Folgen Sie uns F Y T I R
Boulevard

Luxus und Glamour unter deutschen Auswanderinnen: Das bietet die neue ARD-Dokusoap "Me, myself, Mallorca"

Die ab Dienstag ausgestrahlte Sendung sorgt vorab für Empörung. Zu Recht?

Extravaganz „Made in Mallorca”: Sängerin Malin (l.), Maklerin Rossitza und Pop-Art-Künstlerin Ms. Marnali | Foto: SRF / NDR

| Mallorca |

Mallorca also wieder einmal als Bühne für Sekt, Selbstverwirklichung und Selbstinszenierung. Kaum hat die ARD Mediathek angekündigt, seit dem 24. März die Dokusoap „Me, Myself, Mallorca“ zu zeigen, ist der Vorwurf schon formuliert: zu viel Glanz, zu wenig Wirklichkeit. Eine Insel als Instagram-Filter, bevölkert von deutschen Auswanderinnen, die aussehen, als hätten sie das Leben im Duty-free-Shop erworben.

Wer bestimmt, wie authentisch Mallorca sein darf?

Man kennt dieses Lamento. Es klingt ein wenig so, als müsse Mallorca endlich wieder das werden, was es für viele nie war: authentisch, einfach, bitte ohne Champagner. Nur: Wer bestimmt das eigentlich – und mit welchem Recht? Der reflexhafte Vorwurf der Oberflächlichkeit wirkt dabei selbst erstaunlich oberflächlich, ein ritualisiertes Stirnrunzeln, das mehr über die Kritiker verrät als über das Gezeigte.

Natalie Bernsteiner, besser bekannt als Ms. Marnali, ist eine jener Frauen, die das Format begleitet. Pop-Art-Künstlerin, Galeristin, alleinerziehende Mutter von drei Kindern – und, man ahnt es, nicht gerade das, was man landläufig als Klischee-Statistin bezeichnet. „Ich wollte der Öffentlichkeit mehr über mich zeigen“, sagt sie. „Es sieht immer so einfach aus: Glamour, Party, Vernissagen. Aber ich muss für unseren Lebensunterhalt sorgen. Das ist verdammt hart.“

Dreizehn Drehtage über drei Monate verteilt, eine Gage, „von der man nicht leben kann“, und ein Drehplan, der eher nach Disziplin als nach Dekadenz klingt. Im Fitnessstudio musste sie ihre Übungen mehrfach wiederholen – nicht für die Pose, sondern für die Kameraeinstellung. „Das war anstrengend“, sagt sie trocken, „ich habe wirklich trainiert.“ Die Kamera verlangt Wiederholung, nicht Wahrheit – aber die Wiederholung macht die Wahrheit sichtbarer, nicht unsichtbarer.

Im Soap-Fernsehen will man Tränen sehen

Auch sonst entpuppt sich der vermeintliche Glamourbetrieb als erstaunlich kleinteilig. „Was mich genervt hat? Dass mir immer wieder die gleiche Frage gestellt wurde, nur anders formuliert.“ Ein Satz, der weniger nach Luxus klingt als nach journalistischem Alltag. Und wenn sie über die Dreharbeiten spricht, schwingt eher Handwerk als Hochglanz mit: Reibereien im Team, lange Tage, emotionale Gespräche. „Es war nicht immer einfach, über meine Vergangenheit zu sprechen“, sagt sie, über den verstorbenen Mann, über Brüche, über Verluste. „Aber im Fernsehen will man natürlich auch Tränen sehen.“

Die Produktion – verantwortet von SWR und NDR – hat ihre eigenen Regeln. Die fünf Protagonistinnen durften sich nicht kennenlernen, nichts voneinander wissen. Selbst dort, wo sich Lebenswelten überschneiden könnten, wurden sie getrennt gehalten. Was als dramaturgischer Kniff gedacht ist, wirkt wie ein unbeabsichtigtes Gleichnis: Diese Insel besteht aus Parallelrealitäten, die einander streifen, aber selten durchdringen.

Mallorca als Kulisse

Und genau hier beginnt das Missverständnis der Kritiker. Sie werfen der Serie vor, Mallorca zur bloßen Kulisse zu degradieren, eine glitzernde Oberfläche zu zeigen, die mit dem „echten Leben“ nichts zu tun habe. Als gäbe es dieses eine echte Leben. Als wäre die Insel ein statisches Gebilde und kein dynamisches Geflecht aus Milieus, Interessen und Herkunftsgeschichten.

Bernsteiner widerspricht dieser Sicht mit einer Gelassenheit, die fast schon provoziert: „Im Grunde ist die Soap Unterhaltung. Und Realität zugleich.“ Ein Satz, der in seiner Einfachheit die ganze Debatte entkernt. „Jeder lebt in seiner eigenen Welt, in seiner eigenen Realität. Das macht doch den kosmopolitischen Reiz dieser Insel erst aus.“ Wer darin eine Verharmlosung sieht, verwechselt Vielfalt mit Verfälschung.

Natürlich gibt es sie, die schillernden Szenen: Vernissagen, Modenschauen, Partys. Die Kamera begleitet Ms. Marnali dorthin, wo Öffentlichkeit entsteht. „Ich musste keine Rolle spielen“, sagt sie und lacht. „Mein Leben ist spannend genug.“

Etwa jener Moment bei einer Vernissage in einer Galerie in Palma, als sie beim Aufbau ein fremdes Kunstwerk zu Fall brachte. „Das war mir voll peinlich!“ Glamour hat selten so hörbar geklirrt. Es sind diese unkontrollierten Augenblicke, die keine Dramaturgie plant und die doch mehr über Wirklichkeit erzählen als jede sorgfältig gesetzte Kamerafahrt.

Oder die nüchterne Abgrenzung vom üblichen Fernsehzirkus: Formate wie Dschungelcamp? „Kenne ich gar nicht, gehört nicht zu meinem Plan.“ Sie sei Künstlerin, sagt sie, und wolle sich als solche weiterentwickeln. Fernsehen ist für sie kein Selbstzweck, sondern Bühne unter vielen. Eine zweite Staffel? „Wäre ich dabei.“ Nicht aus Eitelkeit, sondern aus Konsequenz.

Empörung über angeblich falsche Darstellung wirkt selbst wie ein Klischee

Die eigentliche Ironie liegt ohnehin woanders. Die Empörung über die angeblich falsche Darstellung Mallorcas wirkt selbst wie ein Klischee – das der moralisch überlegenen Außenperspektive. Als gäbe es eine verbindliche Version der Insel, die man gegen Abweichungen verteidigen müsste. Als sei das Leben der anderen per se verdächtig, sobald es nicht der eigenen Vorstellung entspricht. „Ist es ein Problem, dass manche glamouröser leben als andere?“, fragt Bernsteiner. Wer hier vorschnell urteilt, entlarvt weniger die Serie als die eigene Sehnsucht nach klaren, einfachen Bildern.

„Ich schäme mich nicht für mein Leben, für meine Realität.“ Es ist ein schlichter Satz, fast trotzig. Und vielleicht die treffendste Antwort auf eine Debatte, die weniger über Mallorca erzählt als über die Unfähigkeit, Widersprüche auszuhalten. Die Dokusoap „Me, Myself, Mallorca“ ist ab dem 24. März in sechs Folgen à 45 Minuten in der ARD Mediathek zu sehen.

Zum Thema
Meistgelesen