Konnte das gutgehen? Wagner in einem vergleichsweise kleinen Theater, mit begrenzten technischen Möglichkeiten, einem eher kleinen Fundus und einer Akustik, die in ihrer Trockenheit eher für Sprechtheater geeignet ist als für große Oper, mit einem Orchester, das gerade mal halb so groß ist wie ein ausgewachsenes Wagner-Orchester? Mit dieser bangen Frage im Hinterkopf betrat so mancher am vergangenen Mittwoch den Zuschauerraum des Teatre Principal. Aber die anfängliche Skepsis wich im Verlauf der ohne Pause durchgespielten Aufführung der sieghaften Gewissheit: ja, Palma kann Wagner!
Die gebündelte musikalische Power eines großenteils aus international renommierten Persönlichkeiten bestehenden Ensembles machte es möglich. In der musikalischen Leitung stand Guillermo García‑Calvo, der international erfahrene spanische Dirigent mit Stationen an der Wiener Staatsoper, der Deutschen Oper Berlin und dem Teatro Real. Er ließ vergessen, dass die Balearen-Sinfoniker von der Größe her eigentlich eher im klassischen Repertoire, im „Figaro« oder im „Fidelio« zu Hause sind. Trotz einer Nachhallzeit, die gegen null geht, gelang dem Orchester ein üppiger, geschmeidiger Sound. Die Titelpartie sang George Gagnidze, einer der profiliertesten dramatischen Baritone unserer Zeit (lesen Sie dazu das Interview, das ich mit ihm nach der Generalprobe geführt habe), während Vazgen Gazaryan als Daland mit profundem Bassfundament überzeugte. Alejandro Roy brachte als Erik seine charakteristische vokale Kraft ein. Die ursprünglich angekündigte Gabriela Scherer musste kurzfristig passen; für sie übernahm die polnische Sopranistin Iwona Sobotka, Gewinnerin des Queen‑Elisabeth‑Wettbewerbs und international im Konzert‑ wie Opernfach präsent. Ana Ibarra gestaltete eine klare, präzise Mary, und der mallorquinische Tenor Joan Laínez setzte als Steuermann einen lyrischen Akzent. Dazu kam der hauseigene Chor, dem es, den bisweilen vielleicht etwas zu zügigen Tempi geschuldet (die aber, das darf man nicht vergessen, für einen mitreißenden Drive sorgten), stellenweise an Textverständlichkeit mangelte.
Sie alle waren eingebunden in ein Regiekonzept, das ganz die Handschrift von Marcelo Lombardero trug, dem argentinischen Regisseur, der vom Bariton zum Musiktheatererneuerer wurde und seit Jahren mit politisch geschärften, filmisch präzisen Bildern arbeitet. Lombardero, einst Ensemblemitglied des Teatro Colón und später dessen künstlerischer Leiter, hat sich international einen Namen gemacht mit Inszenierungen, die soziale Realitäten ebenso ernst nehmen wie die psychologische Tiefenschärfe der Figuren. Auch im Holländer zeigte er seine typische Handschrift: ein nüchternes, gesellschaftlich verankertes Erzählen, das die romantische Erlösungsfantasie konsequent gegen die Härten der Gegenwart spiegelte. Besonders beeindruckend war seine Lichtgestaltung, die er zwar äußerst ökonomisch einsetzte – Blau und Rot genügten ihm -, die aber gerade in ihrer Sparsamkeit virtuos mit den Möglichkeiten der Farbenpsychologie spielte. Blau: die Vision, die Sehnsucht, das Überzeitliche – Sentas und des Holländers innere Welt. Rot: die Realität, die Gewalt der Gesellschaft, der Fluch, die Eskalation. Das Setting: ein Innenraum, der wie ein Gemeinschafts- oder Aufenthaltsraum wirkt: Couch links, ein alter Fernseher rechts, einfache Stühle, Menschen in Arbeitskleidung. Die Rückwand besteht aus großen Fensterflächen, durch die man ein Panorama sieht: Wasser, Berge, Himmel – ein realistisches, fast fotografisches Außenbild. Der Mythos wird zur sozialen Realität der Gegenwart. – So gelang aus musikalischen Spitzenleistungen und einer mittels einfacher, aber wirkmächtiger Bilder auf die Gegenwart projizierenden Regie ein Gesamtkunstwerk, das begeistert bejubelt und mit standing ovations bedacht wurde. Ja, Palma kann Wagner!