Gerade erst hatte der Tourismus seinen Siegeszug begonnen, da gab es auch schon die ersten Imageprobleme. Bereits tief im 19. Jahrhundert ernteten die frühen Reisenden längst nicht nur Zustimmung. Dass Tourismuskritik, auf Mallorca seit wenigen Jahren in Form von Massendemonstrationen, keineswegs ein Produkt der Gegenwart ist und sich die Einheimischen an verschiedenen Orten schon früh vehement gegen die Auswirkungen des Andrangs der Massen wehrten, gehört zu den Erkenntnissen der Tourismusforschung. Nachzulesen ist das in dem jetzt im Bebra-Verlag erschienenen Buch "Traum-Zeit-Reise. Eine Geschichte des Tourismus" des Historikers Hasso Spode.
"Zweifellos benehmen sich Touristen bisweilen tölpelhaft und rücksichtslos und ihre bloße Existenz kann vielfältige Probleme schaffen, von nächtlichem Lärm bis zur Verknappung von Wohnraum", schreibt er. "Zu Recht wehrt sich bisweilen ein Teil der Anwohner seit langem dagegen." Der "Aufstand der Bereisten" sei mancherorts seit Jahrzehnten ein Dauerthema. Mallorca ist in dieser Beziehung also eher spät dran. Da Spode die Entwicklung des Tourismus aus deutscher Perspektive betrachtet, darf die Insel natürlich nicht fehlen, wenngleich sie in dem Buch nur am Rande vorkommt.
Neben seiner Lehrtätigkeit an verschiedenen Hochschulen leitete Hasso Spode viele Jahre lang das Historische Archiv zum Tourismus der TU Berlin, dessen Ehrenvorsitzender er heute ist. "Die Materialien, die mir dort durch die Hände gingen, bilden einen schier unerschöpflichen Quellen-Pool", schreibt er. Davon profitiert auch sein neues Buch, das voller konkreter Beispiele, vielsagender Zitate und nicht zuletzt auch spannender Fotos sowie Illustrationen ist. Es handelt sich um sein Hauptwerk, sagt Spode selbst. Dabei richtet er sich an einen breiten Leserkeis, nicht nur ans Fachpublikum.
Von ständiger Bewegung zur Sesshaftigkeit
Zunächst spürt Spode den Ursprüngen der Mobilität nach. Der Mensch sei schon immer eine hoch mobile Spezies gewesen. "Doch Nomaden reisen nicht. Sie sind unterwegs, mal gewaltige Distanzen überwindend, mal über viele Generationen enge Kreise ziehend." Erst mit der Sesshaftwerdung habe die Mobilität zu einer Abweichung vom "Normalzustand eines stationären Daseins" werden können. In der Folge liefert Spode einen ausführlichen geschichtlichen Abriss des Reisens. Angefangen bei „vortouristischen Fahrten" im Alten Rom, über mittelalterliche Pilgerzüge bis hin zu zünftigen Handwerksburschen auf der Wanderschaft und quer durch Europa "tourenden" Adelssöhnen.
Den Beginn dessen, was wir heute als Tourismus kennen, verortet er dabei im späten 18. Jahrhundert, als sich Studien- und Bildungsreisen wachsender Beliebtheit erfreuten. Damals kommt auch die Bezeichnung "Tourist" im Englischen auf – mit abfälliger Bedeutung. "Touristen wurden zum 'Reisepöbel', der als schafsdämliche 'Herde' oder als rücksichtslose 'Horde' in fremde Gefilde einfällt", schreibt Spode. "Im Lauf des 19. Jahrhunderts wird aus vereinzeltem Spott ein stabiles Negativimage. Höhnisch, wenn nicht hasserfüllt blickte man auf die tumben Massen." Mallorca lag damals allerdings noch ziemlich abseits der sich erst allmählich herausbildenden touristischen Routen.
Spode widmet sich jeweils ausführlich den wichtigsten Meilensteinen in der Entwicklung des Tourismus. Etwa dem Aufkommen der Postkutsche. Anschaulich und unterhaltsam beschreibt er, was es in der Frühzeit des touristischen Reisens bedeutete, unterwegs zu sein. "Angesichts all dieser Beschwernisse, Gefahren und Kosten ist es bemerkenswert, dass überhaupt Menschen dem Reisen als Selbstzweck frönten", schreibt er. Das Buch widmet sich dem Aufkommen der Seebäder, des Bergsteigens und der Reiseführer, der Dampfschifffahrt, der Eisenbahn, dem Auto und der Pauschalreise, der Einführung des bezahlten Jahresurlaubs und später des gesetzlichen Mindesturlaubs, der Entwicklung vom Propeller- zum Düsenflugzeug, dem Tourismus in Nazideutschland und in den beiden Staaten Nachkriegsdeutschlands – bis hin zum "Triumph des modernen Massentourismus".
Spodes Buch ist aber mehr als nur ein historischer Abriss voller Daten und Fakten. Behandelt werden zahlreiche Aspekte rund um das Thema, die Alpenschwärmerei, die Wanderlust, die Naturfreunde-Bewegung, die ersten deutschen Destinationen Rhein, Harz, Thüringer und Teutoburger Wald, die "Erfindung des Strandes", der Nudismus. Außerdem geht er zahlreichen Fragen nach: "Was sagt die Leidenschaft fürs Reisen über unsere Kultur, über unsere Seele? Wie prägte sie Nationalitäten und Identitäten? Wie konnte das Verreisen zu einem derart prägenden Bestandteil unseres Lebens werden?"
Denn eines ist klar: Der Tourismus spielt heute nicht nur auf Mallorca eine bestimmende Rolle. "Ohne dass sie recht wissen, warum, macht das Verreisen die Menschen glücklich; sie lieben es viel zu sehr, als dass sie sich durch Snobs und Tugendwächter, die sie als Reisepöbel und Zivilisationsfluch beschimpfen, davon abbringen ließen", schreibt Spode. "Reiseerlebnisse sind emotionale Höhepunkte, sie prägen das Selbst. Spekulationen über ein am Horizont heraufziehendes Ende des touristischen Zeitalters kann ich mich nicht anschließen. Der Tourismus ist und bleibt ein Leitfossil der Moderne."
Daran kann auch die zunehmende Tourismuskritik nichts ändern. Ohnehin sei diese oft dünkelhaft, schreibt Spode. "Eine Abgrenzungsstrategie innerhalb der reisefreudigen Milieus – die Touristen sind immer die anderen. Keineswegs verzichtet auf die Freizeitreise, wer sie kritisiert." Zumal bei all der Kritik oft auch die positiven Folgen des Tourismus vernachlässigt würden. "Darunter ein zentraler aber selten erwähnter Effekt: die Inwertsetzung von Traditionen, Naturarealen und Bauwerken, die er vor dem Verschwinden rettet."