Folgen Sie uns F Y T I R

Die unerwartete Krise: Darum werden immer weniger Liegen am Strand gemietet

Von Mallorca bis an die Nordsee: Sonnenschirme und Liegen bleiben immer öfter unvermietet.. Schuld daran haben steigende Preise, knausrige Urlauber und angeblich ungepflegte Verleiher

Andere Zeiten: Mussten sich Strandurlauber auf Mallorca vor einigen Jahren noch um eine freie Liege prügeln, herrscht derzeit viel freie Auswahl | Foto: Open Art AI

|

Mallorca hat einen neuen Krisenherd. Und, sorry, es sind diesmal nicht die Alkpartys am Ballermann, nicht der Dauerstreit um Ferienwohnungen, nicht die Kreuzfahrthorden im Hafen. Nein, es sind die Liegen. Genauer gesagt: die ungenutzten. Insbesondere an den Stränden im Norden der Insel von Playa de Muro bis Can Picafort klappen die Vermieter seit Wochen am späten Vormittag bereits den Sonnenschirm der Hoffnung zu. Die Vereinigung Adopuma, so etwas wie der Verband der Insel-Liegenlobby, hat jetzt Zahlen veröffentlicht: Im Juli seien die Einnahmen um ein Fünftel eingebrochen. Schuld sei eine Mischung aus steigenden Betriebskosten, teuren Flügen und Hotels – und Urlaubern, die zwar Strand wollen, aber keine Extras.

Der klassische Kunde für Schirm und Liege, so der Verband, sei der „mittlere Budgettourist“, der früher auch mal im Chiringuito einen Aperol Spritz bestellte und sich auf dem Bananenboot vergnügte. Heute legt er lieber selbst das Handtuch aus – und geht beim Wassersport erst am letzten Urlaubstag in die Vollen, wenn klar ist, dass das Konto überlebt.

Die Saison 2025 sollte eigentlich Rekorde bringen – stattdessen reden viele Strandbetreiber von der „leisen Flaute“. Selbst an Wochenenden, wenn die Strandpromenaden voll sind, bleiben Dutzende Liegen leer. Das habe es seit den Pandemie-Jahren nicht mehr gegeben, sagen Einheimische. Manche Vermieter verkürzen deshalb schon die täglichen Öffnungszeiten oder schicken Mitarbeiter früher nach Hause.

So mancher auf Mallorca sucht die Ursache nicht nur im Geldbeutel, sondern auch in „verantwortungslosen, tourismuskritischen Botschaften“, wie Verbandspräsident Onofre Fornés schimpft. Sie würden das Image der Balearen beschädigen. Ob die Debatte um „Dieseltouristen“ – die angeblich viel laufen, aber wenig konsumieren – hilft, den Schirmumsatz anzukurbeln, darf bezweifelt werden.

Manchmal ist die Krise auch hausgemacht – oder besser: hausgepostet. Ein Vorfall am Strand von Canyamel zeigt, wie schnell aus einer simplen Beschwerde ein digitaler Kleinkrieg werden kann. Eine deutsche Urlauberin beklagte sich in einer Facebook-Gruppe mit 3800 Mitgliedern nicht nur über weniger Liegen, sondern attackierte auch den Mann, der sie aufstellt: zu alt, zu wenig Sprachen, zu ungepflegt, zu bierfreudig. Das Netz reagierte umgehend – allerdings gegen sie. „Wir sind in Spanien, hier spricht man Spanisch“, hieß es in einem der harmloseren Kommentare. Andere forderten, die Frau möge doch bitte „nicht mehr zurückkommen“. Die Mehrheit verteidigte den Mitarbeiter, der seit 20 Jahren dort tätig ist.

Italien, Nordsee, Ostsee

Während sich Mallorca noch fragt, wie viele freie Liegen ein Urlauberherz verträgt, kämpft auch Italien mit leer bleibenden Schirmen. Der „Guardian“ meldet Besucherrückgänge von 15 bis 25 Prozent an Privatstränden. Vor allem unter der Woche bleiben in Gallipoli, Puglia oder auf Sardinien teure Plätze unbesetzt. Teuer heißt: bis zu 90 Euro für zwei Liegen und einen Schirm in Gallipoli, 120 Euro auf Sardinien. Wer gleich für eine Woche mietet, spart etwas – aber zahlt in Alassio dennoch 340 Euro. Immer mehr Gäste weichen auf öffentliche Abschnitte aus, was in manchen Regionen schwierig ist, da Privatstrände stetig zunehmen. Der italienische Verbraucherschutz warnt vor einer „sozialen Ausgrenzung am Strand“.

In Deutschland ist das Strandgeschäft weniger glamourös, aber nicht unbedingt billiger. Wer mit der Familie an Nord- oder Ostsee Urlaub macht, lernt schnell: Ein Strandkorb ist nicht nur ein Möbelstück, sondern ein Investment. Auf Rügen kostet er in Glowe und Binz im Schnitt 18 Euro am Tag – deutscher Spitzenwert. Sylt liegt mit 16 bis 17 Euro knapp dahinter, Kühlungsborn verlangt 15,50 Euro. Am unteren Ende der Preisskala: Pellworm mit sieben Euro oder Baltrum mit neun. An der Nordsee kommt allerdings die Kurtaxe ins Spiel, die das günstige Korberlebnis schnell relativiert.

Überall in Europa zeichnet sich ein Muster ab: Die Preisspirale dreht sich schneller, als viele Urlauber bereit sind mitzugehen. Das betrifft nicht nur den Liegestuhl, sondern auch das Eis danach, das Glas Wein davor und die Bootstour dazwischen. Was für Vermieter bedeutet: mehr Aufwand, weniger Ertrag.

Mallorcas Stadtverwaltungen reagieren inzwischen pragmatisch – und leicht zynisch: Im nächsten Jahr soll das Angebot an Liegen um 20 Prozent sinken. Offiziell, um den Einheimischen wieder mehr Platz für ihre Handtücher zu geben. Inoffiziell vielleicht auch, um die optische Lücke zwischen voller Strandpromenade und halbleerem Liegenareal zu schließen.

Und so könnte der europäische Sommer 2025 in die Annalen eingehen als die Saison, in der der Selfmade-Strandurlaub zurückkam: Schirm aus dem Supermarkt, Handtuch von zu Hause, vielleicht ein faltbarer Stuhl aus dem Kofferraum. Für die einen ein Verlust an Komfort, für die anderen eine stille Rückeroberung des Strandes. Nur für die Liegenverleiher bleibt der Blick aufs Meer derzeit vor allem eins: teuer.

Zum Thema
Meistgelesen