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Grüner Schnuller verzweifelt gesucht

Das Fundbüro in Palma – der Beweis für das Gute im Menschen

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Die Enttäuschung steht ihm ins Gesicht geschrieben. Mit hängenden Schultern klappt der junge Mann langsam die hölzerne Box mit den gefundenen Autoschlüsseln wieder zu. Seiner ist nicht darin. „Ihr wart meine letzte Hoffnung“, sagt er zu José Miguel Bonet und dessen Kollegen, muss tief schlucken, „500 Euro will das Werk für die Kopie.“ José Miguel lächelt milde, verständnisvoll: „Nun mal nicht den Kopf hängen lassen. Wer weiß, manchmal finden sich die Dinge ja doch noch...“ Menschliche Dramen gehören zum Tagesgeschäft des 49-jährigen Polizeibeamten. Seit fünf Jahren hört er sich im Untergeschoss des Behördenzentrums in den Avenidas von Palma von morgens acht bis mittags zwei Uhr an, wann wer wo was wieso verloren hat. „Genial sind dann jene Momente, in denen ich ihnen das, was sie so sehr gesucht haben, auch wiedergeben kann!“, erzählt er und schmunzelt beseelt, „neulich erst habe ich einer Deutschen ihre gestohlene Handtasche zurückgeben können. Die war so aus dem Häuschen, dass sie mir zwei knallende Küsse aufgedrückt hat.“ Glücklich ist der Beamte aber noch aus einem ganz pragmatischen Grund: „Dann haben wir wieder ein Stück weniger am Lager.“ Denn das Kämmerchen platzt aus allen Nähten. José Miguel holt seine dicke Registermappe hervor. 220 Schmuckstücke, 7577 Dokumente, 206 Kleidungsstücke, 1609 Koffer, Handtaschen, Handys, Spazierstöcke, Regenschirme und Ähnliches warten in den bis unter die Decke vollgestopften Regalen auf Abholung. „Hier gibt es nichts, was nicht gibt“, sagt José Miguel. Frisch reingekommen: Ein Staubsauger, ein Kartenlesesystem, eine Kaffeemühle, eine Flöte, eine weiße Klobrille, ein paar Handschellen, eine Heizdecke, ein grüner Schnuller. Das Wundern habe er sich schon in den ersten Tagen abgewöhnt, erzählt der Polizist lachend. 2009 wurden 8400 Gegenstände eingeliefert, 7813 vermittelt, 9612 sind noch am Lager. Das meiste modere hier zwei Jahre vor sich hin – so lange schreibt es die Rechtsprechung vor. Wird es in diesem Zeitraum abgeholt, steht dem Finder laut Gesetz eine Prämie von zehn Prozent zu, sonst geht es nach Ablauf der Frist ganz in seinen Besitz über. Holt er es ebenfalls nicht ab, wird es gespendet. „Das Gesetz müsste überarbeitet werden“, sagt José Miguel nachdenklich, „zwei Jahre sind viel zu lang. Wenn ein Kinderwagen nach einer Woche nicht abgeholt wird, kannst du davon ausgehen, dass das Kind schon längst in einem neuen sitzt.“ Zusätzlicher Ballast komme von den fliegenden Händlern: „Alle illegale Ware, die konfisziert wird, kommt auch hierher. Von denen holt natürlich keiner sein Zeug ab, die haben Angst, dass sie dann zur Rechenschaft gezogen werden.“ Und woran erkennt José Miguel, ob der Gegenstand wirklich demjenigen gehört, der danach fragt? „Das spürt man“, sagt er knapp. „Aber mal ehrlich, wenn jemand kommt und seinen schwarzen Regenschirm sucht, dann lege ich ihm 15 hin und er soll sich den Schönsten aussuchen. Hauptsache wir sind die Dinger los!“ Betrüger, die unter falschen Tatsachenbehauptungen Dinge abgreifen wollten, kämen nur sehr selten vor. „Im Gegenteil. Wir sind oft der lebende Beweis für das Gute im Menschen.“ José Miguel sucht einen Umschlag hervor. 15 Euro stecken darin. „Gestern gefunden im Krankenhaus Son Llàtzer, sofort abgegeben.“ Es tue gut zu sehen, wie rechtschaffen und selbstlos noch viele Menschen seien. „Umso mehr genieße ich es dann, wenn sie dafür auch belohnt werden. Letzten Monat hat sich hier eine junge Frau 6000 Dollar abholen können, die sie vor zwei Jahren gefunden hatte. Das Geld war ein reiner Segen für sie – sie war wohl gerade arbeitslos geworden“, José Miguel strahlt. „Wenn ich dann daran denke, dass andere Kollegen von mir Strafzettel aufbrummen müssen, liebe ich meine Arbeit gleich umso mehr ...“

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