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Ein schleichender Abschied: Dieses Palma-Viertel wird von Ausländern Zug um Zug übernommen

Pere Garau gehört zu den Vierteln, in denen man in Echtzeit beobachten kann, wie radikal sich die Inselhauptstadt wandelt. Exemplarisch dafür steht der Einzelhandel

Nael Falo erklärt den Teilnehmern des Rundgangs durch Pere Garau die Geschichte der Cuchilleria Sineu. Rechts: Besitzerin Francisca Bernat berät einen Kunden zu den Einsatzmöglichkeiten eines Trinxet.Fotos: Jonas Martiny

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Zuerst kommt McDonald’s. Ein paar Meter weiter folgt die Filiale einer Fitness-Kette. Schräg gegenüber hat eine spanienweit operierende Immobilienagentur eine Niederlassung. Dann kommen ein Luxusfitnessstudio, eine Versicherungsagentur und noch ein Immobilienbüro. Die Straße Carrer Nuredduna hat sich gründlich gewandelt in den vergangenen Jahren. Genauer gesagt, seit sie zur Fußgängerzone umgebaut wurde. Statt Autolärm und Gedränge auf schmalen Bürgersteigen herrscht dort nun entspannte Freizeitstimmung. Rentner flanieren unter Ginkgo-Bäumen, vorbei an üppig bepflanzten Blumenbeeten und plätschernden Brunnen.

„Diese Straße hat eine Festival-Park-Ästhetik”, findet Nael Falo, der im Viertel lebt und sich in der Bürgervereinigung „Flipau amb Pere Garau” engagiert. Festival-Park hieß lange Zeit das Einkaufszentrum vor den Toren Palmas, in dem vor allem große, internationale Konzerne ihre Outlet-Filialen haben – und das so ziemlich das Gegenteil von dem ist, was man sich unter einem gewachsenen Stadtviertel mit traditionellem Einzelhandel vorstellt. Falo und seine Mitstreiter hatten jahrelang gegen die Pläne der Stadt protestiert, die Nuredduna-Straße zur sogenannten „grünen Achse” umzugestalten. Mehr als zwei Millionen Euro ließ die Stadt sich die Verschönerungsmaßnahme kosten.

An diesem Samstagvormittag führt Falo eine Gruppe Neugieriger durch Pere Garau, auf den Spuren des traditionellen Einzelhandels. In der Nuredduna-Straße gibt es davon nicht mehr allzu viel und so zieht die Gruppe angesichts fehlenden Anschauungsmaterials rasch in Richtung Carrer Manacor weiter. Dort gibt es die alteingesessene Pasteleria Pomar und das Restaurant Ca’n Nofre, wo schon Generationen von Mallorquinern an festlich gedeckten Tischen speisten, wie Falo erklärt. „Wenn in einem Viertel der traditionelle Einzelhandel verschwindet, dann ist das nichts, was man einfach so abtun sollte: Dadurch geht nämlich das verloren, was das Viertel ausmacht.”

Eine Debatte um den Verlust des traditionellen Einzelhandels gibt es in Palma schon seit längerer Zeit. Meist geht es dabei um die Altstadt und um Eisdielen, Waschsalons und Souvenirshops, die solche Geschäfte verdrängen, die sich nicht an Touristen, sondern Anwohner richten. Pere Garau gehört zur Neustadt Palmas, zum Eixample, zu den Gegenden, die erst nach dem Abriss der Stadtmauer zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach und nach städtebaulich erschlossen wurden. Rasch erlebten Industrie und Handel in Pere Garau einen ungeahnten Aufschwung. Vor allem Mallorquiner aus den ländlichen Gegenden der Insel ließen sich in dem neu entstehenden Viertel nieder. 1931 wurde die Grundschule eingeweiht, die erste Schule in Palmas Neustadt überhaupt. Fünf Kinos gab es einst im Viertel. 1943 eröffnete die Markthalle – bis heute unumstrittenes Zentrum von Pere Garau.

Nur zwei Jahre jünger ist das Schuhgeschäft Mesquida, das es bis heute gibt und das zu den emblematischen Geschäften der Stadt gehört. Um in diesen illustren Kreis aufgenommen zu werden, muss das Geschäft seit mindestens 75 Jahren bestehen oder aber einer typisch mallorquinischen Aktivität beziehungsweise einem traditionellen Produkt gewidmet sein. In keinem anderen Viertel außerhalb der Altstadt gibt es so viele emblematische Geschäfte, wie in Pere Garau. Derzeit sind es noch sieben. Dazu gehören unter anderem die Eisdiele Gelats Paco, das Spielwarengeschäft Sandros und der Kurzwarenladen Duran.

Auch die Cuchilleria Sineu hat eine jahrzehntelange Tradition. Neben Messern und Scheren gibt es hier auch Töpfe, Pfannen und alles, was man zu einer traditionellen mallorquinischen Schweineschlachtung sonst noch braucht. Hinterm Tresen des unscheinbaren Ladenlokals steht Francisca Bernat und berät bereitwillig einen Kunden zu den Anwendungsmöglichkeiten eines sogenannten Trinxet, eines Messers mit gebogener Klinge. „Man kann damit gut eine Scheibe Brot abschneiden”, sagt sie. Bernat führt das Geschäft gemeinsam mit ihrer Schwester Miquela in vierter Generation. „Früher kamen die Großeltern zum Einkaufen hierher, dann die Eltern, heute die Enkelkinder”, sagt sie. „Ohne diese Kundentreue könnten wir nicht überleben.”

Dass der traditionelle Einzelhandel auch weiterhin funktioniert, sieht man ein paar Straßen weiter an der Ferreteria Colom. Dort reicht die Schlange der wartenden Menschen bis weit auf den Bürgersteig. Aus ganz Palma kommen die Kunden hierher. Keine Eisenwarenhandlung ist besser sortiert, nirgendwo ist die Beratung kompetenter, so die einhellige Meinung in Nael Falos Gruppe. „Das Geheimnis ist Spezialisierung”, sagt er. „Und du musst die Sprache der Leute sprechen.”

Die Tendenz ist dennoch eindeutig: Der traditionelle Einzelhandel ist auch in Pere Garau auf dem Rückzug. Bei den meisten Stationen des Rundganges handelt es sich um Geschäfte, die längst geschlossen haben. Lediglich die Schilder sind in einigen Fällen noch übrig – ein ehemaliges Fachgeschäft für Nähmaschinen, ein Kostümverleih, ein Sportartikelladen, ein Pferdemetzger. Der Internethandel, die Einkaufszentren auf der grünen Wiese und die Dominanz der großen Ketten setzten dem traditionellen Einzelhandel zu, sagt Nael Falo. Dazu kommen extreme Mieterhöhungen, die manche Immobilienbesitzer aufrufen, sowie die jüngste Initiative der Balearen-Regierung, die Umwidmung von Ladenlokalen zu Wohnungen zu erleichtern. „Aus den schmaleren Nebenstraßen ist der Einzelhandel fast komplett verschwunden”, sagt Falo.

Pere Garau ist das mit Abstand bevölkerungsreichste Viertel Palmas und vermutlich auch das am dichtesten besiedelte. Der offiziellen Statistik zufolge waren hier zuletzt etwa 28.000 Menschen gemeldet. Mittlerweile dürfte die Zahl bereits über 30.000 liegen. Mehr als die Hälfte davon sind nicht auf der Insel geboren. Die Zuwanderer aus anderen Erdteilen, die es in Pere Garau in großer Zahl gibt, begründen nun neue Traditionen: Orientalische Barbiere, Halal-Schlachter und Asia-Supermärkte prägen heute ganze Straßenzüge in Pere Garau. Dazu kommt das wohl abwechslungsreichste gastronomische Angebot der Stadt. Zwei der alteingesessenen Bars am Marktplatz werden mittlerweile von Chinesen geführt. Fusion der anderen Art: Tapas treffen auf Fernost.

Fast ihr ganzes Leben hat Lina Ponsell in Pere Garau verbracht. Kürzlich hat sie mit einigen Gleichgesinnten die Vereinigung Pere Garau Saludable gegründet, die sich ganz allgemein für die Förderung der Gesundheit einsetzt. Für eines der wichtigen Themen in diesem Zusammenhang hält Ponsell die Ausweitung der Grünzonen. Vor allem gebe es einen Mangel an Straßenbäumen im Viertel. Dementsprechend wenig Schatten gibt es. Tatsächlich klaffen immer wieder große Lücken im Baumbestand. „Pere Garau ist das Viertel mit dem geringsten Anteil an Grünflächen in ganz Palma”, sagt Ponsell. Aber nicht nur das: Generell fehle es im Stadtviertel an Infrastruktur. Es gebe keine Sportanlage und das Gesundheitszentrum sei völlig überlastet. Immerhin ist der Umbau des ehemaligen Metropolitan-Kinos zu einem städtischen Multifunktionsgebäude geplant.

Schon seit einigen Jahren gibt es ein Vier-Sterne-Hotel im Viertel. Gleich an der zentralen Plaça Francesc García i Orell, im Volksmund Plaça de las Columnas, „Säulenplatz”, befindet sich das schicke „Nou Baleares”, das nun eine ganz neue Klientel ins Viertel lockt: Touristen. Die wissen das multikulturelle Ambiente und das authentische Flair des Viertels offenbar zu schätzen. Auch, wenn dieses durchaus seine Schattenseiten hat. Gleich vor dem Hotel prallen Welten aufeinander: Der Säulengang des Platzes ist der beliebteste Treffpunkt der Trinker im Viertel, die dort tagtäglich stundenlang in Grüppchen herumstehen, die Bierflaschen kreisen lassen und mit steigendem Alkohol-Pegel zunehmend zur Belästigung für die Passanten werden.

Die vielfältigen Probleme, die es im Viertel gibt, sind auch der Grund dafür, dass Nael Falo den Umbau der Nuredduna-Straße zur Fußgängerzone nach wie vor für falsch hält. Er fragt sich, warum gerade hier so viel Geld investiert werden musste, während es doch so viele andere Stellen gibt, wo es eigentlich noch dringender wäre. Man habe ausgerechnet an der Stelle, die der Altstadt am nächsten ist, eine schicke Flaniermeile geschaffen. Mit weitreichenden Folgen nicht nur für den dortigen Einzelhandel. Auch die Preise für Wohnimmobilien sind in die Höhe geschossen. „Der Umbau zur Fußgängerzone hat der Gentrifizierung im Viertel Tür und Tor geöffnet”, sagt Falo.

Ein Stück Geschichte aber hat auch im Carrer Nuredduna überlebt. Die dortige Bar Mónaco gehört zu den emblematischen Lokalen der Stadt. Sie stammt aus dem Jahr 1929 und ein Teil des Originalmobiliars ist bis heute erhalten.

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