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Urgestein des Mallorca-Blues

Victor Uris: "Musik war mein Trampolin"

Victor Uris: Die Mundharmonika - 50 verschiedene Modelle besitzt er - hat eine ganz besondere Bedeutung für ihn (hier mit Mitgliedern seines "Blues-Quartetts").

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Seine Stimme ist rau, der Sound seiner Mundharmonika ist tief - so wie es sein muss. Der mallorquinische Musiker Victor Uris hat sich seit Jahrzehnten dem Blues verschrieben.

"Der Blues", sagt Victor Uris, "ist die Basis aller modernen Musik, ist die Grundlage für Jazz und Rock' n Roll." Es sei eine Musik, bei der man alle Emotionen rauslassen könne, ähnlich wie der Flamenco, so der Künstler: "Sie kommt aus den tiefsten Wurzeln der Menschen. Blues ist der beste Weg, Leidenschaft, Freude oder Glück auszudrücken, aber auch Kummer, Trauer, Frust und Leid."

Und Victor Uris (geboren 1958 in Palma) hat eine ganze Menge "rauszulassen". Als er drei Jahre alt war, starb seine Mutter. Von da an lebte er mit Vater und Großmutter, die beide während der Franco-Diktatur mehrere Jahre aus politischen Gründen im Gefängnis waren. Seine Großmutter durfte bis zu ihrem Tod Palma nicht verlassen: "Liebend gern wäre sie noch einmal auf ihre Heimatinsel Menorca zurückgekehrt."

Als Victor Uris 19 war, starb sein Vater. Drei Jahre zuvor hatte er einen schweren Unfall mit dem Motorrad: "Irgendwie habe ich den Unfall selber verursacht", sagt Victor Uris, "ich bin immer wie ein Wilder gefahren."

Nach 13 Monaten allein in einem Krankenhaus in Barcelona - "Meine Familie hatte kein Geld, mich öfter als alle zwei Wochen zu besuchen" - war klar: Victor Uris wird sein Leben querschnittsgelähmt im Rollstuhl verbringen. "Ich war noch gut dran", sagt er heute. "Ich hatte, Gott sei Dank, keine Kopfverletzung. An den Rollstuhl kann man sich gewöhnen. Ich habe zur Zeit des Unfalls bereits in einem Büro gearbeitet. So zahlt mir der Staat eine kleine Rente, nicht viel. Aber es hilft."

Großmutter und Enkel richteten sich auf ein gemeinsames Leben ein, doch nur wenige Jahre später starb sie: "Das war viel schlimmer als der Unfall", sagt Victor Uris. In dieser Zeit habe er eine Platte mit Musik von Sonny Terry und Brownie McGee gehört: "Es war wie ein Schock, als würde ich zum ersten Mal in meinem Leben Musik hören." Dabei war ihm Musik von Kindesbeinen an vertraut: "In meiner Familie wurde viel gesungen. Ich habe schon von klein auf Mundharmonika gespielt."

Das Instrument - er besitzt heute mindestens 50 davon - bekam auf einmal eine andere Dimension für ihn. Und er hatte in seiner Begeisterung Mitstreiter: Gemeinsam mit dem Gitarristen Pep Banyo und dem Schlagzeuger Toni Reynes gründete er die "Harmonica Coixa Blues Band". Victor Uris' Part sind Gesang und Harmonika: "Harmonika-Spieler müssen auch singen, sonst sind sie nicht gefragt."

Das war 1982. Die Band - es war die Erste dieser Art auf Mallorca und eine der Ersten in Spanien - hatte bald Kultstatus auf der Insel, spielte in Jazz-Kellern, auf Fiestas, auf Jazz-Festivals. "In der Zeit nach Franco gab es in Spanien großen Nachholbedarf nach nichtspanischer Musik", sagt Victor Uris.

1987 nahm die Gruppe die erste Single auf, 1988 die erste LP, bald tourten sie gemeinsam mit Gastmusikern wie Errol Woiski, spielten mit Johnny Copeland, Kevin Ayers, Joan Bibiloni und bis heute immer wieder mit der katalanischen Blues-Sängerin Big Mama. Mit vielen der Musiker ist Victor Uris bis heute befreundet, auch wenn es die Band seit einigen Jahren nicht mehr gibt: "Wir haben 1990 ein Jahr Auszeit genommen. Die dauert noch an", erzählt Uris und grinst. "Die Musik", sagt er, "war mein Trampolin, die Musik hat mir das Leben gerettet."

Heute lebt er allein in einer auf seine Bedürfnisse zugeschnittenen Wohnung, gibt sich lebensfroh und zuversichtlich: "Durch das Leben mit mir selbst habe ich alle meine Möglichkeiten ausgeschöpft." Er macht nach wie vor Musik, spielt regelmäßig im Bluesville, hat im vergangenen Jahr mit Freunden eine CD aufgenommen: "That Boogie Thing".

Sein Wunsch zum neuen Jahr: "Ich möchte noch lange jeden Morgen aufwachen und feststellen, dass ich am Leben bin."

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