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Die unglaubliche Geschichte eines Deutschen und einer Thailänderin auf Mallorca

Hans Schödel ist seit Jahren Mallorca-Resident | Ultima Hora

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Der Benzin-Generator in dem kleinen Schuppen ist relativ neu und so wundert sich Hans Schödel schon ein bisschen, als das Gerät plötzlich aufhört, das Brunnenwasser auf dem Landgut Son Roig bei Santa Maria del Camí an die Oberfläche zu befördern. Tochter Emilia bleibt glücklicherweise bei den Tieren, als Schödel die kleine Hütte betritt, um den Generator zu überprüfen und die Maschine mit einer enormen Gasverpuffung explodiert. Die damals Zehnjährige behält die Ruhe, holt Hilfe und rettet ihrem Vater so wahrscheinlich sogar das Leben.

Nach seinem Unfall kommt er mit schweren Verbrennungen an Gesicht und Oberkörper ins Krankenhaus. Nach mehreren schmerzhaften Wochen in einem sterilen Zimmer unter kaltem Krankenhauslicht beschließt der naturverbundene Starnberger seinen Ärzten wenigstens für einen Moment zu entwischen, um mit dem Auto in einen kleinen Park mit Blick aufs Meer zu fahren. „Ich bin da so langgehinkt mit meinen Verbänden und da saß sie auf einmal”, erzählt der heute 64-Jährige. Schödel und die verängstigt wirkende Thailänderin Yuvadee Khanla, die jeder nur „Didi” nennt, kommen ins Gespräch. An diesem Sommerabend 2020 öffnet sie sich das erste Mal einem Menschen auf Mallorca und erzählt ihre Geschichte. „Sie hat mir gesagt, dass sie seit drei Wochen auf der Insel ist und die meiste Zeit in einer Wohnung eingesperrt wird.” Ein vermeintlicher Freund habe sie mit Versprechungen nach Mallorca gelockt, um sie anschließend an einen Prostitutionsring zu verkaufen. Schödel beschließt, ihr zu helfen. „Wir sind in Kontakt geblieben und ich habe ihr immer wieder gut zugeredet und angeboten, mit ihr zur Polizei zu gehen.” Die damals 25-Jährige willigt schließlich ein und Schödels Anwalt meldet die beiden bei der Nationalpolizei an. Zwar folgen Verhaftungen und ein Prozess, die Beschuldigten beteuern jedoch, nichts mit Menschenhandel zu tun zu haben und werden daraufhin in diesem Punkt frei gesprochen. „Ich hatte das Gefühl, die Verantwortlichen haben das gesehen, was sie sehen wollten, und zwar eine Asiatin ohne Schulbildung und nicht eine junge Frau, die nie eine Chance auf ein normales Leben hatte.” Schödel selbst ist gelernter Waffentechniker und verfolgt in jungen Jahren eine Karriere als Schauspieler. Er kommt in den 90er Jahren das erste Mal für Dreharbeiten zu der Fernsehserie „Hotel Paradies” nach Mallorca. Vor sechs Jahren entscheidet er sich dazu, seinen Lebensmittelpunkt nach Mallorca zu verlagern.

Weil er wirtschaftlich gut aufgestellt ist, wie er sagt, bietet er Didi an, erst einmal auf Son Roig unterzukommen. Durch den Nachweis der Unterkunft und einer geregelten Arbeit bekommt sie eine fünfjährige Aufenthaltsgenehmigung. Didi kümmert sich in den folgenden Monaten um die Verbrennungen des noch immer angeschlagenen Hausherrn, genießt das Leben in der Natur und mit den Tieren, schließt Freundschaft mit Tochter Emilia, verliebt sich zunächst in die beiden Hunde und schließlich auch in Hans. Zunehmend öffnet sie sich ihrer neuen Familie und erzählt ihre ganze Geschichte.

Yuvadee Khanla kommt aus dem Norden Thailands und verliert ihre Mutter, als sie vier Jahre alt ist. Ihr Großvater kümmert sich um sie, bis sie zehn ist, dann verstirbt auch er. Schutzlos erfährt sie früh Gewalt und Missbrauch und wird schließlich mit 15 Jahren selbst Mutter. Ganze acht Monate kann sie ihren Sohn „Mac” an ihrer Brust füttern, bis sie wegen einer schweren Krankheit ins Krankenhaus eingeliefert wird. Ihr Baby lässt sie bei ihrer Schwester, wo der 40-jährige Kindsvater den Jungen unter Androhung von Gewalt wegholt. Der Vater zieht weg, ändert den Namen des Jungen und nimmt der jungen Frau so die Chance, seine Mutter zu sein.

„Wie schlimm das für Didi sein musste, kann ich mir kaum vorstellen. Ich wusste, dass wir den Jungen finden müssen.” Schödel setzt alle möglichen Hebel in Bewegung, um den Jungen ausfindig zu machen und tatsächlich finden sie über einen alten Bekannten und einen Facebook-Eintrag schließlich ein Bild des Jungen vor seiner Schule. Nach monatelangen Auseinandersetzungen mit den thailändischen Behörden kommt schließlich kurz nach Weihnachten 2022 der Anruf, dass Didi nun ihren Sohn zum ersten Mal wiedersehen könne. „Das war ein unglaublicher Moment, als die beiden sich getroffen haben.” Gleichzeitig sei es aber auch erschütternd gewesen, in welcher Armut der Junge aufwachse. „Der Vater hatte einen Schlaganfall vor ein paar Jahren und kann nicht mehr arbeiten und den Jungen deshalb auch nicht mehr richtig versorgen. Als wir Mac begegnet sind, hatte der nicht mal ein Paar Schuhe.”

Vor Gericht erwirken die beiden schließlich das Sorgerecht für das Kind. Beim Besuch der spanischen Botschaft in Bangkok müssen sie jedoch feststellen, dass Mac vorerst kein Visum bekommen wird. „Der Konsul hat mich unglaublich herablassend behandelt. Das Bild eines älteren Mannes mit einer jüngeren Thailänderin hat ihm gereicht, um sich seine Meinung über uns zu bilden. Dass wir alle nötigen Papiere haben, hat ihn nicht interessiert.” Er habe sich nicht einmal die Mühe gemacht, diese anzuschauen und die beiden einfach wieder auf die Straße gesetzt. „Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich von den spanischen Behörden anders behandelt werden würde, wenn ich Spanier wäre. Dass ich in Spanien lebe, die Sprache spreche und hier Steuern zahle, scheint nicht auszureichen, um respektvoll behandelt zu werden.” Eigentlich wolle Yuvadee Khanla Ende März nach Thailand fliegen, um den Elfjährigen abzuholen. Alle benötigten Papiere, Nachweise und Voraussetzungen dafür habe man erfüllt. Ein Visum gebe es bisher trotzdem nicht. Warum die Aufenthaltsgenehmigung nicht ausgestellt wird, könne ihm die Behörde allerdings auch nicht begründen.

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