Es ist frisch geworden auf Mallorca, der Insel meines Herzens. In höheren Lagen soll Schnee gefallen sein. Ehe noch vollends der Notstand ausgerufen wird, ein paar Gedanken zum Wetter. Es fällt mir nicht leicht, das zu schreiben. Aber ich habe selten so gefroren wie auf Mallorca. Spätestens bei zehn Grad über null fing das große Bibbern an. Dabei gehöre ich nicht zu den Warmduschern, die sich bei den ersten Schneeflocken hinter dem Ofen verstecken. Ich lebe seit vier Jahrzehnten in Kanada, wo die Temperaturen schon mal auf minus 40 Grad sinken. Zehn Grad plus im Januar und die frieren? "Lachhaft", sagen meine kanadischen Freunde. Aber nur diejenigen, die noch nie im Winter auf Mallorca waren. Denn auf meiner Lieblingsinsel friert es sich anders. Aber warum eigentlich?
Das fängt an mit der Kleidung. Selten habe ich Menschen so schlecht gegen Wind und Wetter ausgerüstet erlebt wie während meiner zehn Winter auf Mallorca. Ein Regencape hier, ein Kaschmir-Pulli dort. Wenn’s richtig kalt wird, darf’s auch mal ein Daunenjäckchen sein. Wintermantel? Geht gar nicht. Wer will schon auf Fotos für die Daheimgebliebenen verpackt wie das Michelin-Männchen aussehen?
Doch genau diese Angst vor dem Overdressing ist es, die viele Mallorca-Besucher frieren lässt. Auch wir gehörten lange dazu. Wenn ich an den jährlichen Correfoc denke, der im Januar zu Ehren des Schutzheiligen Sant Sebastià stattfindet, überfällt mich noch heute das große Bibbern. Bis auf die Knochen haben wir oft gefroren. Weil wir uns nicht eingestehen wollten, dass Old Man Winter auch vor Mallorca nicht Halt macht.
Hier in Kanada, wo ich seit 40 Jahren lebe, kennt man keine Berührungsängste mit dicken Klamotten. Keiner stört sich daran, einer Theaterpremiere in Daunenmantel und Moonboots beizuwohnen. Es ist Winter, Freunde! Und dann das spanische Heizungssystem, vor allem in der Altstadt von Palma! Dort haben wir die meisten mallorquinischen Winter verbracht. Und am meisten gefroren. Schlecht isolierte Fenster und Balkontüren, Heizelemente, die zwar so heißen, aber in erster Linie als Klimaanlagen für den Sommer gedacht sind. Strompreise, die einen erschaudern lassen – das alles trug zu einem schwer zu beschreibenden Kälteempfinden bei.
Am 21. März wird bei uns Geburtstag gefeiert. Ich erinnere mich an ein Essen mit Freunden in einem dieser Strandlokale auf dem Weg nach Can Pastilla. Die Paella dampfte. Nicht weil sie zu heiß gekocht wurde, sondern weil die Luft so kalt war und wir unbedingt im Freien essen wollten. Es ist schließlich Frühlingsanfang. Denkt man.
Bibbern auf Mallorca geht gar nicht. Dafür ist mein Sehnsuchtsort einfach zu schön. Dabei ist die Lösung ganz einfach: "Schlechtes Wetter gibt es nicht", heißt es in Kanada, "nur schlechte Kleidung". Und doch würde ich an diesem bitterkalten Wintertag, an dem das Thermometer auch heute wieder die Minus-20-Grad-Marke knacken wird, meinen Cortado lieber leicht fröstelnd in einem Strandcafé zu mir nehmen als in der überhitzten Montrealer "Underground City" Zuflucht vor der Dauerkälte zu suchen. Bis hier die ersten Straßencafés wieder öffnen, dauert es noch vier, fünf Monate. Auf Mallorca scheint morgen wieder die Sonne, spätestens übermorgen. Und in ein paar Wochen herrscht T-Shirt-Wetter und alles ist wieder gut.
Herbert Bopp, Jahrgang 1949, gebürtig aus Ummendorf (Baden-Württemberg), war viele Jahre freier ARD-Korrespondent für Kanada und Alaska und lebt heute als Autor und Blogger in Montréal. Zusammen mit seiner Frau Lore verbrachte er jahrelang die Winter auf Mallorca. Im Blog "Bloghausgeschichten" (https://blog.herbertbopp.com) berichtet er regelmäßig aus seinem Alltag. Sein Roman "Tapas, Vino, Valentina" spielt in Palma.