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Sant Elm wartet auf den Piratenüberfall

Auch in Sant Elm geht es bei "Cristianos y Moros" kriegerisch zu. | Michels

| | Sant Elm, Mallorca |

Schlachtenbummler wissen: „Moros i Cristians”, die auf Mallorca beliebten Historienspektakel, werden vor allem in Sóller und Pollença in Szene gesetzt. Aber im beschaulichen Sant Elm, dem Sackgassen-Dorf im äußersten Südwesten von Mallorca, wo man, aus Palma kommend, 30 Kilometer samt diversen Bergkurven abfahren muss, um dann in Ruhe leckeren Fisch essen zu können? Kann nicht sein! Ist aber so! Seit wenigen Jahren gibt es in Sant Elm (Spanisch: San Telmo) eine familiäre Variante der historischen Schlacht.

Die Hauptstraße ist überschaubar, am Ende der Fußgängerzone liegen drei angesagte Fischrestaurants mit Traumblick über die Insel Dragonera, die Dracheninsel, die ihren Namen entweder durch ihre Form hat, denn sie sieht von Weitem aus wie ein schlafender Drache, oder von den vielen Eidechsen, auch Dragones genannt, die auf dem naturgeschützten Eiland leben.

Es ist 12 Uhr an einem Sonntag Anfang August. Die Tische in den Restaurants werden eingedeckt, es weht eine frische Seebrise, die etwas Kühle bringt. Geht man den schmalen Küstenweg noch ein bisschen weiter aus der Ortsmitte heraus, liegen hier kleine Boote an Land und beim Kraxeln über karstige Felsen findet sich ein Einstieg ins türkisfarbene Wasser.

Bei einer Stippvisite in die von außen dicht mit Strohhüten, Basttaschen, gehäkelten Bikinis und Strandtüchern behängten Läden lassen sich hier und da Shops entdecken, die einen genaueren Blick lohnen. Bei „Just Sant Elm“, was sowohl mit „Nur Sant Elm“ übersetzt werden kann, aber auch auf die Produkte aus Fairtrade, „Comercio justo” anspielt, finden sich wunderschöne und geschmackvolle Schmuckstücke lokaler Künstler. Die Inhaberin ist Mitglied des Vereins „Visit Sant Elm“, der den Einzelhandel dieses kleinen Küstenortes unterstützt. Der Laden sei das ganze Jahr über geöffnet, sagt sie ein wenig stolz. Keine Selbstverständlichkeit in diesem kleinen Ort, der vom Sommertourismus lebt. Guten Fisch gebe es zudem in allen Restaurants am Ortsausgang, verrät die Einheimische.

Wer ein paar Meter von der ersten Meereslinie abweicht, findet unter einem schattigen Gummibaum das Restaurant La Coquotte, betrieben von Florence, einer Französin. Auch von hier sieht man das Meer tiefblau schimmern, und die eigens für eine Person angerichtete Paella mit einem kalten Bier schmeckt fantastisch. Ja, so beschaulich ist Sant Elm. Eigentlich.

Denn am diesem Wochenende, genauer gesagt am Freitag, 9. August, wird das sonst recht verschlafen wirkende Örtchen mit Donner und Kanonen befeuert. Schwerter werden gezückt, Leuchtraketen in den Nachthimmel geschossen und junge Mallorquiner, teils noch im Kindesalter, liefern sich am Strand erbitterte Schaugefechte. Am Ende werden, der Lauf der Geschichte, die Christen über die Mauren siegen.

Für diese Art kostümierte Historienspektakel mit Tausenden Teilnehmern sind auf Mallorca andere Orte weit bekannter. Sant Elm trat bislang kaum in Erscheinung. Aber auch hier gab es einst Piratenangriffe.

Hundert Prozent historisch korrekt nachgestellt sei der Event nicht, räumt Pau Galera, Organisator und Mitglied des Vereins „Amics de Sant Elm”, ein. Ein wenig freie Interpretation sei schon dabei – sowie vor allem Spaß für die Familien und Jugendlichen des Ortes.

Der Ablauf: Die Piraten werden von See aus eintreffend, versuchen, an Land zu gelangen. Die als Christen verkleideten, meist jugendlichen Mallorquiner verteidigen die Küste. Wer jünger als 13 Jahre ist, darf streng genommen aus Sicherheitsgründen bei den Kämpfen nicht teilnehmen. Ansonsten kann jedoch jeder mitmachen, ob jung oder alt, ob Mallorquiner oder Zugereister.

Dass dieser Rummel in Sant Elm stattfindet, verdankt der Ort vor allem Pau Galera. Er organisiert das Historienfest seit einigen Jahren weitgehend in Eigenregie, früher schon waren seine Eltern begeisterte Ausrichter des nachgestellten Scharmützels. Unterstützung erhält Pau Galera vom Verein „Amics de Sant Elm“ und dem Rathaus in Andratx. Ein wenig Geld für die Pyrotechnik und die Batucada, die für Rhythmus mit Trommeln und Pauken sorgt, steuert die Gemeinde bei.

„Ich flitze an dem Abend mit dem Walkie-Talkie durch die Gegend, kämpfe aber auch ein wenig mit“, sagt der Mallorquiner. Er möchte, dass das Fest in Sant Elm bekannter werde. Kein so riesiges Massenspektakel wie in Sóller, wo inzwischen strenge Regeln aufgestellt werden mussten, damit es nicht völlig außer Kontrolle gerate, aber doch ein wenig bekannter als bisher.

In Sant Elm geht es familiär zu, mit Gaitas und dem Volkstanz Ball de Bot am Strand, Feuerschluckern und Musik und natürlich als Abschluss die große Schlacht am Strand. Eingebettet ist das Spektakel in die vom 2. bis 18. August stattfindenden Fiestas von Sant Elm.

Am Morgen danach wird sich Sant Elm, wie aus einem wilden Traum erwacht, verwundert die Augen reiben, bevor es wieder in die gewohnte Entspannung zurücksinkt. Dann werden die Besucher wieder anreisen, um köstlichen Fisch mit Blick auf Dragonera zu speisen, von den Felsen ins Wasser zu springen oder sich gar von einem der kleinen Boot zur Dragonera-Insel übersetzen zu lassen.Das Pulver der Kanonen wird bis dahin längst verpufft und verzogen sein.

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