Mallorca und Ibiza entwickeln sich nach Einschätzung spanischer Sicherheitsbehörden zunehmend zu wichtigen Umschlagplätzen des internationalen Drogenhandels. Vor allem die Balearen würden von kriminellen Netzwerken immer stärker als Zwischenlager für Haschisch und Kokain genutzt, das anschließend weiter nach Frankreich oder auf das spanische Festland transportiert werde. Das geht aus einem Bericht spanischer Sicherheitsbehörden hervor, über den die MM-Schwesterzeitung "Ultima Hora" berichtet.
Bereits im März 2020 hatten Ermittler auf Mallorca eine herrenlose Narcolancha entdeckt – ein 7,5 Meter langes Schnellboot, ausgestattet mit moderner Technik und augenscheinlich für Drogentransporte eingesetzt. Damals galten die Balearen noch nicht als Schmuggelgebiet. Nach Angaben der Behörden hat sich dies mittlerweile geändert: Mallorca entwickle sich zunehmend zu einem Versorgungs- und Zwischenlager für Haschischlieferungen in Richtung französische Mittelmeerküste.
In den folgenden Jahren nahmen die Funde und Einsätze deutlich zu. 2022 zerschlugen spanische Ermittler zwei wichtige Drogenorganisationen, die sogar eigene Mechaniker für den Umbau und die Wartung der sogenannten Narco-Boote beschäftigt haben sollen. Auf Mallorcas Nachbarinsel Ibiza wurde damals eine größere Haschischlieferung sichergestellt. Die Insel gilt laut Ermittlern inzwischen als einer der "bevorzugten Lagerorte" internationaler Drogennetzwerke.
Besonders auffällig sei die Professionalisierung der Narcos, heißt es in dem Bericht. Innerhalb weniger Jahre hätten die Gruppen ihre Boote" technisch erheblich aufgerüstet" und ihre logistischen Netzwerke erweitert, um Polizeikontrollen zu umgehen. Im April 2023 verfolgte die Guardia Civil vor der Küste von Cala d’Or auf Mallorca ein Schnellboot, dessen Besatzung mutmaßlich eine Drogenlieferung anlanden wollte. Nach einer spektakulären Verfolgungsjagd wurde der Pilot festgenommen.
Noch im selben Jahr beschlagnahmten Guardia Civil und Zollfahndung gemeinsam 8,3 Tonnen Haschisch, verteilt auf drei Lieferwagen. Die Drogen waren zuvor an schwer zugänglichen Küstenabschnitten versteckt worden. Solche sogenannten "Anlandebereiche" liegen häufig in abgelegenen Buchten entlang der Küste. Gerade die zerklüftete Küstenlandschaft der Balearen mache die Inseln für Schmuggler attraktiv, schlussfolgern die Ermittler.
Inzwischen spiele neben Haschisch auch Kokain eine immer größere Rolle. Auf Mallorca wollen die Fahnder in den zurückliegenden Jahren "mehrere Kokainlager" entdeckt haben. Im Juli 2025 stoppte die Polizei einstimmigen Medienberichten zufolge einen Lastwagenfahrer mit 675 Kilogramm Kokain, das zuvor auf Ibiza aufgenommen worden sein soll und nach Valencia transportiert werden sollte.
Der Bericht der spanischen Sicherheitsbehörden beschreibt zudem einen veränderten Modus Operandi der Kartelle. Demnach werde Kokain zunehmend auf Containerschiffen transportiert und erst auf offener See von Schnellbooten übernommen. Dieses Vorgehen sei in Lateinamerika seit Jahren verbreitet, in Europa bislang jedoch weniger üblich gewesen. Wörtlich heißt es in dem Bericht, "die wichtigste Einfuhrroute für Drogen nach Spanien" bleibe zwar der Seeweg, auffällig sei jedoch "der Einsatz von Speedbooten, die große Mengen Kokain auf hoher See übernehmen".
Zugleich warnen die Behörden vor einer zunehmenden Gewaltbereitschaft der Schmuggler. Die kriminellen Gruppen verfügten inzwischen über bessere Ausrüstung und mehr Waffen. In Spanien kamen bei Einsätzen gegen solche Schnellboote bereits vier Beamte der Guardia Civil ums Leben.
Als Ursache für die Verlagerung der Schmuggelrouten nennen die Behörden auch den verschärften Fahndungsdruck. Seit einer Gesetzesänderung von 2018 sind Speedboote in Spanien grundsätzlich verboten. Dies habe die Netzwerke gezwungen, ihre Routen und Logistik anzupassen. Die sogenannten Anlandezonen dehnten sich seither inzwischen sowohl westwärts in Richtung Huelva und Portugal als auch ostwärts entlang der Mittelmeerküste aus. Laut dem Bericht fahren die Speedboote mittlerweile sogar ihre Drogen direkt nach Südfrankreich und Italien.