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Schülerin findet im Meer vor Mallorca fast 100 Jahre alte deutsche Münze

Die Badestelle der Illians liegt nicht weit weg von ihrem Ferienhaus in Sa Ràpita. Jule Illian (o.) ist stolz auf ihren Münzfund. | Foto: Patricia Lozano

| Mallorca |

Für die deutsche Familie war es eigentlich ein Urlaubstag wie immer. Am Vormittag radelten sie auf ihren Fahrrädern von ihrem Ferienhaus in Sa Ràpita ans Meer. Die felsige Badestelle mit der Rampe zum ins Wasser lassen von Booten und dem daneben liegenden Sprungturm samt Brett direkt auf den Klippen ist der Ort, wo die Eltern mit ihren beiden Töchtern regelmäßig Abkühlung suchen.

Jule, die im Sommer 2020 elf Jahre alt war, kennt keine Furcht vor dem nassen Element. Ihre ersten Erfahrungen mit dem Wasser sammelte sie beim Baby-, danach schon bald beim Kleinkinder- und Kinderschwimmen. Jetzt ist sie im heimatlichen Moers bei Krefeld seit Jahren Mitglied bei Bayer Uerdingen, dem größten Schwimmverein Deutschlands, wie ihre Eltern Christian und Ruta nicht ohne Stolz erwähnen.

Kein Wunder also, dass das Mädchen sich ohne Furcht von dem vier Meter hohen Sprungturm in das dunkelblaue Meer katapultiert, das an jener Stelle seinerseits bis zu fünf Meter tief ist.

Wenn Jule Illian nicht am Schwimmen ist, dann ist sie am Tauchen, mit einer Sichtbrille, ohne Schnorchel. So tastet sie in jenen Tiefen den Sandboden ab, greift hinein und befördert alles zu ihrem Vater und ihrer drei Jahre jüngere Schwester Paula. „Wir sieben das Material in einem Netz durch. Dabei kommen meist kleine Schnecken und Muschelschalen zum Vorschein”, erzählt Christian Illian. Aber eben nicht nur. Einmal befand sich ein 25-Pesetas-Stück darunter, und ein anderes Mal ein weiteres flaches, rundes Metallstück, vollkommen oxidiert und teils von kalkartigen Sedimenten aus dem Meer bedeckt, die sich auf dem Material abgelagert hatten. „Dass es sich um eine Münze handelt, haben wir sofort vermutet, auch wenn weiter nichts zu erkennen war”, sagt Jule im Rückblick.

Wie alle Ferien gingen auch jene des vergangenen Jahres zu Ende, die Familie kehrte mit den besten Mallorca-Erinnerungen heim an den Niederrhein, und die rostige Münze landete nach einer Zwischenstation in der Hosentasche in der Waschküche der Familie, wo sie letztlich auf einer Ablage vergessen liegen blieb.

Bis Ruta Illian sie erst vor wenigen Wochen wieder entdeckte und das Metallstück in Essigreiniger ablegte. „Ich hatte extra im Internet nachgelesen, wie man da vorgehen soll”, berichtet die Mutter. Nach einigen Tagen ließen sich die Verunreinigungen relativ leicht abreiben. Zur Überraschung aller Beteiligten wurden auf der Münze die Beschriftungen sichtbar: Es handelt sich um ein Zwei-Pfennig-Stück der deutschen Rentenmark. Geprägt wurde die Münze, wie sich unschwer ablesen lässt, im Einführungsjahr der neuen Währung: 1924. Damit ist das Geldstück fast 100 Jahre alt.

Die Zwei-Pfennig-Münze ist etwas kleiner als eine Euro-Münze. Die Rückseite (l.) zeigt ein Ährenbündel mit dem Prägejahr „1924”, die Vorderseite (M.) eine „2” samt „Deutsches Reich” und „Rentenpfennig”.

Die Familie ist perplex. Wie kommt eine alte deutsche Münze, die seit fast einem ganzen Jahrhundert auf der Welt ist und offenbar seit Jahrzehnten im Meer gelegen hat, ausgerechnet in die (Un-)Tiefen vor Sa Ràpita? Betrachtet man die Beschädigungen auf dem Metallstück, seine Kerben und Dellen, dann muss das Zwei-Pfennig-Stück offenbar so manche Zeit in der Brandung immer wieder heftig gegen die schroffen Felsen und Steine getrieben worden sein ...

„Ob ein Tourist die Münze damals beim Baden verloren hat?”, wundert sich der Arzt und Familienvater Illian. Wer hat nicht schon einmal eine Münze, einen Ring, eine Uhr oder einen Schlüssel im Sand verloren? Auf den großen Playas Mallorcas sind an späten Sommernachmittagen immer wieder einmal Einzelgänger zu sehen, die mit einem Metalldetektor den Sand abhören, in der Hoffnung auf einen Geldfund.

Aber an der Felsküste von Sa Ràpita? Zumal: Zwar gab es bereits in den 1930er Jahren eine überschaubare Schar von deutschen Touristen und sogar Residenten auf Mallorca. Aber dass einer von ihnen den Weg bis an die Südküste gefunden hat, wo sich einige Kilometer entfernt auch der heute beliebte Naturstrand von Es Trenc befindet, ist eher unwahrscheinlich. Sa Ràpita war noch in den 1980er Jahren ein abgelegenes winziges Fischerdorf, bestehend aus wenigen Häusern und teils unasphaltierten Straßen. In den 1930er Jahren lagen für deutsche Touristen „Naturstrände”, wie man sie heute in Es Trenc schätzt, zwischen Palma und Arenal sozusagen direkt vor der Haustür, noch dazu gut angebunden per Bahn und Straßenbahn ab 1922.

Um der Hyperinflation in Deutschland nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg Herr zu werden, rief die Reichsregierung der Weimarer Republik im Oktober des Chaosjahres 1923 die Deutsche Rentenmark ins Leben. Einen Monat später wurden die ersten Geldscheine und bald auch Münzen in den Umlauf gebracht. Tatsächlich wurden von der Zwei-Pfennig-Münze, die zu 95 Prozent aus Kupfer bestand, in den beiden Jahren 1923 und 1924 insgesamt knapp 170 Millionen Stück geprägt. Die Rentenmark der Weimarer Republik war parallel zur Reichsmark, die ebenfalls im Jahre 1924 ausgegeben wurde, ein gültiges Zahlungsmittel. Die Münzen blieben nach der Niederlage Zweiten Weltkrieg bis zur Währungsreform 1948 im Umlauf. Folglich konnten sich die Kupferstücke lange Zeit in den Portemonnaies der Deutschen halten. Und vermutlich ist auch die Fundmünze von Sa Ràpita auf diesem Weg in den Inselsüden gelangt.

Aber es muss sich dabei nicht um Touristen gehandelt haben. Denn während des Zweiten Weltkrieges trugen sich vor Mallorcas Südküste mehrere Abstürze von deutschen Kampfflugzeugen zu. Gut dokumentiert in MM sowie in dem Buch „Mallorca unterm Hakenkreuz”, erschienen 2017 im Matrix Verlag, ist etwa die Notwasserung des Kampfpiloten Horst Hampel und seiner drei Kameraden beschrieben. Diese wurden am 6. November 1943 von Fischern aus S’Estanyol, dem Nachbardorf von Sa Ràpita, aus dem Meer gerettet, nachdem ihr Torpedobomber vom Typ Junkers 88 zuvor bei einem Angriff auf einen alliierten Geleitzug vor Nordafrika beschossen und beschädigt worden war.

Im Jahre 2004 kehrte Horst Hampel nach Mallorca zurück und suchte jene Fischerfamilie auf, in deren Haus er seinerzeit trockene Kleidung, eine Mahlzeit und ein Bett erhalten hatte. 1943 hatte der damals 22 Jahre alte Kampfpilot dem 14-jährigen Sohn des Fischers seinen Fliegerdolch geschenkt, als Dankeschön und zur Erinnerung. Möglich, dass Hampel und seine Kameraden seinerzeit auch anderen Jugendlichen in der abgelegenen Siedlung, die aus lediglich acht Familien bestand, die eine oder andere Münze aus Deutschland überließen, als kleine Reminiszenz an ihren Aufenthalt.

Der ehemalige Kampfflieger Horst Hampel (r.) besuchte 2004 den Fischersohn Gabriel Panisa in Sa Ràpita. Foto: Serge Cases

Und es gab weitere Vorkommnisse: Am 1. April 1944 stürzte zwischen der Südküste und der vorgelagerten Felsinsel Cabrera, die von Sa Ràpita aus betrachtet wie über dem Horizont zu schweben scheint, das Kampfflugzeug des Piloten Hans Kieffer ab. Er überlebte als einziger, einer seiner Kameraden wurde zehn Tage später bei Colònia de Sant Jordi östlich von Sa Ràpita tot angeschwemmt, ein weiterer Begleiter versank im Meer und wurde nie gefunden. Kann die Münze möglicherweise über diese Deutschen in die Region gelangt sein? Lag sie seitdem im Meer? Oder hat ein mit dem Geldstück Beschenkter den Kupferpfennig selbst wiederum im Meer verloren?

Die Familie Illian ist ungeachtet der ungeklärten Frage der Herkunft der Münze hocherfreut über ihren Fund. Dass ausgerechnet ein deutsches Urlauberkind eine historische deutsche Münze am Meeresgrund vor seinem Ferienort findet, ist offenkundig bisher kein zweites Mal auf Mallorca vorgekommen.

Erst vor wenigen Wochen hatte Ruta Illian in Vorfreude auf ihren Pfingsturlaub die Münze gereinigt. Jetzt brachte die Familie das Geldstück wieder mit nach Mallorca, um es MM zu zeigen. Dass die Münze auf einschlägigen Münzportalen wie etwa btn-muenzen.de lediglich einen geringen Wert von wenigen Euro hat, ficht die Finderfamilie nicht an. Sie betrachtet das Geldstück als Glücksbringer und hat der Münze in ihrem Heim einen Ehrenplatz gegeben.

Familie Illian am Meer bei Sa Ràpita.

Apropos Glücksbringer: US-Amerikaner haben den Brauch, an Orten, an denen sie glücklich sind, eine Münze ins Wasser zu werfen, um bald wieder dorthin zurückkehren zu können. Womöglich könnte auch dies eine Erklärung für das Zwei-Pfennig-Stück sein. Falls die Münze aus solch einer Motivation ins Meer hineingeworfen worden sein sollte, hat sie mittlerweile Abertausende von deutschen Besuchern an die Playas und Badebuchten rund um Sa Ràpita gelockt.

(aus MM 23/2021)

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