Die spanische Zentralregierung hat neue Schutzregeln für Seegraswiesen im Mittelmeer beschlossen. Ein entsprechendes Dekret legt fest, dass Überreste von Seegräsern grundsätzlich an den Stränden verbleiben sollen, um die Küsten zu stabilisieren und die ökologischen Funktionen der Pflanzen zu erhalten.
Konkret betrifft die Regelung vor allem die Arten Posidonia oceanica und Cymodocea nodosa, wobei der Posidonia in den Balearen eine Schlüsselrolle zukommt. Künftig dürfen angeschwemmte Pflanzenreste nur noch während dem 15. März und dem 15. Oktober entfernt werden – und auch dann nur mit Genehmigung der zuständigen Regionalregierung. Ziel sei es, Eingriffe möglichst gering zu halten und negative Folgen für die empfindlichen Seegraswiesen zu vermeiden, heißt es aus Madrid.
Diese Einschränkungen sind eine Reaktion auf die zunehmende Nutzung der Strände. In den vergangenen Jahren ist die Menge der entfernten Posidonia-Reste deutlich gestiegen. Nach Angaben des balearischen Landwirtschafts- und Umweltressorts verdoppelte sich die entfernte Menge innerhalb von vier Jahren. Derzeit verfügten 183 der insgesamt 570 Strände des Archipels über entsprechende Genehmigungen zur Bewirtschaftung der Pflanzenreste. Die Eingriffe beschränkten sich jedoch laut Behörden "auf einen kleinen Teil der Strände" und würden in der Regel von den Gemeinden beantragt.
Ökologen warnen seit Langem vor den Folgen solcher Maßnahmen. Denn die oft als störend empfundenen Pflanzenreste erfüllen eine wichtige Funktion: Sie schützen die Küsten vor Erosion, fördern die Wasserqualität und bieten zahlreichen Meeresorganismen Lebensraum. Das Dekret schreibt deshalb vor, dass entfernte Posidonia – insbesondere an naturbelassenen Stränden – nach der Saison wieder zurückgeführt werden muss.
Die Bedeutung der Seegraswiesen geht jedoch weit über den Küstenschutz hinaus. Studien zufolge speichern sie enorme Mengen an Kohlendioxid. In Spanien entspreche das gebundene CO₂ nahezu 70 Prozent der jährlichen Emissionen des Landes. Der wirtschaftliche Wert dieser Speicherleistung wird auf rund zehn Milliarden Euro geschätzt.
Wissenschaftler weisen seit Jahren darauf hin, dass die Balearen zu den letzten Rückzugsgebieten großflächiger Posidonia-Vorkommen im Mittelmeer zählen. Die Region beherberge möglicherweise mehr die Hälfte dieser Lebensräume. Dennoch seien viele Flachwasserzonen bereits stark geschädigt – durch Urbanisierung, Verschmutzung, intensive Schifffahrt und steigende Wassertemperaturen.
"Wir werden den ursprünglichen Zustand unserer Gewässer nicht zurückgewinnen", sagte der Direktor der Stiftung Marilles, Aniol Esteban, jüngst bei einer Fachkonferenz. Man könne die Situation aber mit gezielten Maßnahmen verbessern.
Ein Beispiel für solche Bemühungen ist ein Wiederansiedlungsprojekt in der Bucht von Pollença, bei dem Posidonia auf einer Fläche von zwei Hektar neu gepflanzt wurde. Nach sechs Jahren liegt die Überlebensrate bei über 80 Prozent, doch bis zur vollständigen Regeneration des Ökosystems wird es nach Einschätzung von Biologen noch lange dauern.
Die neuen Vorschriften sind Teil einer umfassenderen Strategie, die auch weitere Eingriffe regulieren soll. So prüft die balearische Regionalregierung unter anderem Geschwindigkeitsbegrenzungen für Boote in Küstennähe, um Wassertrübung und Lärmbelastung zu reduzieren.
Die Botschaft aus Politik und Wissenschaft ist eindeutig: Der Schutz der Seegraswiesen gilt als entscheidend für die Stabilität des maritime Ökosystems – und zunehmend auch als wichtiger Baustein im Kampf gegen den Klimawandel.