Wer wissen will, wie Mallorca wirklich klingt, darf nicht an die Playa de Palma fahren. Er muss dorthin, wo der Wein noch aus namenlosen Karaffen fließt, die Tische kleben und die Luft so dick ist, dass man sie in Scheiben schneiden könnte. Hier herrscht nicht das sanfte Plätschern des Mittelmeers, sondern der Truc. Ein Kartenspiel, das nicht geflüstert, sondern herausgeschrien wird, als hinge das Überleben der Dorfgemeinschaft davon ab. Während Touristen in Palma ihren Avocado-Toast fotografieren, schlagen Einheimische mit der flachen Hand auf Holzplatten, die schon bessere Tage gesehen haben. Es ist Widerstand, aber einer mit Karten.
Truc ist kein Spiel, das man beiläufig spielt. Es verlangt Aufmerksamkeit, Mut zur Übertreibung und eine gewisse Lust an der Täuschung. "Truc ist Strategie, aber vor allem Theater", sagt Pedro Siquier, Präsident des mallorquinischen Truc-Verbands Som Truc. "Man spielt Karten – und gleichzeitig spielt man den Gegner." Das Erheben der Stimme, das Zögern vor einem Stich, der Blick zur Decke: All das gehört dazu. Truc ist laut, weil es gesellig ist, und es ist gesellig, weil es niemandem erlaubt, sich hinter einem Bildschirm zu verstecken.
Beim Truc gewinnt nicht die Karte, sondern der Kopf
Seine Ursprünge sind älter als jede Smartphone-App. Über die Araber sei das Spiel auf die Iberische Halbinsel gekommen, erklärt Siquier, gespielt werde es heute auf den Balearen, in Valencia, Teilen Kataloniens – und erstaunlicherweise auch in Argentinien. "Die Essenz ist überall gleich", sagt er, "aber jedes Gebiet macht es zu etwas Eigenem." Auf Mallorca wurde Truc zu einer Art sozialem Spiegel: Jede Gemeinde, jedes Dorf, jede Bar bringt ihren eigenen Tonfall mit an den Tisch.
Wer Truc verstehen will, muss vor allem eines begreifen: Das eigentliche Ziel ist nicht der Stich, sondern die Irreführung. Gespielt wird mit einem spanischen Blatt, jeder erhält nur drei Karten – zu wenig, um sich auf Glück zu verlassen. Also wird geblufft. Man ruft laut "Truc!", erhöht den Einsatz, zwingt den Gegner zur Entscheidung: mitgehen, aufgeben oder kontern. "Man kann mit schlechten Karten gewinnen, wenn man überzeugend lügt", sagt Siquier trocken. "Und man kann mit guten Karten verlieren, wenn man zu ehrlich ist." Genau darin liege der Reiz.
Zwischen Geheimzeichen und neuem Publikum
Hinzu kommen die berühmten Señas, geheime Zeichen für den Spielpartner. Ein Zucken der Augenbraue kann ein Ass bedeuten, ein verzogener Mundwinkel eine Sieben. Doch wer glaubt, Truc sei eine festgelegte Zeichensprache, irrt. "Es geht weniger um feste Signale als darum, zu lesen, wie sich der andere verhält", sagt Siquier. Unerfahrene Spieler verraten sich oft selbst. Erfahrene täuschen sogar Unsicherheit vor. Psychologischer Verschleiß sei Teil des Spiels – besonders in langen Partien, in denen Konzentration wichtiger werde als jede Karte.
Lange galt Truc als Relikt aus einer Zeit, in der Männer ihre Nachmittage in Bars verbrachten und niemand fragte, wo sie eigentlich waren. Dieses Bild ist überholt. "Schon vor Jahren haben junge Leute angefangen, Turniere zu spielen", sagt Siquier. Heute seien sie die treibende Kraft, dazu kämen immer mehr Frauen. Truc erlebe keine Mode, sondern eine Rückkehr der Generationen. "Viele können es, aber trauen sich nicht", sagt er. "Unsere Aufgabe ist es, Räume zu schaffen, in denen man sich traut."
Truc auf Mallorca: Gemeinschaft statt Bildschirm
Für Siquier ist Truc mehr als Freizeit – es ist kultureller Widerstand. Nicht aggressiv, sondern beharrlich. "Wir leben in einer Welt, in der man nebeneinandersitzt und trotzdem allein ist", sagt er. "Beim Truc geht das nicht. Du musst hinschauen, zuhören, reagieren." Dass soziale Netzwerke genutzt werden, um Turniere zu bewerben, sieht er pragmatisch. Der Tisch bleibe analog, die Erfahrung unverfälscht. Kein Filter könne einen Bluff ersetzen.
Um Geld geht es dabei kaum noch. Die Geschichten von verspielten Ländereien gehören ins Reich der Legenden. Heute spielt man um Ehre, um Respekt – oder um die nächste Runde Getränke. "Man kann nicht vom Truc leben", sagt Siquier, "aber der Pokal des Meisters von Mallorca wiegt schwerer als jeder Geldpreis." Es gehe um Zugehörigkeit, um Prestige innerhalb einer kleinen, lauten Welt.
Und die Fremden? Können sie mitspielen? Theoretisch ja. Praktisch braucht es Zeit, Beobachtung – und die Bereitschaft, sich zu blamieren. Deutsche Truc-Spieler habe er noch keine gesehen, sagt Siquier mit einem Schmunzeln. Vielleicht fehle ihnen noch die Lust am kontrollierten Chaos.
Wer Mallorca abseits der Postkarten-Idylle erleben will, sollte sich an den Rand eines solchen Tisches wagen. Aber Vorsicht: Wenn Ihnen jemand zuzwinkert, ist das kein Flirtversuch. Er will Ihnen nur sagen, dass Sie gerade dabei sind, auf höchstem Niveau getäuscht zu werden. Und genau so klingt Mallorca, wenn niemand zuhört.
Info unter
www.somtruc.cat