Palma de Mallorca galt lange als bloße Randnotiz in einer der spektakulärsten Yachtkatastrophen Europas. Doch inzwischen führt eine Spur direkt in die Inselhauptstadt. Neue Gutachten im Auftrag der italienischen Staatsanwaltschaft legen nahe, dass nicht das Wetter die Hauptursache für den Untergang der 56-Meter-Segeljacht „Bayesian“ gewesen sein soll – sondern mutmaßliche Fehler an Bord. Zuerst berichteten darüber unter anderem Sky News und n-tv.
Sieben Menschen starben am 19. August 2024 vor Porticello nahe Palermo, darunter der britische Tech-Milliardär Mike Lynch und seine 18-jährige Tochter Hannah. Die „Bayesian“, einst als nahezu unsinkbar vermarktet, kenterte in den frühen Morgenstunden und sank binnen Minuten.
Vom Hafen Palma ins Visier der Ermittler
Im Fokus steht nun Kapitän James Cutfield – ein 51-jähriger Neuseeländer, der seit Jahren mit seiner Frau in Palma lebt. Mehrere internationale Medien berichten, dass er nach ersten Befragungen durch italienische Behörden zunächst nach Mallorca zurückkehrte. Die Verbindung zur Insel ist eng: Die „Bayesian“ war regelmäßig in Häfen wie dem Club de Mar oder Port Adriano zu sehen und gehörte gewissermaßen zum festen Inventar der lokalen Superyacht-Szene. Cutfield galt bislang als erfahrener Seemann. Laut Berichten der neuseeländischen Zeitung NZ Herald segelte er bereits in jungen Jahren auf Wettkampfniveau und arbeitete später auch in der Schiffbauindustrie. Seit rund acht Jahren steuerte er Luxusjachten – ein Kapitän mit Routine, so schien es.
Gutachter widersprechen Sturm-Version
Brisant ist vor allem der Widerspruch zwischen den italienischen Gutachtern und dem britischen Marine Accident Investigation Branch (MAIB). Dessen Zwischenbericht war zunächst zu dem Schluss gekommen, eine extreme Fallböe von mehr als 70 Knoten habe die Yacht binnen 15 Sekunden zum Kentern gebracht. Ein Stromausfall soll anschließend die Generatoren lahmgelegt haben.
Die neuen Erkenntnisse zeichnen nun ein anderes Bild: kein unbeherrschbarer Naturgewalt-Moment, sondern möglicherweise ein vermeidbares Versagen an Bord. Demnach sei das Wetter zwar schlecht gewesen, aber nicht außergewöhnlich genug, um eine moderne Yacht dieser Größe allein zum Kentern zu bringen. Vielmehr sprechen die Gutachter von Fehlentscheidungen der Besatzung, unterschätzten Warnungen und nicht aktivierten Sicherheitssystemen. Sollte sich diese Einschätzung bestätigen, würde das nicht nur strafrechtliche Folgen für die Crew haben, sondern auch fundamentale Fragen zur Sicherheitskultur in der Superyacht-Branche aufwerfen.
Ein Kapitän zwischen Luxus und Absturz
Zusätzliche Ermittlungen richten sich deshalb auch gegen die italienische Werft Perini Navi. Die „Bayesian“ war als technisch außergewöhnlich stabil konstruiert worden, teilweise sogar mit dem Nimbus des „praktisch Unsinkbaren“. Dass ein solches Schiff binnen Minuten untergehen konnte, lässt Experten an Konstruktion, Wartung oder Betrieb zweifeln.
Für James Cutfield, der bislang öffentlich schweigt, dürfte die Situation zur existenziellen Belastungsprobe werden. Gegen ihn wird wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässigen Schiffbruchs ermittelt – ein schwerer Vorwurf, auch wenn eine Anklage bislang aussteht. In Palmas glitzernder Welt der Superjachten, wo Reputation fast so wertvoll ist wie Erfahrung, könnte der Untergang der „Bayesian“ nicht nur als Tragödie in Erinnerung bleiben – sondern als jener Fall, der die Karriere eines Kapitäns für immer unter sich begrub.