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Alcúdias rätselhafte Ruine der Geister und Graffiti auf Mallorca

Den Schriftzug des Revuepalastes gibt es noch immer. | Archiv Ultima Hora

| Mallorca |

Ein weißes Pferd trabt grazil auf die Bühne, fast so, als würde es tanzen. Flamencotänzer wirbeln galant im Takt, im Hintergrund ein Vorhang aus Wasserfontänen. Es waren spektakuläre Shows wie diese, die einst im „Es Fogueró Palace” in Alcúdia aufgeführt wurden.

Heute, mehr als 30 Jahre nach der Eröffnung des gigantischen Revuetheaters mit Gastronomiebetrieb im Norden Mallorcas, erinnert nur noch ein einzelner Lichtstrahl, der durch ein Loch in der Fassade hineinbricht, an die Scheinwerfer von damals.

Am 8. August 1989 feierte der für bis zu 2000 Gäste ausgelegte Unterhaltungstempel Eröffnung. Ab 21 Uhr genossen die Besucher an diesem Abend ein Mehrgänge-Menü, während eine Big Band spielte, bevor, kurz vor Mitternacht, der Stargast auf die hochmoderne Bühne trat: Julio Iglesias.


Julio Iglesias im Es Fogueró: Foto: Archiv

Der Geschäftsmann José Casas, der zu jener Zeit bereits das „Es Fogueró” bei Palma sehr erfolgreich betrieb, wollte mit dem Es Fogueró Palace in Alcúdia ein weiteres spektakuläres Revuetheater ins Leben rufen – mit hochkarätigen Shows, kulinarisch exzellent und technisch auf dem neuesten Stand: Mit einer dreh-, kipp- und versenkbaren Bühne, auf der auch Wasserspiele möglich waren und auf die, über eine Rampe, Pferde direkten Zugang von außen hatten. Die spanische Hofreitkunst sollte hier der breiten Öffentlichkeit in exklusivem Umfeld dargeboten werden.

Pedro Prieto, Gesellschaftsreporter-Urgestein der MM-Schwesterzeitung „Ultima Hora”, war bei dem Eröffnungsabend dabei und ahnte schon damals: Das Erfolgsrezept aus Palma einfach nach Alcúdia zu übertragen, das wird wahrscheinlich nicht klappen. Zumal der Preis für den Unterhaltungsabend mit exklusiver Küche hoch war: 15.000 Peseten, umgerechnet etwa 90 Euro, kostete eine Karte. Julio Iglesias kommentierte das einst mit den Worten „Wenn ich 15.000 Peseten zahlen müsste, um Julio Iglesias zu sehen, dann würde ich nicht hingehen!“

Und doch: Zumindest bei der Eröffnung blieb kein Platz des perfekt durchdachten Theaters frei. Unter der wie ein Amphitheater erbauten Haupthalle: Toiletten für die Gäste, schicke Garderoben für die Künstler, eine große Küche und weitläufige Keller- und Technikräume. Michael Müller, der für seinen Youtube-Kanal: „PiratesTV” im vergangenen Jahr ein Video über die Ruine kreierte, fand bei den Dreharbeiten noch die Anschlüsse für die Wasserleitungen, die es möglich machten, ganze Springbrunnen in die Shows zu integrieren.

Full House im Es Fogueró. Foto Archiv Michael Müller

Im Außenbereich des Theaters: gepflegte Terrassen mit Brunnen und große Balkone mit Blick bis hin zur Bucht von Alcúdia. Gleich neben dem imposanten Gebäude: Platz für Reisebusse, die die staunenden Besucher in Massen herankarren sollten.

Jedoch nur zwei Jahre später: Aus der Traum. Die Besucherscharen kamen nicht wie erhofft, die Unterhaltung des Revue-theaters mit all den Angestellten rechnete sich nicht. Ein letzter Versuch war die Nutzung des Gebäudes als Diskothek – aber auch dieser Plan war nicht von Erfolg gekrönt. 1992 wurde das Es Fogueró Palace endgültig geschlossen – und verfällt seitdem vor sich hin.

Foto: Miriam Eisold

Auch ein Jahre später angedachter Plan, das Nachtleben von Alcúdia in das etwas außerhalb liegende Gebäude zu verlagern, um somit dem Lärmproblem in der Stadt Herr zu werden, wurde verworfen. Ebenso die Idee von 2003, eine Eisenbahnstrecke von Sa Pobla im Landesinneren bis nach Port d’Alcúdia zu errichten. Hierbei sollte das Es Fogueró Palace zum Umsteigepunkt zwischen Eisen- und Straßenbahn gemacht werden; Letztere sollte die Passagiere bis in den Hafen fahren. Aber auch dieser Plan wurde 2008 aufgegeben.

Die Anwohner aus Alcúdia, so erzählt man sich, durften 1992, nachdem der Discobetrieb eingestellt wurde, aus dem Gebäude nehmen, was noch zu verwenden war. Und so finden sich unter den Stahlträgern, an denen einst die Lichttechnik installiert war, nunmehr die leeren Ränge und Treppenaufgänge, an denen noch Fragmente riesiger Spiegel prangen, in denen sich einst die tanzenden Lichter widerspiegelten.

Im Sommer 2010 dann eine Tragödie: Ein Mord unter Obdachlosen, die in der Ruine Zuflucht gesucht hatten: Der 51-jährige Augustín Gonzáles Martínez wurde von seiner Ex-Freundin erschlagen. Die von der bald darauf verurteilten Täterin selbst herbeigerufene Polizei fand ihn in einer Blutlache im Herren- WC, in den Katakomben des Es Fogueró Palace. Todesursache laut Gerichtsmedizin: ein Schlag mit einem stumpfen Gegenstand an die Schläfe des Mannes und daraus folgende innere Blutungen.

Die Tat ruft nun auch Geisterjäger auf den Plan: Der Tote, so sagen sie, mache sich von Zeit zu Zeit in der Ruine bemerkbar. Noch heute erinnert ein Graffiti, das der Bruder des Ermordeten gesprüht haben soll, an die Tragödie. Es handelt sich um ein Zitat von Bob Marley: „La vida y la muerte. Si vives la vida debes vivir. Si vives la muerte, debes estar muerto. El camino que elija tu coracón hace que vivas!“ („Das Leben und der Tod. Wenn Du das Leben lebst, dann musst Du leben. Wenn Du im Tod lebst, dann musst Du tot sein. Der Weg, den Dein Herz wählt, lässt Dich leben!“).

Das Zitat ist eines von unzähligen Graffitis, die die alten Mauern heute zieren. Im Innen- wie im Außenbereich haben Graffitikünstler ihre Spuren hinterlassen. Und während das Es Fogueró Palace immer maroder wird und sich die Natur langsam das Außengelände zurückholt, üben Skateboarder auf der Anlage ihre Tricks, streifen Schaulustige, Fotofreunde und Geisterjäger durch das ehemalige Revuetheater, um einen Eindruck des alten Glanzes zu erhaschen.


Foto: Miriam Eisold

Die Zukunft der Anlage? „Das Grundstück ist als ländlicher Raum ausgewiesen”, betont Bürgermeisterin Bàrbara Rabassa. Darum könnte dort nichts anderes entstehen als vielleicht eine Grünzone.

Und José Casas, der geistige Vater des Es Fogueró Palace? Nachdem im vergangenen Jahr sogar das „Es Fogueró” bei Palma geschlossen wurde, verkauft der 1948 geborene Unternehmer nun auch seine Yacht. Der Name des 13,5 Meter langen Bootes, Baujahr 85: „Es Fogueró”. Für 135.000 Euro wartet es derzeit im Sporthafen San Antonio de la Playa in Can Pastilla auf einen Käufer. Casas wollte sich auf Nachfrage nicht mehr zur Geschichte seines Revuetheaters in Alcúdia äußern. Er habe sich aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen, und das solle auch so bleiben.

Das Es Fogueró in heutiger Zeit. Foto: Miriam Eisold

(aus MM 16/2020)

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