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Konzertführer: Wagners Opern sind wie Märchen

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Das ist eine der zentralen Aussagen des weltberühmten Bariton George Gegnidze, der in der „Holländer« Produktion des Teatre Principal die Titelrolle singt und den ich in seinem Hotel zum Interview getroffen habe. Zunächst habe ich ihn zu seinem Werdegang und den wichtigsten Stationen seiner Karriere gefragt.

Martin H. Müller: Herr Gagnidze, Sie kommen aus Georgien, wo Sie Ihre Ausbildung begonnen haben. Gibt es so etwas wie eine „Georgische Schule«, vergleichbar etwa mit der russischen Pianistenschule?

George Gagnidze: Nun, Georgien ist ein kleines Land, etwa viereinhalb Millionen Einwohner. Aber es gibt eine Vielzahl großartiger Begabungen: im Bereich der Folklore, des Chorgesangs, aber auch des Balletts. Die Wurzeln liegen tief im Volk. Aber Talent ist das eine, eine solide Ausbildung das andere. Und dafür haben wir hervorragende Professoren, sei es im Bereich des Klavierspiels oder des Gesangs. Und ja, ich denke schon, dass sie nach einer spezifischen, aus der georgischen Tradition kommenden Methode unterrichten.

MHM: Wichtige Stationen Ihrer Karriere sind die Metropolitan Opera in New York, die Mailänder Scala, die Arena in Verona, Wien, Berlin. Gibt es Orte, an denen Sie besonders gern singen?

GG: Die MET ist das zweite große Haus nach der Scala. Dort begann 2007 meine Karriere unter Lorin Mazel. Inzwischen ist die MET fast so etwas wie mein zweites Wohnzimmer. Allein den Scarpa habe ich dort 150 mal gesungen.Nächstes Jahr singe ich dort Aida und Tosca. Natürlich liebe ich auch Berlin, die Stadt in der ich seit 2003 lebe. Ich singe dort sehr gern in der Deutschen Oper und an der Staatsoper.

MHM: Haben Sie auch unter Barenboim gesungen?

GG: Leider nein, weil Barenboim, als eine Zusammenarbeit mit mir geplant war, krank wurde. Aber ich habe mit vielen anderen großen Meistern gearbeitet, mit James Levine, Zubin Mehta, Lorin Mazel. Barenboim hat mich einmal in einem Konzert im Georgischen Konsulat gehört und war begeistert, er wollte unbedingt mit mir arbeiten, aber irgendwie ist es nie dazu gekommen.

MHM: Herr Gagnidze, Ihre Domäne ist das italienische Fach. Wie kommt es, dass Sie sicht jetzt Wagner zugewendet haben, dem „deutschen Verdi«, wie es oft verkürzt heißt?

GG: Nun, der „Holländer« ist Wagners fünfte Oper, wenn ich richtig gezählt habe, und noch sehr romantisch. Ich habe versucht, nach dem gleichen Schlüssel einen Zugang zu ihm zu bekommen, mit dem ich mich Verdi genähert habe. So wie der „Holländer« komponiert ist, erinnert er mich an die Tradition Verdis, Bellinis, Donizettis. Von der Sprache her war das eine Herausforderung für mich. Ich lebe, wie gesagt, seit 2003 in Deutschland und habe viel an der deutschen Sprache gearbeitet. Aber für Wagner muss ich da noch viel mehr tun. Denn eine gute Aussprache ist das A und O jedes guten Sängers.

MHM: Also ich habe Sie gestern Abend bei der Generalprobe sehr gut verstanden, Sie haben völlig akzentfrei gesungen.

GG: Vielen Dank, das ist ein großes Lob für mich und ermutigt mich, weiterzumachen. Vielleicht mit dem „Lohengrin«.

MHM: Der „Lohengrin« gehört ja auch noch zu Wagners romantischen Opern. Etwas anders sieht’s dann beim „Ring« aus. Ist der auch geplant?

GG: Im Moment noch nicht. Ich habe im deutschen Fach den Johanaan in der „Salome« von Strauss gesungen. Aber die Rolle im „Ring« habe ich mir angehört, der Wotan passt zu meinem Stil sehr gut. Wenn die Gelegenheit kommt, möchte ich gern mit „Rheingold« beginnen, um mir den Wotan zu erarbeiten. Und später vielleicht „Walküre« und „Götterdämmerung«. Aber dazu brauche ich Zeit.

MHM: Mit Wagner verbindet man ja sehr stark Bayreuth. Haben Sie vor, auf dem Grünen Hügel zu singen?

GG: Das ist ein großer Wunsch von mir. Ich wäre der erste Georgier, der in Bayreuth Wagner singt. Aber auch das braucht Zeit. Ich bin ein Maximalist. Wenn ich eine Rolle übernehme, will ich alles wissen, alles verstehen, auch die Parts meiner Bühnenpartner.

MHM: Bleiben wir noch ein wenig beim Text. Wagner hat ja die Libretti zu seinen Opern selbst verfasst. Ich habe gerade einen Essay von Thoimas Mann über Wagner gelesen. Der beurteilt die Sprache natürlich von der Warte des großen Schriftstellers aus, der er zweifellos war, und findet die Texte ziemlich dilettantisch. Sehen Sie das als Sänger auch so?

GG: Ich kenne den Essay von Thomas Mann nicht, nur seine Novellen. Aber vielleicht hat er Recht. Ich würde das so nicht sagen.

MHM: In stören vor allem die endlosen Stabreime, Wogelaweia hinten und vorne. Ich muss ehrlich sagen, mir gehen sie auch manchmal auf die Nerven…

GG: Man kann das auch anders sehen. Wagner wollte seine Opern über die Realität hinausheben. Im Grunde sind es Märchen, nicht mehr erdgebunden, sie spielen nicht in unserer Gegenwart, sondern irgendwo im Kosmos. Bei Verdi ist das anders, Rigoletto und Troubadour sind sehr irdisch. Aber Wagner erhöht seine Figuren über alle Erdgebundenheit hinaus. Wenn ich die Walküre höre, bin ich nicht mehr in dieser Welt. Und das ist wunderschön. Vielleicht hat Wagner bei seinen Texten manchmal etwas falsch gemacht, aber die Opern, die dabei herauskamen, sind unglaublich. Ich bin sein Fan geworden, weil er etwas Einzigartiges geschaffen hat. Verdi und Puccini sind gut, aber Wagner ist einmalig, etwas ganz Besonderes.

Das Interview im Originalton können Sie HIER hören.

Im zweiten Teil des Interviews lesen Sie in Kürze, wie George Gagnidze mit der politischen Einschätzung Wagners umgeht und wie er seine Zusammenarbeit mit Regisseur und Dirigent erlebt hat.

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