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Der deutsche Friseurmeister, der auf Mallorca Gutes tut

Markus Schmitt beim Stutzen des Bartes eines seiner Gäste.

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Die schwarze Lederweste, auch Kutte genannt, wirkt rau und glänzt dennoch in der Sonne. Auf der linken Brust prangt als oberster „Patch”, zu Deutsch würde man wohl Aufnäher sagen, ein Kreis mit zwei goldenen Engelsflügeln, die einen Kamm, eine Schere und ein Rasiermesser umschließen. Darunter stehen auf einem von drei weiteren Patches das Wort „Presidente”. Noch weiter unten befindet sich neben der Flagge Mallorcas ein Aufnäher des „Grand Prix Humanitaire”, des Großen Preises für Menschlichkeit der Republik Frankreich.

Spätestens dieses Abzeichen, das der Vereinigung 2019 in Paris verliehen wurde, erklärt, warum die Augen von Markus Schmitt, dem Spanien-Präsident der Barber Angels, trotz der rauen Rocker-Kluft so viel Wärme und Freundlichkeit ausstrahlen. Schaut man nun etwas genauer auf das, was oberhalb und unterhalb der Augen liegt, erkennt man am perfekten Haarschnitt und sauber gestutzten Vollbart zusätzlich den Friseurmeister aus Frankfurt, der seit fünf Jahren auf Mallorca lebt. „Wir sind Europas größte Vereinigung von Barbieren und Friseuren und schneiden Obdachlosen und generell Menschen, die sich keinen Friseurbesuch leisten können, die Haare.”

2016 gründet Claus Niedermayer im deutschen Biberach an der Riß mit zehn Freunden die Barber Angels Brotherhood. Mittlerweile gibt es mehr als 500 Mitglieder in sechs europäischen Ländern, die zwischen 2017 und 2020 mehr als 40.000 Menschen den Bart gestutzt oder die Haare geschnitten haben. „Wir stehen gerade an der Schwelle, über europäische Grenzen hinauszuwachsen. Mehr darf ich aber noch nicht verraten.”, erklärt der Mann, der einen Friseursalon in Cala Millor betreibt, mit einem Augenzwinkern. Spanienweit gibt es 92 Angels, das Mallorca-Chapter hat 19 Mitglieder.

Der 48-Jährige war schon ein Barber Angel, bevor er sich für die Insel als Lebensmittelpunkt entschieden hat. „Ich kann nicht genau sagen, wie viele Haarschnitte ich in der Zeit gemacht habe. Aber es sind viele Geschichten der Menschen, die auf meinem Stuhl saßen, hängen geblieben.” Schmitt wirkt auf einmal etwas nach innen gekehrt, als er das sagt. Dann lächelt er wieder sein warmes Lächeln und erzählt: „Mein erster Gast damals war ein Arzt, der mir seine Geschichte erzählt hat. Er hatte bei einem Autounfall Frau und Kind verloren. Das konnte er nicht verwinden. Dann kam der Alkohol dazu und ein halbes Jahr später hatte er alles verloren und lebte auf der Straße. Ich weiß noch, dass mich das so berührt hatte, dass ich nach dem Einsatz im Auto saß und weinte.”

So gibt es viele Probleme, Schicksalsschläge und Leidenswege, von denen Schmitt und seinen Kollegen bei ihren in der Regel alle zehn Wochen stattfindenden Aktionen erfahren. Sie tun das, was einen guten Friseur neben seinem handwerklichen Geschick auszeichnet – sie hören zu. „Ein Schnitt kann zehn Minuten oder auch mal zwei Stunden dauern”, erzählt Schmitt. Es gehe natürlich darum, mit einem gepflegten Äußeren neues Selbstvertrauen zu schaffen. „Es ist aber fast noch wichtiger, menschliche Wärme und Aufmerksamkeit zu schenken. Das ist etwas, das Obdachlose in der Regel nur noch sehr selten von ihren Mitmenschen erfahren.”

Die schwarze Kleidung und das vermeintliche Rocker-Outfit haben die Angels einst bewusst gewählt, um „Understatement” zu erzeugen. Rocker würden genau wie Obdachlose stets am Rande der Gesellschaft leben. „Keine Markenkleidung, kein Schmuck, nicht zu viel Make-up und so weiter, das gibt uns die Möglichkeit wesentlich näher an unsere Gäste heranzukommen”, erklärt der Friseurmeister. Außerdem sind die Strukturen der Vereinigung einem Motorrad-Club ähnlich aufgebaut. Ein großer Unterschied ist, dass der Rücken der Lederkutte stets frei bleibt. Damit wird klar, dass die Barber Angels eben keine Biker sind.

„In den Anfangszeiten wurde eine sehr bekannte Motorrad-Gang, die auch das Wort ,Angels’ im Namen trägt, auf uns und unsere Outfits aufmerksam. Wir haben ihnen erklärt, wer wir sind und was wir tun, und seitdem unterstützen sie uns und unsere Arbeit sogar”, verrät Schmitt. So seien die vermeintlich bösen Menschen genauso wenig immer böse, wie die vermeintlich guten Menschen immer gut seien. Man kann eben, um im Friseur-Sprech zu bleiben, nicht alle über einen Kamm scheren.

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