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Airports & Airlines

Experte erklärt: So wird Palmas Airport 2050 aussehen

Klimaneutral, digital, vernetzt: Der internationale Luftfahrtexperte André Schneider erklärt, wie sich Palmas Flughafen zum Energie- und Mobilitätsknoten wandelt – und was Reisende erwartet

Ob Mallorcas Airport Son Sant Joan irgendwann einmal so aussehen wird wie auf diesem KI-Bild, sei dahingestellt. Verändern wird er sich sicherlich. | Foto: KI/ChatGPT

| Palma, Mallorca |

Wie sieht der Flughafen von Palma im Jahr 2050 aus? Für André Schneider ist die Antwort darauf keine ferne Vision, sondern eine Frage der Entscheidungen von heute. Der international tätige Luftfahrtexperte treibt seit Jahren die Transformation von Flughäfen hin zu klimaneutralen, resilienten und technologisch hochgerüsteten Infrastrukturen voran.

Als ehemaliger Chef des Flughafens Genf, Strategieberater und Vorsitzender der World Climate Foundation verbindet er operative Erfahrung mit globaler Perspektive. Seine ungewöhnliche Laufbahn – vom Orchestermusiker über den Informatikdoktor bis hin zu Stationen bei WEF, IBM und CERN – macht ihn zu einem Brückenbauer zwischen Technologie, Wirtschaft und Politik. Im Gespräch erklärt Schneider, warum Palma weit mehr werden könnte als ein Airport – und weshalb die Zukunft des Fliegens unbequeme Wahrheiten bereithält.

Mallorca Magazin: Welche Entscheidungen, die jetzt getroffen werden, bestimmen konkret, wie der Airport von Palma im Jahr 2050 funktionieren wird?
André Schneider: Die zentrale Herausforderung besteht darin, die eigenen CO-Emissionen des Flughafens bis 2050 vollständig zu eliminieren. Dazu zählen vor allem die Dekarbonisierung von Heizung und Kühlung, eine verbesserte Gebäudeisolierung, die Umstellung der Fahrzeugflotte auf dem Rollfeld sowie eine Versorgung mit erneuerbarer Energie.

MM: Welche Verantwortung hinsichtlich der Nachhaltigkeit im Flugbetrieb trifft den Flughafen?
Schneider: Er kann aktiv zur Reduktion der Emissionen im Flugbetrieb beitragen – etwa durch die Bereitstellung nachhaltiger Treibstoffe wie SAF. Ebenso wichtig ist die Versorgung der Flugzeuge am Gate mit Strom sowie Heiz- und Kühlsystemen, um den Einsatz der Hilfstriebwerke zu vermeiden. Langfristig können Flughäfen zudem selbst zu Energiezentren werden, etwa durch Photovoltaik und Geothermie – wie es auch für Palma geplant ist. Neben der CO-Thematik geht es um die Anpassung an den Klimawandel, also steigende Temperaturen und extremere Wetterlagen, ebenso wie um neue Anforderungen der Branche – etwa bei Sicherheitsprozessen – und veränderte Erwartungen der Passagiere.

Der Luftfahrtexperte André Schneider.

MM: Wird der Flughafen von Palma im Jahr 2050 noch in seiner heutigen Form existieren – oder sprechen wir dann eher von einem völlig neuen Mobilitätsknoten als von einem klassischen Airport?
Schneider: Ich bin überzeugt, dass sich Flughäfen zu umfassenden Mobilitäts- und Energiezentren entwickeln werden. Aufgrund ihrer geografischen Lage und verfügbaren Flächen bieten sie ideale Voraussetzungen, um über den reinen Flugverkehr hinaus zur regionalen Entwicklung beizutragen.

MM: Wird sich das Geschäftsmodell der Luftfahrt verändern, anpassen müssen?
Schneider: Natürlich. Ein System, das auf kontinuierlichem Wachstum und permanenter Kostenoptimierung basiert, ist mit den Dekarbonisierungszielen kaum vereinbar. Diese Transformation wird auch die Rolle der Flughäfen nachhaltig beeinflussen. Hinzu kommt, dass das Passagierwachstum künftig nicht mehr selbstverständlich ist – nicht zuletzt aufgrund wachsender Kritik am Übertourismus. All das wird das Erscheinungsbild von Flughäfen bis 2050 deutlich verändern.

MM: Palma ist ein typischer Massentourismus-Airport. Kann ein solcher Standort überhaupt klimaneutral werden – oder zwingt die Realität zu unbequemen Einschränkungen beim Wachstum?
Schneider: Grundsätzlich ist Klimaneutralität möglich – allerdings nur unter der Voraussetzung, dass die genannten strukturellen Herausforderungen bewältigt werden. Entscheidend wird sein, ob es der Luftfahrt gelingt, ihre Dekarbonisierungsziele zu erreichen. Andernfalls könnten regulatorische Eingriffe folgen, etwa höhere Ticketsteuern oder Einschränkungen bei Kapazitäten und Streckennetzen. Zudem wird sich der Standort zunehmend mit der gesellschaftlichen Kritik am Übertourismus auseinandersetzen müssen – mit direkten Auswirkungen auf seine zukünftige Entwicklung.

MM:Welche Rolle werden nachhaltige Flugkraftstoffe, Wasserstoff oder elektrische Antriebe konkret an einem Insel-Airport wie Palma spielen – auch mit Blick auf begrenzte Flächen und Ressourcen?
Schneider: In den kommenden zehn bis 15 Jahren ist mit ersten Markteinführungen zu rechnen. Elektrische Flugzeuge werden jedoch voraussichtlich auf Kurzstrecken und kleinere Kapazitäten beschränkt bleiben. Dazu kommt, dass dies nicht eine Entscheidung des Flughafens allein sein wird, sondern von den Entscheidungen der Fluggesellschaften bezüglich ihrer neuen Flotten beeinflusst sein wird. Für Flughäfen bedeutet dies erhebliche Investitionen, da neue Infrastrukturen parallel zu bestehenden Systemen aufgebaut werden müssen. Gleichzeitig stehen auch Fluggesellschaften unter Druck, ihre Geschäftsmodelle zukunftsfähig zu gestalten. Daher ist davon auszugehen, dass sich diese Transformation bis in die 2040er-Jahre ziehen wird. Möglich ist zudem, dass sich synthetisches und nachhaltiges Kerosin als pragmatische Lösung durchsetzt, da es keine neuen Flugzeugtypen erfordert.

MM: Wird der Flughafen selbst künftig Energieproduzent sein – etwa durch Solarflächen oder Wasserstoff-Infrastruktur – und damit Teil eines regionalen Energiesystems?
Schneider: Ja, das ist eine zentrale Perspektive. Flughäfen können künftig einen Teil ihres Energiebedarfs selbst decken und gleichzeitig aktiv zur regionalen Energieversorgung beitragen.

MM: Jahrzehntelang lebte Mallorca vom günstigen Flug. Ist dieses Modell 2050 noch denkbar – oder wird Fliegen auf die Insel deutlich teurer und selektiver?
Schneider: Die bisherigen Geschäftsmodelle, die auf Wachstum und kontinuierlicher Kostensenkung basieren, werden grundlegend hinterfragt werden müssen. Andernfalls fehlen die notwendigen Mittel für die Dekarbonisierung. Gleichzeitig gerät auch das Wachstumsparadigma im Tourismus zunehmend unter Druck – insbesondere vor dem Hintergrund des Übertourismus.

MM: Bedeutet die Transformation der Luftfahrt zwangsläufig das Ende des klassischen Pauschaltourismus, wie Mallorca ihn heute kennt?
Schneider: Nicht zwingend. In einer Zukunft, die stärker auf Qualität als auf reine Kostenoptimierung oder -reduktion setzt, könnten integrierte Angebote sogar an Attraktivität gewinnen – insbesondere, wenn sie Effizienz mit einem verbesserten Kundenerlebnis verbinden.

MM: Sie sprechen von einer "Transformation am Boden": Wie konkret verändert sich das Passagiererlebnis in Palma – vom Check-in bis zur Gepäckausgabe?
Schneider: Flughäfen werden sich zunehmend in ein integriertes, globales Mobilitätssystem einfügen. Die Übergänge zwischen den einzelnen Reiseabschnitten werden fließender. Schon heute zeigt sich, dass neue Technologien das Passagiererlebnis deutlich vereinfachen und verbessern. Dieser Trend wird sich fortsetzen – auch wenn die Geschwindigkeit der Entwicklung schwer vorherzusagen bleibt.

MM: Wird es 2050 überhaupt noch klassische Sicherheitskontrollen und Gepäckbänder geben – oder läuft alles vollständig digital und automatisiert?
Schneider: Sehr wahrscheinlich – allerdings in deutlich veränderter Form. Denkbar sind integrierte Kontrollprozesse, bei denen Identitätsprüfung, Ticketkontrolle und Sicherheitscheck gleichzeitig und nahezu nahtlos und ohne direkte Interaktion mit Maschinen oder Personal erfolgen.

MM: Welche Rolle spielen Daten und Künstliche Intelligenz, um einen hochfrequentierten Airport wie Palma effizienter und gleichzeitig resilienter zu machen?
Schneider: Datenanalysen werden bereits heute genutzt, um Prozesse zu optimieren, Kosten zu senken und das Passagiererlebnis zu verbessern. Künstliche Intelligenz geht darüber hinaus: Sie ermöglicht nicht nur rückblickende Analysen, sondern auch Prognosen und vorausschauende Steuerung. In einem Umfeld, in dem Sicherheit, Resilienz und Servicequalität entscheidend sind, wird ihre Bedeutung weiter zunehmen.

MM: Palma ist extrem saisonabhängig. Wie kann ein Airport der Zukunft solche Lastspitzen bewältigen, ohne anfällig für Störungen zu bleiben?
Schneider: Das Grundproblem vieler Flughäfen ist die starke Diskrepanz zwischen Spitzenzeiten und schwächer ausgelasteten Phasen. Ziel muss es sein, ausreichend Kapazitäten für Spitzenzeiten bereitzustellen, ohne gleichzeitig ineffiziente Überkapazitäten zu schaffen. Gleichzeitig müssen externe Störfaktoren – etwa Wetter, Engpässe in der Flugsicherung oder überlastete Flugpläne – besser koordiniert werden. Das erfordert eine engere Abstimmung zwischen Flughäfen, Airlines und Flugsicherung sowie ein grundsätzliches Überdenken der globalen Flugplanung. Sonst kann die Kombination solcher nicht oder nur schwer vorhersehbarer Effekte mit den Saisonspitzen zu sehr großen Problemen führen, bis hin zu massiven Annullierungen der Flüge.

MM: Welche neuen Risiken – etwa durch Klimawandel, Cyberangriffe oder geopolitische Krisen – müssen bei der Planung eines Airports wie Palma heute schon berücksichtigt werden?
Schneider: Neben Klimawandel, auch in Form eines ansteigenden Meeresspiegels, Cyberrisiken und geopolitischen Unsicherheiten spielt vor allem das vorher erwähnte Kapazitätsrisiko eine zentrale Rolle. Hinzu kommen strukturelle Risiken durch die notwendige Transformation der Geschäftsmodelle in der Luftfahrt sowie durch mögliche Veränderungen im Massentourismus.

MM: Auf den Balearen wird über Zeppelin-Verbindungen zum Festland und Wasserflugzeuge zwischen den Inseln diskutiert. Sind das realistische Bausteine eines künftigen Mobilitätssystems – oder eher visionäre Randerscheinungen?
Schneider: Eher nicht. Sie adressieren die grundlegenden Herausforderungen der Luftfahrt – insbesondere Geschwindigkeit und Umweltwirkung – nur unzureichend. Zudem würden sie neue, aufwendige Infrastrukturen erfordern, ohne klare Vorteile gegenüber bestehenden Systemen zu bieten.

MM: Könnte Palma 2050 ein multimodaler Hub sein, der Flugverkehr, maritime Mobilität und neue Luftfahrtformen intelligent miteinander verknüpft?
Schneider: Ja, das ist gut vorstellbar. Insbesondere weil Passagiere zunehmend integrierte, multimodale Reiseketten nachfragen.

MM: Welche Rolle wird Mallorca im globalen Wettbewerb der Destinationen spielen – gerade vor dem Hintergrund geopolitischer Unsicherheiten, die andere Mittelmeerziele betreffen?
Schneider: Das hängt maßgeblich davon ab, wie gut die Insel auf zentrale Herausforderungen wie den Klimawandel reagiert und sich an veränderte Erwartungen der Gäste sowie der Branche anpasst. Faktoren wie Wasserknappheit, steigende Temperaturen oder der Meeresspiegel könnten die Attraktivität der Destination beeinflussen.

MM: Wenn Sie eine unbequeme Wahrheit aussprechen müssten: Was wird sich für Mallorca-Reisende bis 2050 am drastischsten verändern?
Schneider: Das derzeitige Wachstums- und Geschäftsmodell der Luftfahrt ist kaum mit den Klimazielen vereinbar. Ohne grundlegende Veränderungen wird die Dekarbonisierung bis 2050 schwer zu erreichen sein. Zugleich entfernt sich dieses Modell zunehmend von den Erwartungen von Gesellschaft und Politik – insbesondere im Kontext Umwelt, Lärm und des Tourismus.

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