Die neue ARD-Doku Me, Myself & Mallorca könnte kaum besser ins Bild passen. Fünf Frauen präsentieren ihr Inselleben – mit ganz viel Glanz und Glamour. Bitte nicht falsch verstehen: Jede von ihnen hat das Recht dazu. Niemand muss sich rechtfertigen, womit er oder sie hier sein Geld verdient. Und doch verfestigen Formate wie dieses ein Bild von Mallorca, das zunehmend irritiert. Die Insel verkommt zur bloßen Kulisse – zur Bühne für vermeintlich glamouröse Leben deutscher Expats.
Stärkstes Symptom dieser Krankheit sind die vielen sogenannten Influencer und Youtuber, die sich seit der Pandemie in geradezu lichtgeschwindem Tempo zu vermehren scheinen. Oft junge Paare aus der Bundesrepublik, die ihren Followern unter Tränen auf Instagram von der "mutigsten Entscheidung ihres Lebens" erzählen: der Auswanderung nach Mallorca.
Hier angekommen inszenieren sie dann einen Alltag, der mit dem realen Leben auf der Insel kaum Berührungspunkte hat. Luxuriöse Fincas, "Slow Life", Sauerteig-Tagebücher, Schminktipps – und dazu die immer gleiche Botschaft: "Mallorca ist so herrlich entschleunigt. Keine Geldsorgen, keine Verkehrsprobleme – und schon gar nicht diese furchtbare Politik."
Das Rezept ist simpel: Mallorca an, Welt aus. Die Insel dient als perfekte Bühne mit Strand und Sonne. Mit spanischer Politik beschäftigt man sich einfach nicht, auf Palmas chronisch verstopfter Ringautobahn taucht man sowieso nie auf, und Content Creation scheint für ein komfortables Einkommen auszureichen. Dass diese Auswanderungen aus echter Verbundenheit mit der Insel geschehen, darf man getrost bezweifeln. Gerne wird auch "gependelt". Und so entsteht das Bild einer immer losgekoppelteren hippen deutschen Parallelwelt, die die Insel konsumiert, aber weder wirklich kennt noch ehrlich lebt. Das gab es in Ansätzen schon immer. Doch inzwischen erreicht es eine neue Trash-Qualität.
Die sozialen und wirtschaftlichen Realitäten der Mallorquiner und jener Zuwanderer, die hier als Angestellte, Handwerker oder Pflegekräfte ein ganz normales Leben führen – bleiben Randnotiz. Wohnungsnot? Explodierende Mieten? Niedrige Löhne? Politische Debatten? All das existiert im Feed nicht. Dort scheint Mallorca ein konfliktfreier Sehnsuchtsort zu sein, befreit von jeder gesellschaftlichen Reibung. Und noch etwas drängt sich auf: Dass all diese Influencer hier tatsächlich als Residenten gemeldet sind, darf zumindest bezweifelt werden. Die Insel als Lebensmittelpunkt zu inszenieren, ist das eine. Sich auch rechtlich und steuerlich zu ihr zu bekennen, das andere.
Mallorca wird so zur Projektionsfläche: für Selbstverwirklichung, für ein ästhetisches Lebensgefühl, für den Traum vom besseren, ruhigeren, "wahreren" Leben. Doch wer die Insel nur als Hintergrund für das eigene Narrativ nutzt, verpasst das Wesentliche. Sie ist nämlich ein Lebensraum – für Menschen, die arbeiten, kämpfen, manchmal leiden, sich ärgern, im Stau stehen, und mehr als nur einmal an der spanischen Politk verzweifeln. Aber während diese Menschen hier bleiben, ziehen viele "Influencer" irgendwann dann doch weiter – kündigen wieder unter Tränen im nächsten Post an, dass man nun doch nach Dubai gehe. Und zurück bleibt eine Insel, die eine Zeit lang dekorativer Hintergrund war.