Ein Samstagnachmittag mitten im März. Auf der Terrasse eines Straßencafés in Palmas Altstadt blinzeln Touristen in die Frühjahrssonne. Auf der Haupteinkaufsstraße schlendern die Leute an den Schaufenstern der Boutiquen vorbei. Ein vollbesetzter Touristenbus dreht seine Runden. Lange vorbei sind die Zeiten, in denen die Inselhauptstadt an Wochenenden wie verwaist dalag. Noch vor 20 Jahren gab es kaum Hotels in der Innenstadt, praktisch sämtliche Geschäfte ließen samstags spätestens um 14 Uhr die Rollläden herunter. Entsprechend wenige Urlauber verliefen sich nach Palma.
Erst in den vergangenen Jahren hat sich das grundlegend geändert. Seit 2010 wurde aus der etwas verwahrlosten, langweiligen Provinzhauptstadt ein cooler, kosmopolitischer Hotspot, der Investoren und Städtereisende gleichermaßen anzieht. Eine der entscheidenden Maßnahmen war die Einrichtung einer touristischen Sonderzone, die Palmas gesamte Altstadt umfasst. Dadurch wurden die Ladenöffnungszeiten liberalisiert, sowie die Vorschriften zur Einrichtung von Gastroterrassen und zur Eröffnung von Hotels gelockert. Letzteres führte dazu, dass sich das Angebot an Hotels stark gewandelt hat. Vor allem kleine, feine Luxusunterkünfte in aufwendig renovierten historischen Gebäuden kamen dazu – die sogenannten Boutique-Hotels. Daten des Hoteliersverbandes Palma-Stadt zufolge stieg die Zahl der Hotels seit 2011 von 46 auf 84, die der Betten von 8715 auf 12.151. Allein seit 2019 kamen noch 13 Hotels und rund 1200 Übernachtungsplätze hinzu.
Vor allem Massentourismus und Immigration hätten die Stadt in jüngster Gegenwart verändert, sagt der Historiker Bartolomé Bestard, Palmas Stadtchronist. Wenn es ums 21. Jahrhundert geht, sieht er in erster Linie die Globalisierung am Werk. „Die Art, wie wir miteinander in Verbindung treten, hat sich komplett verändert”, sagt er. „Unsere Gesellschaft hat einen enormen strukturellen Wandel erfahren.”
Bestard bekleidet sein Amt seit dem Jahr 2002 und verfolgt die Entwicklungen in der Stadt aus nächster Nähe. Sein Interesse gilt dabei allerdings weniger der Gegenwart, als vielmehr der Vergangenheit. Seine Spezialität ist die mittelalterliche Heraldik, die Wappenkunde. Und so endet der chronologische Teil von Bestards nun veröffentlichtem Buch zur Geschichte Palmas bereits mit dem Spanischen Bürgerkrieg. „Dieser ist bereits sehr gut erforscht”, sagt er. Die Zeitgeschichte überlasse er lieber den Journalisten. Alle anderen Epochen der mehr als 2000-jährigen Stadtgeschichte aber sind in dem mehr als 800 Seiten starken Buch ausführlich behandelt – von der Bronzezeit über die muslimische Epoche bis in die Neuzeit. Sein Anspruch ist, einen „chronologischen Rundumblick” zu liefern, wie er sagt.
Zu den wichtigsten Ereignissen in der Geschichte der Stadt gehört laut Bestard naturgemäß ihre Gründung im Rahmen der römischen Besiedelung der Insel ab dem Jahr 123 vor Christus. „Das Datum markiert ein Vorher und ein Nachher. Es ist der Beginn der Geschichte.” Ursprünglich hätten sich die Truppen des Feldherren Quintus Caecilius Metellus Balearicus nördlich des heutigen Palma niedergelassen. Überreste dieser vermutlich ersten römischen Siedlung tauchten während dem Bau des Krankenhauses Son Espases auf. Ein halbes Jahrhundert später erfolgte dann die Gründung einer Siedlung an der Stelle, wo sich heute die Kathedrale befindet. Auch die Eroberung der Insel durch König Jaume I. im Jahr 1229, die die muslimische Epoche Mallorcas beendet, hebt Bestard heraus. „Sie legt den Grundstein für das Königreich Mallorca”, sagt er.
Neben diesen richtungsweisenden Ereignissen gab es in der Stadtgeschichte weitere bedeutende Veränderungen. So wuchs die Stadt unter arabischer Herrschaft (902-1229) – damals Madina Mayurqa genannt – deutlich. Unter anderem entstand eine Burg dort, wo heute der Almudaina-Palast zu finden ist. Auch das ausgeklügelte Kanalsystem zur Wasserversorgung stammt aus jener Zeit und lässt sich noch heute am Verlauf der Straßen in der Altstadt ablesen, wie Bestard anmerkt. Nach der Eroberung der Insel durch katalanisch-aragonesische Truppen wurden dann die mittelalterlichen Mauern zunehmend ausgebaut. Erst im 16. Jahrhundert jedoch machten die Piratenangriffe den Bau einer modernen Befestigungsanlage nötig. Diese definierte für mehrere Jahrhunderte die Grenzen der Stadt.
Regelmäßige Überschwemmungen
Eine tiefgreifende Veränderung bedeutete auch die Verlegung des Sa-Riera-Flussbettes, dessen natürlicher Verlauf noch heute an den Straßen Vía Roma, Rambla, Carrer Unió und Borne abzulesen ist. Wegen regelmäßiger Überschwemmungen und aus hygienischen Gründen gab es laut Bestard bereits seit dem 14. Jahrhundert entsprechende Pläne. Realisiert wurden diese dann allerdings erst im Jahr 1613, als außerhalb der Stadtmauer ein Kanal angelegt wurde (auf dem heutigen Passeig Mallorca). Allerdings war die Maßnahme nicht sofort erfolgreich: In den folgenden Jahren kehrten die Wassermassen nach starken Regenfällen immer wieder in ihr eigentliches Flussbett zurück. Es kam zu großen Schäden in der Stadt und Nachbesserungen am Kanal waren nötig.
Aus heutiger Sicht hat vor allem die Öffnung der Stadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts Relevanz. Zwar lebten damals gerade einmal 63.937 Menschen in Palma – heute sind es mehr als 480.000 – die Verhältnisse aber waren mehr als beengt und der Gesundheit nicht zuträglich. Es gab keine Kanalisation, dafür aber immer wieder Cholera- oder Gelbfieber-Epidemien. Außerdem war schlicht kein Platz zum Bauen mehr vorhanden. Also wurde 1902 die Stadtmauer abgerissen, es entstanden mehrere neue Viertel außerhalb der Altstadt – Pere Garau, Arxiduc, Bons Aires. „Aus heutiger Sicht erscheint der Abriss barbarisch”, sagt Bestard. „Er hatte damals aber auch eine starke symbolische Bedeutung.” Es ging auch darum, mit der Vergangenheit zu brechen.
Gleichzeitig entstand aber auch etwas Neues: Nur ein Jahr später eröffnete das Grand Hotel, das erste luxuriöse Hotel der Insel – der Beginn eines neuen Kapitels in der Geschichte der Inselhauptstadt. Wenig später gab es dann auch den ersten Tourismusförderungsverband. Während Mallorca innerhalb weniger Jahrzehnte zur massentouristischen Destination schlechthin wurde, verlief die Entwicklung in der Inselhauptstadt längst nicht so rasant. Noch vor 15 Jahren war die Inselhauptstadt keine eigenständige Tourismus-Destination – abgesehen von der Playa de Plama. Erst damals schufen die Stadtoberen die Tourismusförderung Fundació Turisme Palma 365 und legten damit den Grundstein für einen erneuten grundlegenden Wandel in der Geschichte Palmas. Den zu erforschen bleibt künftigen Chronisten-Generationen vorbehalten.