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Wohn-Dramen auf Mallorca immer schlimmer: Arbeiter schlafen im Lkw-Anhänger, Mann lebt mit Tauben auf Parkbank

Zwei erschütternde Fälle aus Palma zeigen, wie drastisch die Wohnungsnot auf der Insel längst geworden ist

Der Obdachlose "Ariel" lebt seit Monaten auf einer Parkbank an Palmas Paseo de Mallorca. | Foto: Fernándo Fernández

| Mallorca |

Es sind Geschichten, wie sie sonst eher in Metropolen am Rand der Welt vermutet werden – doch sie spielen mitten in Palma. Die Wohnungsnot auf Mallorca hat eine neue Qualität erreicht. Sie zwingt Menschen in Lebensrealitäten, die selbst langjährige Inselbewohner fassungslos zurücklassen.

Wenn der Parkplatz zum Schlafzimmer wird

Ein zum Schlafzimmer benutzter Lastwagenanhänger

Am Rand der Stadt, in den Gewerbegebieten Son Malferit und Son Morro, zeigt sich die Krise in besonders roher Form. Wo tagsüber Lieferverkehr und Geschäftigkeit herrschen, verwandeln sich die breiten Asphaltflächen nachts in eine Art Schattenwelt. Dort stehen Lastwagenanhänger – und einige von ihnen dienen als Unterkunft. Nicht für Durchreisende, sondern für Menschen, die auf Mallorca arbeiten, aber keinen Wohnraum finden. Beobachter berichten, dass sich Planen öffnen, dass Personen in die Auflieger klettern. Ein Schlafplatz zwischen Metallwänden, improvisiert und ohne jede Würde.

Die Nähe zur Wohnwagensiedlung von Son Güells verstärkt das Bild einer Gegend im Ausnahmezustand. Anwohner klagen über Unsicherheit, sprechen von nächtlichen Ansammlungen, von Massenbesäufnissen und ziehen inzwischen sogar Bürgerpatrouillen in Betracht. Besonders brisant: Unter den Betroffenen sollen sich auch Beschäftigte aus den umliegenden Betrieben befinden. Menschen also, die Teil der Wirtschaft sind, die täglich arbeiten – und dennoch keinen Zugang zu regulärem Wohnraum haben.

Die Gleichung der Insel geht für sie nicht mehr auf. Steigende Mieten, knapper Wohnraum, ein Markt, der längst auf internationale Käufer und Ferienvermietung ausgerichtet ist. Zurück bleiben jene, die das System am Laufen halten – und nachts im Anhänger schlafen. Das Industriegebiet wird so unfreiwillig zur Chiffre einer Entwicklung, die viele längst spüren, aber selten so sichtbar wird.

Ein Leben zwischen Tauben und Verkehrslärm

Ein ganz anderes, und doch verwandtes Bild zeigt sich nur wenige Kilometer entfernt am Paseo Mallorca. Dort ist „Ariel“ längst eine bekannte Figur. Ein Mann, der auf einer Parkbank lebt – Tag und Nacht, bei Hitze, Regen oder Kälte. Er spricht von einem „kosmischen Ruf“, der ihn an diesen Ort geführt habe. Passanten beobachten ihn, Nachbarn kennen ihn, die Tauben sind seine ständigen Begleiter. Was für Außenstehende bizarr wirkt, ist für ihn Alltag – und für die Stadt ein sichtbares Zeichen wachsender Obdachlosigkeit. Die Situation eskalierte zeitweise: Hygienische Probleme durch die Fütterung der Tiere, Konflikte mit Anwohnern, sogar ein Angriff, der Polizeieinsätze nach sich zog. Schließlich griff die Stadt ein und ließ die Bänke entfernen.

Vertreibung ohne Lösung

Doch verschwunden ist Ariel nicht. Er zog einfach ein paar Meter weiter, ließ sich unter Bäumen nieder, zunächst auf einem Stuhl, dann wieder auf einer Bank. Seine Habseligkeiten um ihn herum, die Tauben weiterhin an seiner Seite. Es ist eine stille Verschiebung statt einer Lösung. Die Maßnahme der Stadt beseitigte das sichtbare Problem – nicht aber die Ursache.

Beide Fälle könnten unterschiedlicher kaum sein – und erzählen doch dieselbe Geschichte. Die einen schlafen verborgen in Lastwagenanhängern, die anderen sichtbar auf Parkbänken. Gemeinsam ist ihnen, dass sie keinen Platz mehr im regulären Wohngefüge der Insel finden.

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