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Keine Angst vor dem Tod

Tomas de Niero an der Playa de Palma. Ende der 90er Jahre verliebte der Berliner sich in Mallorca und möchte sein Leben auf der Insel nicht mehr missen.

| Portocolom, Mallorca |

Tomas de Niero stellt klar: "Es ist nicht so platt, wie es sich manche vielleicht vorstellen: Man steigt da ein, hat Angst, steigt aus und ,Gott sei Dank, es hat geklappt!' Stattdessen passieren Sachen, die du dir niemals vorher ausrechnen konntest", meint der 57-Jährige und blinzelt in die Sonne. "Das ist mittlerweile auch mein Lebensmotto geworden. Ich erwarte nicht, zu wissen, was da kommt."

De Niero spricht über seine Flucht aus der DDR vor genau 40 Jahren. Zusammen mit seiner Mutter lag er im Kofferraum eines Diplomatenautos und passierte in diesem den Checkpoint Charlie von Ost- nach West-Berlin. Das war 1975 und Tomas ein 16 Jahre alter Berliner Junge, der in eine neue Welt katapultiert wurde. Heute lebt der Autor, der in den vergangenen Jahrzehnten unter anderem als Texter, Komponist und Produzent von Schlagern seinen Lebensunterhalt verdiente, auf Mallorca. Vor 13 Jahren entdeckte er die Insel als optimalen Lebensmittelpunkt. Er wohnt in Portocolom, hat aber auch noch ein Standbein in der deutschen Hauptstadt. Dort wird er in den nächsten Wochen wohl häufiger sein, um Werbung für sein Buch zu machen. Denn der Wahl-Mallorquiner hat die Geschichte seiner Flucht aufgeschrieben. "Gedanken im Kofferraum" ist zum Preis von 12,95 Euro in den deutschen Buchhandlungen erhältlich. Das Interesse ist recht groß. Nicht zuletzt, weil die Deutschen in diesem Jahr den 25. Jahrestag der Wiedervereinigung begehen.

Nach der Flucht kamen de Niero und seine vom Vater geschiedene Mutter, eine Kunstmalerin, bei der Schauspielerin und Sängerin Evelyn Künneke unter. Spätestens nach dem Tod der Mutter 1985 wurde die Künneke für den jungen Mann eine Art Ersatzmama. De Niero wird erst ihr Sekretär, schreibt später Texte für sie und produziert Lieder. Bis er sich im Westen eingelebt hatte, verging allerdings eine Zeit lang. "Mir fehlt durch die Flucht, klar ausgedrückt, ein Leben, das andere im Alter zwischen 16 und 20 Jahren so haben", weiß de Niero heute. Er musste früh Verantwortung übernehmen. Mit seiner Umgebung konnte der 16-Jährige zunächst nicht viel anfangen. "Eine ganz andere Welt. Es war alles furchtbar laut und voller Drogen in den 70ern."

Er machte in den Jahren bis zum Mauerfall viele Erfahrungen. Zum Beispiel eröffnete er eine Kneipe und eine Diskothek. Gesundheitlich wurde er auf harte Proben gestellt. De Niero hatte Morbus Crohn und bekam 2004 eine Spenderniere. Seitdem trägt er den Künstlernamen "de Niero", der auch im Pass eingetragen ist.

Die Zeit im Kofferraum hat de Niero ebenso geprägt wie seine Krankheiten. "Ich habe keine Angst mehr vor dem Tod. Er gehört für mich dazu. Es gab ein Ende, in diesem Kofferraum, egal wie's ausgeht. Das habe ich akzeptiert, und genau so sehe ich das eigene Lebensende, wann immer es auch ist. In extremsten Situationen bin ich völlig ruhig, das ist sehr hilfreich."

Das aktuelle Buch soll nicht sein letztes sein. Nach den Schilderungen realer Gedanken während der Flucht kommt bald ein Roman. De Niero schreibt bereits an der Geschichte, die im Showgeschäft angesiedelt ist.

Übrigens: Auch in seinen Jahren auf Mallorca schnupperte der Berliner beruflich in die verschiedensten Branchen rein. Unter anderem betrieb er mit seiner Lebensgefährtin den Music-Club "de Niero" in Felanitx. Als die Partnerin im vergangenen Jahr an Krebs starb, war Schluss mit Live-Musik. Den Namen findet man heute noch an der Fassade.

(aus MM 36/2015)

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