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"Dachte, das ist mein Ende": So erlebte ein deutscher Skipper die Strandung einer Luxusyacht im Sturm auf Mallorca

Bei dem schweren Unwetter überlebte der Mann nur knapp. Das Unglück in Son Servera wirft viele Fragen auf

In der Nacht auf Montag, 19. Januar, ist diese Superyacht vor Son Servera gestrandet | Foto: Angie Britta Kirchhofer/www.fotohotshot.com

| Son Servera, Mallorca |

Nach dem orkanartigen Sturmtief „Harry”, das in der Nacht auf Montag, 19. Januar, besonders die Nordostküste Mallorcas traf, liegt plötzlich eine Luxusyacht dort, wo keine hingehört: mitten auf der Playa de Sa Marjal vor dem kleinen Ort Son Servera. Mehr als 24 Meter lang, unter deutscher Flagge, im Sand festgesetzt, wie MM berichtete. Die ersten Bilder der gestrandeten Superyacht „Acoa” verbreiten sich am Morgen rasend schnell – aufgenommen von der auf Mallorca lebenden Schweizer Fotografin Angie Britta Kirchhofer, die den surrealen Anblick im ersten Licht des Tages dokumentiert.

Was die Fotos nicht zeigen: den Kampf um Minuten und um das eigene Leben, der sich wenige Stunden zuvor an Bord abgespielt hatte: Als die Wellen ihn zum sechsten oder siebten Mal zurückziehen, glaubt der deutsche Skipper Klaus F., dass es vorbei ist. Steine schlagen gegen seine Beine, Salzwasser brennt in offenen Wunden, die Dunkelheit nimmt ihm jede Orientierung. Er ist 68 Jahre alt, allein, ohne Schwimmweste, mitten in einem Sturm, der Straßen überflutet und das Meer über die Ufer treibt. Wenige Minuten zuvor hatte er die Yacht verlassen müssen – ein Schiff, gebaut für die Antarktis, nun hilflos in der Brandung. „Das war Horror”, sagt er gegenüber MM. „Ich dachte, ich komme da nicht mehr raus.”

Unterkühlt, blutend, apathisch

Irgendwann liegt er in Büschen oberhalb des Strandes, unterkühlt, blutend, apathisch. Dann klettert er über einen Zaun, taumelt auf eine Straße, findet sein geparktes Auto und fährt nach Haus. Zwei Tage lang kann er nicht schlafen, Medikamente halten ihn aufrecht. „Mein Gedächtnis ist wie ein Sieb”, sagt der deutsche Skipper. Was bleibt, ist Schock – und eine gestrandete Yacht, die am nächsten Morgen nicht nur Mallorca beschäftigt.

Klaus F. war in jener Nacht während des heftigen Unwetters der einzige Mensch an Bord. Seit drei Jahren, sagt er, habe er das Schiff in Betrieb. „Wir haben es auf Korsika übernommen und nach Mallorca überführt.” Die „Acoa” sei kein Spielzeug, betont er immer wieder. „28 Meter, Aluminium, Doppelrumpf, 22 Millimeter stark. Das ist gebaut für Schwerwetter.” Acht Weltumsegelungen habe das Schiff hinter sich, sogar eine Reise in die Antarktis. „Wenn man das vergleichen will: Bentley unter den Segelyachten.” Und doch lag diese Yacht während eines Sturms in einer offenen Bucht. Warum nicht im Hafen?

Klaus F. erzählt von geplatzten Zusagen der beiden anderen Miteigner, teuren Liegegebühren, gescheiterten Antifouling-Plänen. Der Hafen von Alcúdia habe die Arbeiten nicht ausführen können - die Rechnung aber trotzdem gestellt: 27.000 Euro. Andere Häfen seien unbezahlbar. „3000 bis 3500 Euro Liegeplatzgebühren im Monat. Das geht nicht.” Hinzu seien Sicherheitsprobleme gekommen. „In Port de Pollença wurde eingebrochen. Zweimal. Komplett ausgeraubt.” Also wich er in Buchten aus.

Er hatte alles für den Notfall vorbereitet

In der Unglücksnacht im Osten Mallorcas habe er alles für den Notfall vorbereitet: zwei Anker, laufende Maschine. Doch die See wurde stündlich wilder. Dann riss eine Ankerkette. Eine Welle stellte das Schiff quer, seitlich in die Brandung. Klaus F. versuchte, einen weiteren Anker zu setzen. „Ohne Weste. Das macht man nicht, aber ich musste es versuchen.” Er kam nicht mehr bis zum Bug. „Dann war klar: Ich muss runter.”

Seine Geschichte klingt dramatisch – und wirft Fragen auf. Nicht nur bei den Behörden. Wie konnte ein erfahrener Skipper, der seit fast 40 Jahren segelt, von der Karibik bis Polynesien, von Sardinien bis zu den Seychellen, ausgerechnet vor Mallorca in eine solche Notlage geraten? „So etwas habe ich noch nie erlebt”, sagt er. „Nicht mal annähernd.”

Während Klaus F. um Fassung ringt, beginnt an Land der zweite Sturm: der juristische. Die Eigentumsverhältnisse der „Acoa” sind undurchsichtig. Drei Männer sollen beteiligt sein. Früher Freunde, heute zerstritten. Klaus F. ist Miteigentümer, nicht Haupteigner - betreibt das Schiff angeblich allein. „Meine Kompagnons haben seit Jahren nichts mehr bezahlt”, sagt er. 200.000 Euro habe er bis dato investiert. Wer jetzt entscheidet, wer zahlt, wer haftet – all das ist offen. „Am Ende heißt es: Du warst drauf, also bist du schuld”, fürchtet F.

Bergung kostet ein Vermögen

Die Bergungskosten der Superyacht sollen im sechsstelligen Bereich liegen. Ein erstes Angebot: rund 322.000 Euro. Eine Bergungsfirma erschien, ohne dass Klaus F. sie beauftragt haben will. Angeblich auf Veranlassung von Mallorcas Inselrat. Namen, Zuständigkeiten – alles verschwimmt. Die Behörden wiederum sorgen sich um mögliche Umweltschäden: Bis zu 5000 Liter Diesel könnten auslaufen. Noch ist das nicht passiert. Große Gummireifen sichern das Schiff notdürftig gegen weitere Schäden. An eine vollständige Bergung ist derzeit nicht zu denken.

Parallel taucht eine Spendenkampagne auf. GoFundMe. Gestartet von einem Mann namens Hendrik S., angeblich im Namen des Kapitäns. Ob und wie eng beide verbunden sind, bleibt unklar. Auffällig ist: S. soll einem Bericht der Zeitschrift „Segelreporter” nach bereits vor Jahren Geld für eine andere gestrandete Yacht gesammelt haben.

Klaus F. selbst wirkt müde. „Ich bin praktisch pleite”, sagt er. „Mit dem Unfall ist alles weg.” Was bleibt, ist eine außergewöhnliche Yacht, entworfen für Weltmeere, Expeditionen und Extreme – und nun gestrandet an einem mallorquinischen Strand. Vielleicht nur vorläufig. Vielleicht endgültig. Sicher ist nur: Die „Acoa” hat ihren letzten Hafen noch lange nicht erreicht.

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