Die Ferien auf Mallorca verbringen: Für tausende Touristen weltweit ein Traum, den sie sich Jahr für Jahr neu erfüllen. Und auch hier lebende Residenten verspüren oftmals den Wunsch, die eigenen vier Wände einzutauschen und dem Alltag für einen Kurztrip zu entfliehen. Ich nehme mir das Bonmot des deutschen Dichters Johann Wolfgang von Goethe zu Herzen: „Willst du immer weiter schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah”. An einem Frühlings-Wochenende will ich wieder Feriengast auf meiner Heimatinsel sein. Dazu suche ich mir ein kleines, feines Hotel aus, gar nicht so weit von meinem Wohnort Andratx entfernt. Die Wahl fällt auf das Dorf Estellencs am Fuße der Tramuntana. Da ich dort am Abend zu einem Essen eingeladen bin, will ich mir die kurvenreiche Strecke auf dem Rückweg sparen. Nach der kilometermäßig zwar kurzen, aber zeitraubenden Anreise tauche ich zuerst in die Schönheit des Dorfes ein. Die muss sich der Besucher allerdings etwas erarbeiten. Wer nicht aufpasst, ist schon nach ein paar hundert Metern durch den ganzen Ort hindurchgefahren. Denn mit einer Fläche von nur 13 Quadratkilometer ist Estellencs eine der kleinsten Inselgemeinden. Sie liegt an der Küstenstraße Ma-10 von Andratx nach Sóller. Überragt wird der Ort vom Berg Puig de Galatzó, dem mit 1027 Metern höchsten Gipfel in der südlichen Tramuntana.
In einer der wenigen Unterkünften von Estellencs komme ich unter. Im Sa Plana Petit Hotel tauche ich sofort in das Universum des ursprünglichen Mallorcas ein. Alles scheint hier den Geist des touristischen Urmallorquiners, der Erzherzog Ludwig Salvator, zu atmen. Der landete im Sommer 1867 an der Küste der Balearen und begann mit der Sammlung von Daten und Informationen über die Inseln. So entstand das siebenbändige Monumentalwerk „Die Balearen”. All das geht mir durch den Kopf, als ich vor der Zimmertür des kleinen Hotels stehe und einen Schlüssel mit Holzanhänger in das Schloss stecke. Quietschend öffnet sich die Tür und gibt den Blick auf ein einfaches, aber gemütliches Zimmer frei. Der Fußboden knarzt, als ich mein Gepäck hineintrage. Es gibt sogar eine kleine Sitzecke, wo meine Fantasie auf Reisen geht: der Erzherzog hätte sich hier auf der steinernen Sitzbank sicher wohlgefühlt. Kein Fernseher stört die Erholung, nur ein Heizgerät wärmt die kalten Wände auf. Auch unten im Frühstücksraum wird Bescheidenheit großgeschrieben. Die Angestellte erklärt mir, dass der Kühlschrank in einer Nische von allen Gästen genutzt werden könne: „Du schreibst einfach auf den Block, was du dir nimmst, und zahlst es am Abreisetag”. Egal ob einen Café, eine Flasche Wein oder Hochprozentiges: Hier gilt noch das Wort beziehungsweise die Ehrlichkeit des Gastes. Dem Erzherzog hätte das bestimmt gefallen.
Mittelalterlicher Ortskern ist geschützt
Und am nächsten Morgen beim Frühstück zeigt sich: Die Hotelgäste sitzen in Wanderkleidung am Tisch, sie wollen das authentische Mallorca entdecken, die Steine unter den Schuhen spüren, auf einsamen Pfaden durch die Tramuntana traben. Denn von hier aus starten viele Wanderwege, wie zum Beispiel die bekannte Strecke von Estellencs nach Banyalbufar, der „Cami des Rafal”. Wer es gemütlicher mag, der kann durch den Ort mit seinen engen und verschlungenen Straßen schlendern und die Historie auf sich wirken lassen: Estellencs wird 1234 erstmals schriftlich erwähnt. Der Ortsname ist vermutlich arabischen Ursprungs. Eines der bemerkenswertesten Gebäude im Dorf ist die Kirche von Sant Joan Baptista, die auf einem Hügel über dem Dorf thront, sie stammt aus dem 16. Jahrhundert. Zu den historischen Wahrzeichen von Estellencs zählt auch der Turm Tem Alemany, der seit dem 17. Jahrhundert die Einwohner vor Piraten-Angriffen schützt. 2007 erklärte man den mittelalterlich geprägten Ortskern sogar zum Kulturgut.
Mich zieht jedoch das Meer magisch an und so begebe ich mich auf die Strecke hinunter zur Cala Estellencs. Nach einer guten halben Stunde taucht die Bucht vor mir auf. Jetzt im Frühjahr ist es hier still, auch wenn das kristallklare Wasser schon einladend vor mir liegt. Die Boote, die sonst hier im Hafen liegen, träumen noch vom vergangenen Sommer in ihren Winterquartieren. Horizont und Meer verschmelzen an diesem Tag miteinander, und ich schicke meine Gedanken auf die Reise. Sehe den Erzherzog Salvator geradezu vor mir, wie er mit seinem Dampfsegelschiff „Nixe” Ende des 19. Jahrhunderts in der Bucht ankommt und sich an der Unberührtheit des Ortes erfreut. Ganz so wie ich rund 150 Jahre später. Einen steilen Aufstieg später kehre ich zu meinem Hotel zurück und trete die Heimfahrt an. Über mir sehe ich zwei Rotmilane, die in langsamen Kreisen tiefer und tiefer schweben. Irgendwo vernehme ich den Ruf eines Turmfalkens. „Lerne nur das Glück ergreifen, denn das Glück ist immer da”, schrieb Goethe weiter in dem eingangs erwähnten Zitat. In Estellencs ist das an diesem kurzen, aber nachhaltig wirkenden Urlaubswochenende wahr geworden. Der Gesang der Vögel und die Schönheit des Küstendorfs hallen in mir noch lange nach.