Liegeplatz gebucht.
Gemacht hat den Fund der Mallorquiner Ramón Javier Fernández Barea, besser bekannt als „Es Canari“, so etwas wie der Gewissenstaucher der Insel. Einer, der filmt, was andere lieber übersehen: Müll, Relikte, menschliche Spuren im Meer. Bei einem seiner Tauchgänge stieß er nun auf besagte Golfbälle, hübsch eingebettet zwischen Seegras und Fels. Aufgrund der Nähe zum Club Golf de Andratx liegt für Fernández die Herkunft nahe: Ein Sturzbach, ein sogenannter Torrente, der bei starken Regenfällen Wasser vom Gelände des Golfplatzes Richtung Meer führt, könnte die Bälle bis an die Küste gespült haben.
Dabei drängt sich eine andere Lesart auf. Vier oder fünf Golfbälle vor einer Küste, an der jährlich Tonnen von Plastik, verlorene Netze und halbe Boote stranden, sind ungefähr so dramatisch wie ein liegengelassenes Handtuch am Strand. Zumal die Bälle in erstaunlich gutem Zustand waren – robuster als mancher Turnschuh, den Es Canari ebenfalls regelmäßig dokumentiert. Golfbälle sind eben zäh. Sie überleben alles. Wahrscheinlich sogar die nächste Empörungswelle.
Das Wasser – ein unterschätztes Biotop für Golfbälle
Man könnte sogar argumentieren: Das Wasser ist das natürliche Habitat des Golfballs. Schließlich verbringen seine Artgenossen auf der ganzen Welt einen Großteil ihres Daseins in Seen, Teichen und künstlichen Wasserhindernissen. Dort liegen sie zu Hunderten, manchmal Tausenden, bis sogenannte „Lake-Balls“-Taucher sie wieder ans Licht holen. Ein etabliertes Recycling-System, professionell organisiert, ökonomisch sinnvoll, ökologisch… nun ja: zumindest nicht komplett verrückt.
Auch anderswo hat man längst akzeptiert, dass Golf und Wasser eine enge Beziehung pflegen. Auf Kreuzfahrtschiffen wie der Aida-Flotte etwa werden gezielt Öko-Golfbälle ins Meer geschlagen – mit voller Absicht. Die sogenannten Ecobio-Balls lösen sich binnen weniger Stunden auf, ihr Kern besteht aus gepresstem Fischfutter. Was auf dem Festland als Fehlschlag gilt, ist auf hoher See ein nachhaltiges Freizeitangebot mit Zertifikat. Der Ozean als Driving Range, die Fische als dankbares Publikum.
Empörung mit Taucherbrille
Natürlich meint es Ramón Fernández Barea ernst. Er will sensibilisieren, aufmerksam machen, schützen. Und ja: Jeder Gegenstand im Meer ist einer zu viel. Doch wer sich ausgerechnet an ein paar Golfbällen abarbeitet, verpasst vielleicht die größeren Baustellen. Verlassene Boote, Plastikmüll, Abwässer – sie alle sind real, sichtbar, messbar. Die weiße Kugel hingegen wirkt eher wie ein Symbol, das sich gut filmen lässt.
Vielleicht sollte man den Fund vor Andratx also entspannter sehen. Als Hinweis darauf, dass selbst die exklusivsten Freizeitbeschäftigungen Mallorcas irgendwann im Meer enden. Und dass der Golfball, dieser kleine, überteuerte Alleskönner, auch unter Wasser erstaunlich gut zurechtkommt. Still, rund, unbeeindruckt. Wartend auf seinen nächsten Abschlag – oder auf einen Taucher, der ihm eine Bedeutung verleiht, die er nie haben wollte.